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Virologe und Laborleiter Martin Stürmer beantwortet die wichtigsten Fragen der SWR1 Hörer rund um das Thema "Coronavirus".
Anm. d. Red., da sich die Situation und Ausbreitung der Corona-Epidemie täglich ändert: das Interview hat den Stand vom 26. Februar 2020. Die grundsätzlichen Verhaltens-Tipps von Dr. Stürmer sind aber zeitlos.

Übersicht

Warum sprechen wir eigentlich vom "neuartigen" Coronavirus?

Stürmer: Seit etwa 60 Jahren kennen wir diverse humane Corona-Viren, die begleiten uns jedes Jahr in der Erkältungszeit und die haben uns nie großartig gestört, das sind Klassiker mit laufender Nase und vielleicht mal Fieber, also ganz entspannt und völlig harmlos. Dann kam 2003 das SARS-Corona-Virus. Das gehört zur Klasse der Corona-Viren, ist aber sozusagen als eigenständige Subklasse definiert worden. Dann kam das MERS-Corona-Virus und jetzt haben wir wieder eines, das bisher nicht bekannt war. Deswegen hat man es anfänglich als neues Corona-Virus bezeichnet und jetzt wo wir etwas mehr wissen, ist es in SARS-CoV2 umbenannt worden. 

Hände desinfizieren oder mit Seife waschen?

Stürmer: Wasser und Seife reicht im Prinzip. Desinfektionsmittel gibt einem sicherlich noch mal ein besseres Gefühl. Man kann darüber diskutieren, ob das ein Pseudoschutz ist. Aber es schadet nicht, wenn man zum Beispiel in der Straßenbahn ist, wo man sich nicht gleich die Hände waschen kann, dass man sie sozusagen vorab schon mal ordentlich desinfiziert beim Aussteigen, um bei der nächsten Gelegenheit dann die Hände zu waschen. Wichtig ist, dass das Desinfektionsmittel den Aufdruck „begrenzt virozid“ oder „virozid“ trägt, sonst funktioniert’s nicht.  

Hände soll man zwar mit Seife waschen, bei Obst und Gemüse aber reicht Wasser, heißt es. Warum?

Stürmer: Die Hände sind einem ganz anderen Risiko ausgesetzt als Gemüse. Klar, wenn ein Bauer beim Ernten draufniest – ja. Dann ist das Gemüse aber Tage unterwegs zum Endverbraucher und bis dahin ist sämtliches Virus, was da vielleicht mal drauf war, tot. Die Wahrscheinlichkeit, dass da irgendwas infektiös ist, geht bei Corona gegen Null. Deswegen ist das überhaupt nicht schlimm und wie gesagt, das italienische Gemüse ist ein paar Tage unterwegs, deswegen reicht da normales Wasser. Die Hände dagegen haben eine ganz andere Belastung. 

Noch ein Gerücht: Hilft es, Obst und Gemüse mit Natron abzuwaschen?

Stürmer: Nein. Ganz entspannt mit Wasser, reicht definitiv aus. 

Wie lange bleibt das Virus ansteckend, wenn es auf Lebensmitteln oder Oberflächen haftet?

Stürmer: Es gab tatsächlich eine Studie, die jetzt veröffentlicht wurde, die sagt, infektiöses Virus sei bis zu neun Tage auf Türklinken nachweisbar gewesen. Es sind behüllte Viren, das macht sie weniger stabil, sie sind empfänglicher für Desinfektionsmittel und Umwelteinflüsse. Dementsprechend sind sie eigentlich nicht so lange haltbar. Bis zu ein paar Tage können sie je nach Material infektiös bleiben. 

Sterben die Viren durch Hitze ab?

Stürmer: Hitze ja, Wärme nein – bei Körpertemperatur fühlen sich die Viren pudelwohl. Sommertemperaturen reichen also nicht aus, damit sie zugrunde gehen. Und wenn wir von Hitzedesinfektion sprechen: Da reicht es nicht, mal kurz mit dem heißen Luftstrom zu wedeln. Bei Essen gilt: Wenn es ordentlich durch gegart ist, geht das Corona-Virus kaputt – und nicht nur das. 

Desinfektionsmittel sind großflächig ausverkauft. Bedeutet das nun ein höheres Risiko für Menschen, die diese wirklich brauchen, zum Beispiel wegen Norovirus oder Influenza?

Stürmer: Es ist grundsätzlich falsch gewesen, wie Wahnsinnige in die Läden zu rennen und als Privatpersonen Desinfektionsmittel und Masken in dem Maße zu kaufen. Das ist nicht nur für andere Menschen problematisch, die es vielleicht eher brauchen, sondern vor allem für Arztpraxen und Labore. Wir müssen im Labor Flächen und Hände desinfizieren, wir bekommen aktuell auf dem Markt von unseren Lieferanten aber keine Desinfektionsmittel. Und das ist das, was schlimm ist: Krankenhäuser, Ärzte, Labore, andere kranke Menschen – alle die, die’s wirklich brauchen, stehen jetzt außen vor. 

Manche Menschen tragen dünne Lederhandschuhe, um sich vor dem Virus zu schützen? Hilft das?

Stürmer: Was soll das bringen? Wir hier im Labor nehmen Einmalhandschuhe. Wenn wir eine kontaminierte Fläche angefasst haben, schmeißen wir die Handschuhe weg. Leder ist nicht unbedingt flüssigkeitsabweisend – und wer schmeißt die Dinger gleich wieder weg? Das Risiko bei solchen Materialien ist, dass man sie häufiger nutzt, und letztendlich hat man dann eher eine Kontamination dran. Das halte ich nicht für zielführend. 

Wie soll man sich als Rückkehrer aus China oder anderen betroffen Gebieten Verhalten?

Stürmer: Zunächst sich selbst disziplinieren und Großveranstaltungen und viele Kontakte zu Menschen meiden. Sobald Symptome auftreten den Hausarzt informieren und Rücksprache halten.

Welche Symptome treten auf?

Stürmer: Die Symptome, die bei einer Erkrankung durch das Coronavirus auftreten, sind grippeähnlich: Fieber, Husten und auch Atemnot.

Sollten Besuche in Schwimmbädern oder Saunen gemieden werden?

Stürmer: Ich würde von den Besuchen nicht abraten. Die Umkleiden und die restlichen Räumlichkeiten unterliegen einem Hygiene- und Reinigungsplan. Wenn diese eingehalten werden, dann dürfte es keine Bedenken geben. Grundsätzlich sollten die Hände mindestens 10 Sekunden vernünftig mit Seife gewaschen werden. Optional Desinfektionsmittel verwenden und die Hände damit einreiben und Gesichtskontakt mit den Händen vermeiden. Da wir neben dem Corona-Virus auch die Grippewelle bzw. auch andere Erkältungserkrankungen haben, schützt das häufigere Händewaschen uns auch davor.

Sind Schwangere oder Babys besonders gefährdet?

Stürmer: Nach aktuellem Stand nicht. Es sollten in der Schwangerschaft keine Probleme auftreten.

Sind Kleinkinder in Lebensgefahr?

Stürmer: Letztendlich ist es ja so, dass Kleinkinder von der Schwere der Infektion eigentlich eher nicht so betroffen sind. Die Kleinkinder kommen, soweit wir jetzt wissen, aktuell recht gut mit der Infektion klar. Aktuell besteht auch noch kein Risiko, sich in Kindergärten und Co. anzustecken.

Sollten wir in Deutschland flächendeckend Gesichtsmasken tragen?

Stürmer: Nein definitiv nicht, weil die Gesichtsmasken uns nicht schützen. Sie verleitet uns eher dazu häufiger, mit den Händen ins Gesicht zu gehen, um den Sitz der Maske zu überprüfen. Damit ist das Ziel, das man erreichen will, nicht gegeben. Wenn ich selbst erkrankt bin, dann hilft eine Gesichtsmaske, weil es die Umgebung vor meinen Erregern schützt.

Können öffentliche Verkehrsmittel weiter verwendet werden?

Stürmer: Man kann weiterhin Bus und Bahn verwenden. Jedoch sollten folgende Maßnahmen getroffen werden: Regelmäßiges Händewaschen und versuchen, Abstand zu Menschen zu halten, die offensichtlich erkältet sind.

Was soll ich tun, wenn mein geplanter Urlaub in einem Riskogebiet ist?

Stürmer: Wenn möglich die Reise bzw. Urlaube absagen.

Muss ich meine Süd-Italien-Reise stornieren?

Stürmer: Grundsätzlich würde ich denken, dass es im Augenblick keinen Grund gibt, die Süd-Italien-Reise zu stornieren. Die aktuelle Lage in Süd-italien ist jetzt nicht so, dass es da große Risiken gibt.

Ist Thailand noch ein sicheres Urlaubsziel?

Stürmer: Ja, es scheint eine stabile Situation in Thailand zu sein. Man muss dies aber immer mit Vorsicht genießen. Wir hatten ja in Deutschland und Italien auch eine lange Zeit eine stabile Situation. Ich kann nicht in eine Glaskugel schauen und versprechen, dass dort nicht wieder Infektionsherde entstehen. Der Erreger ist einfach sehr unberechenbar, wie man ja aktuell auch sieht. Entsprechend scheint es im Augenblick eine stabile Situation dort zu sein, aber es kann sich auch relativ schnell wieder ändern.

Wann kann man mit einem Impfstoff rechnen?

Stürmer: Unter Berücksichtigung aller Faktoren können wir im Juni/Juli mit einem ersten Impfstoff rechnen.

Sind Menschen mit Grippeschutzimpfung besser vor dem Corona-Virus geschützt?

Stürmer: Für die Infektion mit dem Coronavirus leider nicht, weil der Grippeimpfstoff nicht vor dem neuen Virus schützt. Es hilft eher bei der Fallunterscheidung. Wenn ein Grippegeimpfter Erkältungssymptome und noch weitere spezielle Symptome ausweist, dann ist die Wahrscheinlichkeit höher, am Corona-Virus erkrankt zu sein.

Ist das Virus menschengemacht?

Stürmer: Wir finden den Ursprung des Virus in Fledermäusen wieder. Fledermäuse tragen auch Coronaviren in sich und wir haben diese Viren auch isolieren können. Dabei gibt es eine fast 100% Übereinstimmung mit den Viren, die wir jetzt im Menschen gefunden haben. Das Virus stammt damit definitiv aus dem Tierreich.

Sind Asthmatiker bzw. lungengeschädigte Menschen besonders gefährdet?

Stürmer: Definitiv! Die Sterblichkeit steigt, wenn eine Grunderkrankung vorliegt - und Asthma gehört dazu.

Können Postsendungen aus China gefährlich werden?

Stürmer: Nein, höchstwahrscheinlich nicht

Gibt es prophylaktische Anti-Corona-Medizin?

Stürmer: Prophylaktisch und medikamentös gibt es gar nichts.

Gibt es einen Schnelltest in der Apotheke?

Stürmer: Nein. Nur Speziallabors sind in der Lage, das zu testen. Ich gehe auch davon aus, dass es in absehbarer Zeit keinen Schnelltest zu erwerben gibt.

Kann man noch auf Großveranstaltungen oder in ein Kaufhaus gehen?

Stürmer: Aktuell gibt es keinen Grund, dies nicht zu tun, es sei denn, ich habe eine bestimmte Reise-Anamnese in einem der Riskogebieten (Anm. der Red.: gemeint ist, wenn Sie in Risikogebieten waren und/oder schon leichte Symptome spüren). Dann sollten solche Veranstaltungen oder Besuche im Kaufhaus gemieden werden.

Kann sich das Virus in der Kleidung festsetzen?

Stürmer: Das Virus kann sich sicherlich einige Zeit in Textilien festsetzen und weiter infektiös sein. Spätestens nach dem Waschen ist es kein Problem mehr.

Kann der Virus im Leitungswasser sein?

Stürmer: Nein ganz sicher nicht.

Wie muss ich Gemüse aus Italien vorbehandeln?

Stürmer: Sie können es gut mit heißem Wasser waschen - das macht man ja mit rohem Obst und Gemüse generell. Da muss man sich keine Sorgen machen.

Wie lange bleibt ein Virus an einer Türklinke infektiös?

Stürmer: Uns liegen Daten vor, dass das Virus bis zu neun Tagen an Oberflächen bestehen kann. Ob es aber in vollem Umfang weiter hochinfektiös ist, muss man sicherlich nochmal bestätigen. Potenziell ist es mehrere Stunden und Tage infektiös.

Sind Menschen, die beruflich im Gesundheitssystem arbeiten, häufiger von dem Virus betroffen?

Stürmer: Ja natürlich. Wenn ich im Gesundheitssystem arbeite, viel mit kranken Menschen zu tun habe und die Möglichkeiten der vollständigen Isolierung im Krankenhaus nicht gegeben sind, dann steigt das Risiko, an dem Virus zu erkranken.

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