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"Die Kinder hören Pink Floyd", das schreit die 70er-Jahre Mutter zum 70-er Vater, als der wissen will, wo seine Tochter und sein Sohn sind (genannt "das Kind" und "der Junge"). "Der Junge" ist der Autor, Alexander Gorkow, und "das Kind" seine sechs Jahre ältere Schwester, die großer Fan von Pink Floyd ist und damit ansteckt. Sie ist ein so genanntes "Contergan-Kind", schwer herzkrank und kämpft darum, länger zu leben. Außerdem diskutiert sie mit dem Vater bis zum Streit über "das Establishment" und die Politik. Sie nennt Heino, den die Kinder immer in der ZDF Hitparade sehen, einen Nazi, der Wanderlieder singt und dabei alles abfackelt.

Beobachter bei diesen Szenen in der Familie ist immer der kleine Bruder.

Der Autor Alexander Gorkow trägt eine khaki-farbene Jacke und schaut emotionslos in die Kamera (Foto: Alessandra Schellnegger/ Verlag Kiepenheuer & Witsch)
Alessandra Schellnegger/ Verlag Kiepenheuer & Witsch

Wer ist dieser Roy Harper?

Das Buch bietet viele lustige, aber auch schöne Szenen: Zum Beispiel, wenn die Kinder in den 70er Jahren ohne Internet immer wieder gemeinsam zum Plattenladen laufen, um zu sehen, ob die neueste Pink Floyd-Platte schon eingetroffen ist. Die legt der Vater dann auf seinem heiligen Plattenspieler auf.

Als sie zum ersten Mal das Lied "Have a Cigar" hören, diskutieren sie, wer das singt und rätseln, wer dieser Roy Harper ist. Der Vater wiederum denkt, der Plattenspieler sei kaputt - wegen der Effekte im Lied.

»Es ist ganz viel Situationskomik einer 70er Jahre Familie in diesem Buch. Die Nachrichten im ZDF sind Gesetz, der Vater sprüht Gift im Garten und die Mutter kocht Marmelade. Aber trotzdem spürt man auch, wie die Familie zusammen hält.«

SWR1 Redakteurin Katharina Fuß

Die Eltern versuchen, offen für die Musik ihrer Kinder zu sein und der Vater ohrfeigt den Pfarrer, weil der seinen Sohn geohrfeigt hat. Das Buch bietet einen wunderbaren Einblick in das manchmal spießige, aber auch lustige 70er-Jahre Leben einer mittelständischen Familie - gemischt mit ganz viel Pink Floyd.

"Ach, die schöne Frau Gorkow, wieder Parfüm am kaufen. La dolce vita, was?"

Dieses Buch ist unbedingt lesenswert, weil es wunderbar authentisch ist; es ist eben auch autobiographisch. Deshalb muss man an vielen Stellen auch laut lachen. Ein Beispiel: Die Mutter läuft mit ihrem Sohn aus einem Laden und versucht, der etwas verrückten Frau aus der Nachbarschaft aus dem Weg zu gehen. Doch die schreit daraufhin über die ganze Straße:

»Ach, die schöne Frau Gorkow, wieder Parfüm am kaufen. La dolce vita, was?". Und dann schreit sie weiter: "Haben Sie schon gehört? Frau Hackenbruch hat Krebs. Metastasen. Gar nichts mehr zu machen. Ja, der Herr gibt, der Herr nimmt.«

Zitat aus "Die Kinder hören Pink Floyd" von Alexander Gorkow

Man kann sich das einfach so gut vorstellen, wie es war, wenn man das liest.

So stark prägen die Menschen im Leben

Die Hauptperson hat außerdem noch ihre eigenen Kämpfe zu kämpfen: Denn "der Junge" stottert oder wird von Klassenkameraden verprügelt. Aber ich will nicht zu viel verraten; nur noch Eines:

»Das Ende finde ich besonders gelungen. Es ging natürlich für den Autor nach den 70ern weiter - wie, das verrät Alexander Gorkow im Epilog. Da kann man schön erkennen, wie sich ein Leben weiterentwickelt und warum, wer einen prägt und verändert - und warum Gorkow einen seiner Idole von Pink Floyd doch auch mal sehr kritisch sieht.«

SWR1 Redakteurin Katharina Fuß

Einige von der Band trifft er zum Interview und erzählt ihnen persönliches von seinem Vater. Aber mehr wird jetzt nicht verraten. "Die Kinder hören Pink Floyd": Einfach lesen und wer die Band mag, der sollte währenddessen oder in den Lesepausen unbedingt die Musik hören, das ist ein besonders schönes Erlebnis.

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