Krippenspiel einmal anders

...und so geht die Weihnachtsgeschichte weiter

STAND
AUTOR/IN

Krippenspiel - das gehört zum Weihnachtsgottesdienst einfach dazu. Nur: in Corona-Zeiten muss alles etwas anders sein. Die evangelische Kirchengemeinde Oberriexingen im Landkreis Ludwigsburg hat die Lösung gefunden - mit einem virtuellen Krippenspiel, Corona-konform im Freien fotografiert und inspiriert von einer Originalgeschichte der Autorin Kathrin Lichtenberger. Das Krippenspiel beantwortet auch die Frage, was eigentlich geschah, nachdem die Hirten bei Bethlehem im Stall waren...

Krippenspiel Oberriexingen (Foto: Sonja Stahl)
...und die Hirten kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Licht aus, welches zu ihnen von diesem Kind besagt war. So kennen wir die (Weihnachts-)Geschichte der Hirten. Aber was passiert eigentlich auf dem Rückweg? Das erzählen die Oberriexinger Kinder hier... Sonja Stahl
Aus Sorge um ihre Schafe nehmen die Hirten bald wieder Abschied von Maria, Josef und dem Kind und machen sich auf den Weg nach Hause. Sonja Stahl
Sie sind kurze Zeit unterwegs, da kommen sie an ein altes, baufälliges Haus. Sonja Stahl
Auf der Bank sitzt ein alter Mann, der starr vor sich hinblickt. Der erste Hirte spricht ihn an: "Hallo du! Was ist mit Dir? Du siehst so traurig aus!" Sonja Stahl
Simon erschrickt, er war ganz in Gedanken versunken. Seinem Gesicht nach zu schließen, dachte er an nichts Schönes! So erzählte Simon seine Geschichte... Sonja Stahl
..."Da habt ihr leider recht. Ich bin Simon, der Schreiner. Das heißt - ich war Schreiner. Damals war ich noch glücklich. Wie habe ich den Geruch von Holz geliebt." Sonja Stahl
"Ein Bett aus Zedernholz für den Kaufmann, eine Kommode aus Olivenholz für die Malutensilien eines Künstlers… Jeden Tag kamen die verschiedensten Menschen, um mir Aufträge zu geben." Sonja Stahl
"Und kaum war das Geschäftliche geregelt, habe ich mich mit ihnen unterhalten. Was ich da alles zu hören bekam!" Sonja Stahl
"Aber heute: was ist mir geblieben? Ich bin alt und einsam. Die Einkäufe erledigt meine Nachbarin, die immer in Eile ist, und ich komme nicht mehr unter die Leute. Keiner meiner alten Bekannten scheint sich an mich zu erinnern, denn Besuch hatte ich schon lange nicht mehr…" Sonja Stahl
"Ich will euch aber nicht mehr länger aufhalten. Sicher habt ihr viele dringende Pflichten. Ich danke euch vielmals, dass ihr mir so viel Aufmerksamkeit geschenkt habt – auch wenn es Euch nicht viel vorkommt, so hat es doch meinen Tag erhellt." Sonja Stahl
Kurze Zeit später bemerken die Hirten ein kleines Mädchen, das weinend im Schatten eines Baumes sitzt. Sie fragen das kleine Mädchen, wo denn der Schuh drückt? Doch das Mädchen versteht die Frage nicht und antwortet, dass ihre Schuhe gar nicht drücken… Die Hirten lachen darüber. Dabei schaut sie traurig und beschwert sich: "Warum lacht ihr über mich? Ihr seid wie alle Erwachsenen! Keiner nimmt mich ernst. Das verstehst Du doch ohnehin nicht… Werd‘ Du erst mal erwachsen…. Du bist noch viel zu klein…und trotzdem soll ich so lange stillsitzen können wie die Erwachsenen." Sonja Stahl
"Dabei hängen meine Eltern immer wieder in irgendwelchen Telefonkonferenzen oder müssen arbeiten, obwohl sie zu Hause sind. Ich darf keine Freunde mehr treffen, und auch Sport darf ich nicht mehr machen so wie früher. Und bei alledem soll ich im Haushalt helfen und auf meine kleine Schwester aufpassen. Ich soll Verantwortung übernehmen, damit sich dieser Virus nicht weiter ausbreitet, weil ich sonst ansteckend bin oder sein könnte. Das ist ungerecht!" Sonja Stahl
Die Hirten setzen sich zu dem Kind und wollen gern mehr wissen über sie. So erzählt Lea: "An meinem Geburtstag durfte ich früher den ganzen Nachmittag mit meinen Freunden spielen. Da sind wir zur Enz gegangen und haben Staudämme gebaut und Kaulquappen gesehen. Oder wir fuhren Skateboard und Roller im Ori Funpark! Wisst Ihr – ich vermisse meine Freunde! Auch in der Schule sehe ich sie nur noch hinter Masken..." Sonja Stahl
"Uns so richtig umarmen oder gemeinsam Zeit unbeschwert verbringen, konnten wir schon lange nicht mehr. Und einfach so mal spielen – den ganzen Nachmittag, mit allen zusammen, daran kann ich mich kaum mehr erinnern." Dabei bemerkt Lea, dass sie schon lange redet. "Ihr habt mich nicht ein einziges Mal unterbrochen. Danke - Ihr habt mich wirklich mit meinen Sorgen ernst genommen. Das macht mir Mut, dass ich bald meine Freunde wieder öfter sehen darf." Sonja Stahl
Als die Hirten wiederum ein gutes Stück weitergelaufen sind und noch immer an die kleine Lea denken, treffen sie an der Straße auf einen Bettler mit zerschlissenen, schmutzigen Kleidern, der vor Kälte schon eine ganz blaue Nase hat. Sonja Stahl
Jakobus, so heißt der Bettler, spricht die Hirten an: "Entschuldigt, dass ich Euch anspreche. Habt Ihr vielleicht ein kleines Stückchen Brot für mich übrig? Ich habe so schrecklichen Hunger. Es ist mir peinlich, dass ich hier sitze und um Brot betteln muss…" Sonja Stahl
So erzählt Jakobus weiter: "Ich war einmal ein reicher Kaufmann. Nicht reich, nein, nein, aber ich hatte immer genug, um mich und meine Familie über Wasser zu halten. Ich habe in der ganzen Welt nach Stoffen Ausschau gehalten. Alles um sie hier zu verkaufen: Brokat, Samt, Seide, Baumwolle…Die Frauen brauchen doch ständig neue Kleider!" Sonja Stahl
"Doch dann, vor einem halben Jahr hat ein Blitz in mein Haus eingeschlagen, als ich selbst gerade unterwegs war, um neue Stoffe zu kaufen. Alles ist verbrannt, mein Haus, meine Stoffe, … alles, was ich besessen habe. Mir ist nichts geblieben als das nackte Leben und die Kleider, die ich auf dem Leib trug." Foto Hosser
Ergriffen von Jakobus Schicksal teilten die Hirten das, was sie hatten – sie waren selbst nicht sonderlich reich, doch es reichte, um etwas Brot und Wasser und auch eine Decke Jakobus zu reichen. Dankbar erwiderte Jakobus: "Ihr habt mir mehr geschenkt als ihr denkt. Kein anderer hat sich je zu mir auf die Straße gesetzt und mit mir Brot und Wasser geteilt." Sonja Stahl
Erschöpft von der langen Reise machen die Hirten an einem kleinen Platz halt, um eine Pause zu machen. Auf einer Bank in einiger Entfernung sitzt Johanna. Sie beobachtet die vorbeieilenden Menschen. Den Hirten fällt die müde Frau auf und sie sprechen sie an – Johanna dreht sich erschrocken zu den Hirten um. Auch sie erzählt ihre Geschichte: Sonja Stahl
"Entschuldigt mein Gestammel, aber ich war ganz in Gedanken versunken. Wenn ich einmal frei habe, komme ich gern hierher, um einmal gesunde, lebendige Menschen zu sehen. Gerade aktuell muss ich meist zwei, drei Dienste am Stück machen. Wir haben viele Patienten, die um ihr Leben kämpfen, und dabei viel zu wenig Pfleger. Einige von uns sind schon selbst vor lauter Last krank geworden. Dieser Virus macht uns alle krank – die, die ihn haben und um ihr Überleben kämpfen." Sonja Stahl
"Die, die diese Patienten pflegen, so wie ich und meine Kollegen. Wir haben jeden Tag vor dem Nach-Hause-Kommen Angst, dass wir uns vielleicht selbst angesteckt haben könnten – und nun zur Gefahr für unsere Familien werden. Aber auch diejenigen werden krank, deren Misstrauen gegen alles und jeden wächst. Diejenigen, die den Respekt voreinander vergessen und den anderen nicht mehr verstehen wollen. Auch das ist eine Krankheit irgendwie. … Ich bin so müde…und versuche hier, bevor ich nach Hause gehe, etwas wieder zu mir zu kommen." Sonja Stahl
"Aber ich rede nun schon so lange und halte Euch auf. Es tat mir sehr gut, meine Sorgen mit Euch teilen zu können, nun fühlt es sich nicht mehr so schwer an. Ich danke Euch!" Da huscht ein Lächeln über Johannas Gesicht. Sie hat wieder Zuversicht gewonnen, dass wir gemeinsam auch diese Zeit schaffen werden. Dass sich etwas verändert mit diesem besonderen Licht … Sonja Stahl
Als die Hirten am Ende des Tages bei ihren Schafen ankommen, sind sie wieder allein. Geblieben sind ihnen aber ihre Erinnerungen. An die Engel… an Maria und Josef…an das Kind in der Krippe und an die vielen Menschen, die sie im Lauf ihrer Reise kennen gelernt haben. Doch nicht nur die Hirten sind überglücklich über das, was ihnen geschehen ist. Auch im Leben des alten Simon, der kleinen Lea, des armen Jakobus und von Johanna ist es heller geworden - durch das Licht von Weihnachten! Sonja Stahl
STAND
AUTOR/IN