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SWR1 Moderator Stefan Orner (Foto: SWR, SWR1)

Bleiben Sie bitte zuhause! Eine Aufforderung in der aktuellen Corona-Zeit, die für einen Teil unserer Gesellschaft sehr zynisch klingen muss: Wohnungslose.

Corona-Pandemie ist für Wohnungslose eine Katastrophe

Viele Hilfsangebote für Wohnungslose laufen noch erstaunlich gut, wenn auch reduziert. Trotzdem ist auch der Alltag in der Obdachlosigkeit aus den Angeln gehoben, wie unsere SWR1 Reporterin Stefanie Meinecke in Stuttgart festgestellt hat.

Morgens, kurz nach 9 Uhr am Bahnhof Bad Cannstatt:  Die ersten Bierdosen sind geleert, der letzte Schluck im Stehen gekippt. Eine Frau im Jogginganzug reibt sich die Arme warm. Wie gerne würde sie mal wieder in einem Bett schlafen, im Moment kriecht sie jede Nacht woanders unter.

„Mein Leben läuft sowieso gerade nicht so.
Mit Corona verschlimmert sich mein Leben nur!“

Ob sie nachts ein Bett zum Schlafen bekommt, darüber entscheidet zur Zeit die Kälte: sobald es unter null Grad hat, gibt´s eines. Ist es wärmer, bekommen die Menschen in der Regel einen Schlafsack und eine Isomatte.

"Mehr können wir im Moment nicht machen, weil alle anderen Unterkünfte voll sind und die Leute da drin auch geschützt werden.
Möglichst wenig Fluktuation zum Schutz der Bewohner."

Peter Gerecke leitet die Dienste für Menschen in Armut und Wohnungsnot bei der Evangelische Gesellschaft, EVA

Einsamkeit und Isolation auf der Straße wachsen

Sozialarbeit ist jetzt wichtiger denn je. Der Alltag in den Einrichtungen und Wohnheimen läuft noch ganz gut, sagt Peter Gerecke. Er plant zusammen mit dem Gesundheitsamt den Tag X und mögliche Quarantäneplätze.

EVA bietet auch Mittagessen für wohnungslose Menschen an. Pünktlich zum Mittagsgeläut stehen die Leute Schlange, heute gibt´s Hühner-Curry mit Reis, Obst und einen Schokoriegel  - dazu die Tageszeitung und ein freundliches Lächeln. Ein Mann aus der Essensschlange bedankt sich x-mal und geht mit seiner Aluschale weiter. Keiner darf bleiben, jeder isst für sich allein.  

Faton Dallko, Mitarbeiter der Evangelischen Gesellschaft (EVA) Stuttgart bei der Essesausgabe (Foto: SWR)
Faton Dallko, Mitarbeiter der Evangelischen Gesellschaft (EVA) Stuttgart bei der Essensausgabe. Täglich werden mehr als 80 warme Mahlzeiten an Bedürftige ausgegeben. Wer kann, bezahlt zwei Euro; wer es nicht kann, bekommt sein Take-away-Essen gratis.

Gabenzaun

Ein paar Straßen weiter gibt es einen sogenannten Gabenzaun: Privatleute hängen hier Tüten für Bedürftige auf. Decken, Damenbinden, Obst. Stehen die Wohnungslosen zu lange am Zaun oder kommen sich zu nah, schreitet die Polizei ein. Ein Mann, der sich etwas am Gabenzaun abholen möchte, findet das Projekt toll, ist aber sauer, dass er den Zaun verlassen muss:

„Das ist momentan eine Stütze für alle Menschen, die obdachlos sind. Wir versuchen das hinzukriegen. Aber sie haben es ja selbst gesehen, wir sind von der Polizei verjagt worden. Ich habe Angst: Wenn Leute am Rand der Existenz sind und noch weiter rausgedrückt werden - die Leute tillen teilweise oder betrinken sich bis ins Koma."

Wohnungslose Menschen gehören oft zur Hochrisikogruppe

„Leider haben viele wohnungslose Menschen chronische Erkrankungen, manche auch mehrere. Hilfseinrichtungen sind momentan überfüllt und Beratungsstätten, Streetwork oder Tafeln haben geschlossen, so dass die Situation der Wohnungslosen gerade sehr prekär ist.“

Gerhard Trabert

Deshalb bietet Dr. Gerhard Trabert in Mainz in Corona-Zeiten eine Infektionssprechstunde an: die Helfer sind mit Schutzkleidung und Masken ausgerüstet und können sogar selbst testen, wenn sie einen Infektionsverdacht bei einem Patienten haben.
Schon vor Jahren hatte er eine Ambulanz für wohnungslose Menschen eingerichtet und ein Arztmobil, das durch die Stadt fährt und zu den Patienten kommt.

„Die Ausgegrenzten vergisst man oft."

„System der Hilfe“ eingerichtet

Das Land Rheinland-Pfalz und die Stadt Mainz haben schnell auf die Situation der Wohnungslosen reagiert: Nun stehen 30 Einzelzimmer in leerstehenden Hotels zur Verfügung – etwa für Menschen mit chronischer Bronchitis oder solchen, die gerade einen Schlaganfall oder Herzinfarkt hatten. Außerdem sind spezielle Container, die als Winter-Notschlafplätze aufgestellt wurden, jetzt noch nicht geschlossen worden, obwohl momentan die übliche Zeit dafür ist.
Was Gerhard Trabert freut: „Viele Mitbürger bieten Hilfe an! Zum Beispiel Gutscheine für den Supermarkt oder Lunchpakete.“ Als Privatperson könne man immer helfen, sagt er, indem man bei den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe vor Ort nachfragt, was sie brauchen.“