SWR1 Ein Sender - ein Buch: Rudellesen im literarischen Quadrat

Gemeinsam das Gewinner-Buch lesen

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Drei Literaturliebhaber aus unserer Redaktion stellten je ein Buch vor, von dem sie meinen, dass es sich zu lesen lohnt. Gewonnen hat: "Identitti" von Mithu Sanyal.

Ein Sender - ein Buch

Gemeinsam in Bloß kein Stress diskutieren

Aufregend und mal was ganz anderes - oder abgehoben und unlesbar? Unser literarisches Quadrat mit Silke Arning, Katharina Fuß, Rainer Hartmann und Ingo Lege diskutierten leidenschaftlich über den Roman „Identitti“, der mit 45 % der Stimmen zum kollektiven Lesen ausgewählt wurde. Hier können Sie die ganze Kritik-Runde hören:

Mitlesen

Bereits zum Start unserer Aktion stieß „Identitti“ auf großes Interesse. Viele Hörer:innen haben uns geschrieben, ihre Beobachtungen und Gedanken zum Thema und auch ihre persönlichen Geschichten mitgeteilt. Einige hatten schon Leseerfahrung mit dem Buch gemacht, andere noch nicht.

Ich kenne das Buch noch nicht und würde mir gerne die Zeit nehmen, es zu lesen. Auch Deutsche in Deutschland kennen dieses Leid. Ich habe selbst lange u.a. in GB und Frankreich gelebt und wurde nicht als Individuum, sondern stets an meiner deutschen Vergangenheit gemessen. Als ich vor vielen Jahren in den Nordschwarzwald zog, hätte ich nie gedacht, von Menschen in Deutschland als "Reingeschmeckte" ausgegrenzt zu werden. Nur weil ich hochdeutsch spreche und die Einheimischen an Minderwertigkeitskomplexen leiden. Diskriminierung gibt es überall: unter Nachbarn, im Lehrerzimmer und selbst in der Mutter-Kind-Gruppe gibt es Arroganz und Überheblichkeit. Auch ohne eine andere Hautfarbe. Das ist die dunkle Seite des Menschseins.

Warum darf man denn andere nicht fragen, woher sie kommen? Ich bin immer mega interessiert an anderen Ländern und Kulturen und freue mich immer jemanden zu treffen, der nicht in Deutschland geboren wurde und dem ich ein Loch in den Bauch fragen kann über sein Heimatland, das Essen, das Land, die Menschen etc. Aber um das zu erfahren, MUSS ich doch fragen (dürfen): „woher kommst du?“. Wenn derjenige dann ausweichen will sagt er einfach: „Ha, von Daheim“.

"Ein anderes Wort für ‚Person of Color‘?  Leute, ganz einfach: MENSCH!"

„Super! Spritzig, witzig und sehr klug. Eine Bereicherung für alle, die sich mit Fragen der Identitätsfindung beschäftigen.“

„Auf Seite 40 aufgehört zu lesen. Mit jeder Seite wurde die Frage immer größer „was will das Buch mir sagen?““

„Meine Tochter ist selbst auch bunt. Sie ist deutsch, sie hat sich viele Male in der Schule, im Studium und am Ausbildungsplatz viele unnötige Kommentare und Klischees anhören müssen. Manche amüsant, manche sehr hetzerisch und abwertend. Ich würde dieses Buch meiner Tochter geben.“

„Ich kenne das Buch noch nicht, finde aber die Thematik sehr interessant. Als 'zugeloffene' Nordfriesin, treffe ich in unserem Alemannisch dominierten Ort leicht auf Misstrauen. Nur weil ich Hochdeutsch spreche. Wie schlimm muss es sein, wenn meine Hautfarbe auch 'Nordfriesisch' wäre…“

„Es wundert mich nicht, dass die Wahl auf 'Identitti' gefallen ist! Die Idee mit der falschen Identität ist zu genial! Inzwischen bin ich regelrecht angefixt und möchte das Buch unbedingt lesen, bevor die Diskussion darüber beginnt.“

Auch die Autorin meldet sich zur Wort

Viele stellen Mithu Sanyal die Frage: „Wo kommen Sie her?“ Aber warum nervt diese Frage eigentlich so?

„Es ist total nett gemeint, aber der Subtext davon ist ja: „Du kannst nicht von hier kommen.“ Wir haben in Deutschland einfach kein Verständnis davon, dass Deutsch-sein nicht nur Weiß-sein bedeutet. Die Frage würde ja keinen Sinn machen, wenn ich darauf antworten könnte: „Ich komme aus Düsseldorf oder aus Oberbilk oder Stadtmitte“. Das ist meistens nicht das, was gehört werden will, sondern dann wird solange weiter gefragt, bis ich die richtige Antwort gebe. Die eigentliche Frage ist ja: „Warum bis Du braun?“  Und oft genug stellen mir die Leute diese Frage, bevor sie wissen, wie ich heiße. Umgekehrt: Wenn wir niemals drüber reden und so tun als gäbe es nicht auch noch eine weitere Geschichte, wäre das auch komisch. Also, ich finde die Frage durchaus berechtigt, aber wenn, dann lieber erst wenn man sich gut kennt.“

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