"Man kommt an seine körperlichen Grenzen"

Tübinger Hausarzt über aufgehobene Priorisierung

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Hausarzt Christian Mickeler aus Tübingen ist erschöpft: Der Ansturm impfwilliger Patienten ist groß.

Hausärzte in Baden-Württemberg dürfen seit dem 17. Mai selbst entscheiden, wer beim Impfen zuerst an die Reihe kommt. Beim Tübinger Hausarzt Christian Mickeler glühen die Drähte - und auch das E-Mail-Postfach läuft über.

»Die letzten Wochen waren echt unglaublich. Wir haben uns heute bemüht in der Praxis, möglichst vielen Leuten entgegenzukommen und sie zu impfen. Ich glaube, wir haben das auch gut gemacht, aber man ist dann schon erschöpft.«

Fokus in BW liegt auf Corona-Zweitimpfungen

Ab Freitag liegt der Fokus in Mickelers Praxis außerdem auf den Zweitimpfungen. Er und sein Team hätten in den letzten Wochen bis zu 200 Menschen am Tag geimpft und die bräuchten jetzt ihre Zweitimpfung. Deshalb seien nicht mehr so viele Erstimpfungen realisierbar.

»Fakt ist, dass ich es nicht leisten kann, alle glücklich zu machen als Hausarzt. Ich bemühe mich zwar den ganzen Tag, aber man kommt natürlich an seine körperlichen Grenzen.«

Diese Woche erwartet Mickeler etwas weniger Impfdosen als in den vergangenen Wochen. Die Dosen für die Zweitimpfungen seinen aber gesichert, sagt er. In seiner Praxis seien Senioren oder Erkrankte bereits mindestens ein mal geimpft.

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Tübinger Hausarzt appelliert, Astrazeneca zu nutzen

Aus Sicht von Mickeler sollten sich Mitbürger über 60 Jahren noch einmal überlegen, ob sie sich nicht doch mit Astrazeneca impfen lassen.

»Ab 60 ist das Risiko einer Thrombose minimal. Wenn Ältere auf Biontech als Impfstoff bestehen, nehmen sie den jungen Leuten den Impfstoff weg. Ich finde, das ist eine Frage der Solidarität.«

Die jüngeren Gastronomen oder Selbstständige haben seiner Meinung nach im letzten Jahr die größte Bürde zu tragen gehabt.

Impfwillige in BW müssen sich gedulden

Laut Mickeler müssen sich Impfwillige in Baden-Württemberg gedulden.

»Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht. Unsere Kapazitäten sind begrenzt: Zum einen der Impfstoff, den wir kriegen, und auch die Menge an Impfungen, die wir schaffen.«

Der Hausarzt freut sich auf die Pfingstfeiertage und damit auf etwas Erholung. In den letzten Wochen sei wegen der Corona-Impfungen außerdem viel liegen geblieben, beispielsweise Vorsorgeuntersuchungen. Die seien aber auch wichtig - denn es gebe ja auch noch andere Krankheiten auf der Welt und nicht nur Corona, so Mickeler.

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Mit dem Ende der Impfpriorisierung am 7. Juni sollen auch Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren geimpft werden können, so das Ergebnis des Impfgipfels am 27. Mai. Bis September soll diese Altersgruppe dann auch in Baden-Württemberg ein Impf-Angebot erhalten, sagte Ministerpräsident Kretschmann.  mehr...

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