Neuanfang! Wenn es anders kommt im Leben

Love Scammer: Franziskas mutiger Kampf gegen den Liebesbetrug beim Internet Dating

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Stefanie Meinecke
Stefanie Meinecke aus dem SWR1 Team (Foto: SWR, Stefanie Meinecke)
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Jörg Witzsch
SWR1 Moderator Jörg Witzsch (Foto: SWR, SWR1)

Franziska hat sich beim Online Dating in einen Betrüger verliebt, in einen sogenannten Love Scammer. Sie sagt: "Er hat meine Seele berührt". Aber ihren Mut hat er nicht gebrochen. Aus eigenen Stücken hat sie sich aus der verhängnisvollen Netz-Affäre befreit.

Warum merkt man den Liebesbetrug der Love Scammer nicht?

Franziska aus einem kleinen Ort am Fuß der Schwäbischen Alb hat schon einige Tiefschläge eingesteckt: kaputte Partnerschaft, einen Sohn, der viel Zuwendung braucht, den Tod des Vaters. Und dann wurde Franziska auch noch Opfer von Love Scamming - Liebesbetrug im Internet. Mit Fakeprofilen zocken Betrüger vorzugsweise Frauen finanziell und psychisch ab. Franziska kämpfte sich verbissen aus den Fängen der Betrüger heraus und will jetzt nur eines: andere warnen.

»Ich bin Rechtsanwalts-Fachangestellte. Ich hab' immer gedacht: ich hab' die Erfahrung, bin natürlich keine Anwältin, aber man hat ja auch immer mit Strafrecht zu tun. Ich hab' oft darüber gelesen und gefragt: warum merkt man das nicht? Man merkt es tatsächlich nicht!«

Love oder Romance Scamming: die Liebe zu einem Phantom

Der bzw. die Täter locken ihre Opfer mit Fake-Profilen an. Was dann folgt, sagt Franziska, fühlt sich an wie Gehirnwäsche: ein Dauerbeschuss mit Liebesschwüren, schönen Worten und Bildern. Bei Franziska war das "Dr. John", ein höchst attraktiver Arzt, so scheint es.

»Mein Liebling, manche Wörter sind sehr magisch. Sie haben die Kraft zu heilen, bringen Hoffnung und Glück ins Leben. Ich möchte sie Dir sagen. Weil ich Dich liebe. Der beste Tag meines Lebens ist der Tag, an dem ich Dich kennengelernt habe. Die besten Momente, die ich mit Dir verbracht habe. Meine Liebe zu Dir wird von Tag zu Tag stärker.«

Der Sonnyboy auf den Fotos: eine gestohlene Identität fürs Online Dating

Franziska bekommt hübsche Fotos: Dr. John als kleiner Junge, Dr. John als Papa, Dr. John mit Mundschutz und in blauem OP-Kittel.

Junger, attraktiver Mann mit Mundschutz - mit diesem aus dem Internet gestohlenen Bild haben Betrüger eine Fake-Identität aufgebaut und bereits hunderte Frauen finanziell ausgebeutet. (Foto: SWR, privat)
Mit diesem aus dem Internet gestohlenen Bild eines serbischen Arztes hatten die Love-Scammer eine Fake-Identität für Franziska aufgebaut privat

»Das hat mir gut getan, wie er mich begehrt hat. Ich hab immer mehr aufgemacht. Bin immer mehr eingestiegen, als die ersten Bilder kamen, weil ich gedacht hab': Ja, das ist echt jemand, der zu mir passt. Mein Seelenverwandter, auf den ich schon lang gewartet hab'.«

Und dann kommt irgendwann der "finanzielle Teil" dieser Beziehung. "Dr. John" überredet Franziska, ihm Geld zu schicken. Er arbeite als Arzt im Dienst der UNO in Kabul, komme dort aber nicht an sein Geld und könne deshalb den Heimflug nicht bezahlen. Franziska schickt ihm Geld: über eine "Steamcard", eine Art Guthabenkarte. Erste Zweifel kommen auf. Franziska fängt an zu recherchieren.

Recherche am Computer: gibt es "Dr. John" wirklich?

Franziska wird bei ihrer Suche im Netz schnell fündig: In Wahrheit zeigt das Foto einen Arzt aus Belgrad. Der Serbe wurde vor einiger Zeit zum schönsten Arzt der Welt gekürt, deshalb gibt es jede Menge Material von ihm im Netz. Franziska ruft ihn kurzentschlossen an. Nett ist er - aber genervt . Er weiß, dass seine Daten gestohlen sind. Franziska sei eine von hunderten Betrogenen.

Der Scammer hat alles abgegriffen, was er über den serbischen Arzt findet. Er stiehlt dessen Identität und bastelt daraus die Figur "Dr. John". Franziska hat den Betrüger entlarvt, allein, mutig und hartnäckig. Ein einsamer Kampf - aber "Du kannst ihn gewinnen und eine Menge dabei lernen", sagt sie. Dennoch gibt es auch die dunklen Seiten, die Franziska zu schaffen machen.

»Also ich würd' so sagen: Es ist eine seelische Vergewaltigung. So fühl' ich mich. Nicht körperlich, aber seelisch vergewaltigt.«

Franziska verjagt den Love Scammer - ohne Hilfe der Polizei

Hilfe von der Polizei - bei Franziska offenbar Fehlanzeige. Mehrfach sucht sie Kontakt zur örtlichen Polizeistation, hofft, dass eine Anzeige den oder die Betrüger ausfindig macht und bestraft. Zu diesem Zeitpunkt eine vergebliche Hoffnung. Franziska erzählt - immer wieder von Weinen unterbrochen - von ihrer Verzweiflung:

Die Anzeige ist nicht mal bearbeitet ... Da ist nichts passiert. [Die sagen] "Keine Ahnung, das ist halt 'ne Bande" ... Das geht mir echt irgendwann an die Psyche. Ich hab' auch Angst. Ich bin nicht richtig ernst genommen worden ... Es gibt keine Anzeige an die Staatsanwaltschaft. Es gibt nix! Ich hoff', dass irgendjemand es blickt von der Polizei. Ich hoff's…

Auch wir fragen nach bei der örtlichen Polizei. Freundlich erklärt man uns, wie aussichtsslos das alles sei. Und: Man sei noch am Sammeln. Was denn sammeln? Das erfahren wir aus ermittlungstechnischen Gründen nicht. Bei Franziska bleibt der bittere Nachgeschmack, dass die Polizei an ihren Recherchen wohl eher nicht interessiert ist. Aus dem Landeskriminalamt erfahren wir, dass in Baden-Württemberg tagtäglich Love-Scamming angezeigt wird. Pro Monat 50 Fälle. Die Dunkelziffer? Extrem hoch.

Der liebevolle "Dr. John" wandelt sich zum Erpresser

Franziska schafft es, sich mutig und ganz ohne Hilfe von außen aus dieser verhängnisvollen Internet-Liebe zu befreien. Danach hat sich "Dr. John" noch einmal bei ihr gemeldet – vom Ton her ein völlig anderer. Er versucht, sie zu erpressen: Franziska hatte ihm Fotos geschickt. Schöne Fotos, sagt sie, "Gott sei Dank keine Nacktbilder". Er will wieder Geld von ihr, wieder über eine Transaktion mit der "Steamcard".

»Ich denke, ich werde Ihre Fotos auf meiner Seite veröffentlichen. Wenn Sie möchten, dass ich es lösche, brauche ich eine Karte. Wenn Du es nicht akzeptierst, siehst Du alles auf TikTok und Instagram und Facebook. Willst Du, dass ich das mache oder wirst Du die Karte schicken? Deine Kollegen und Dein Ex-Mann werden das sehen.«

Franziska: eine starke Frau geht ihren Weg in die Zukunft

"Mach was Du willst" hat sie "Dr. John" geschrieben. Seither ist Ruhe. Vielleicht war es nur ein Täter, vielleicht auch eine organisierte Bande. Franziska weiß das nicht. Manchmal klingelt das Telefon mitten in der Nacht - ein Unbekannter mit Namen Ryan. Franziskas Daten wurden offensichtlich weiter gegeben oder verkauft.

Eines, sagt sie, weiß sie sehr genau: Der Typ, in den sie sich verliebte, hat sie zwar abgezockt und tief verletzt. Aber klein gekriegt hat er sie nicht. Den Glauben an sich und auch an die große Liebe? Den hat Franziska trotz allem behalten.

»Ich glaub', ich bin ein Stehaufmännchen. Und ich hab' gelernt, dass ich meinen eigenen Wert hab'. Ich weiß, wer ich bin und ich glaub' an mich. Und ich glaub' immer noch, dass der Mann meines Lebens irgendwann in mein Leben tritt [lacht leise]. Irgendwo, denk' ich, muss er sein. Irgendwo versteckt er sich.«

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