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AUTOR/IN
SWR1 Moderator Rainer Hartmann (Foto: SWR, SWR1)

Sicher haben Sie sich auch schon einmal gefragt, warum die Menschen so unterschiedlich sind. Oder beim eigenen Nachwuchs: Warum ist das eine Kind so – und das andere ganz anders? Darum dreht sich der Roman "Upstate" des britischen Autors James Wood.

Alan Querry, ein ehemals erfolgreicher Bau-Unternehmer aus England, hat zwei erwachsene Töchter um die 40. Helen ist verheiratet, hat zwei kleine Söhne und ist Musik-Managerin bei Sony. Sie ist tough, eine Macherin, der Typ starke Frau, manchmal zu impulsiv. Sie weiß um ihre erotische Ausstrahlung und spielt damit. Helen ist vital, gefragt und lebenslustig.

Ihre Schwester ist das krasse Gegenteil: Vanessa, die Philosophie-Professorin, verkriecht sich seit ihrer Kindheit in ihrer Bücherwelt. Sie ist kinderlos und hadert mit allem und jedem. Sie empfindet Glück als etwas Schwieriges und hat dafür kein Talent. Das ist für ihren Freund Josh ganz schön anstrengend. Er befürchtet, dass ihn das auf Dauer überfordert.  

Das literarische Quadrat: Rainer Hartmann mit "Upstate" von James Wood (Foto: SWR)
Rainer Hartmann über "Upstate" von James Wood: "Ein unterhaltsamer, kluger und menschlicher Familienroman über einen alternden Vater und seine zwei extrem verschiedenen erwachsenen Töchter. Und über die Frage: Warum fällt manchen Menschen das Leben leichter als anderen? Ein tolles Buch."

Locker. Angespannt. Existenziell

Der Plot ist rasch erzählt: Vanessa lebt in den USA und sendet einen Hilferuf an ihre Familie in England. Sie ist von der Treppe gestürzt und hat sich den Arm gebrochen. Vater und Schwester befürchten das Schlimmste: einen Selbstmordversuch. Sie reisen in den winterlich kalten Norden von New York, ein Gebiet, das Upstate genannt wird. Es kommt nach vielen Jahren also wieder zu einem Familientreffen in der amerikanischen Provinz, in Vanessas Haus.

Die beiden Angereisten lernen Vanessas Freund kennen. Was ist von ihm zu halten? Man redet, kocht, isst und trinkt miteinander, sechs Tage in unterschiedlichen Konstellationen. Man erzählt von früher und heute. Behandelt die Frage, ob Helen ihren Job in der Musik-Branche hinschmeißen soll. Ob Vanessa zurückziehen soll in ihre Heimat. Ob ihr Freund dabei mitmachen würde. Und wenn nicht: Verliert Vanessa dann komplett den Halt, den sie an ihm hat?

Die Situationen und die Gespräche sind locker, dann aber wieder angespannt. Und existenziell. Woher kommt eigentlich Vanessas Labilität? Weil die Eltern sich scheiden ließen - oder weil die Mutter inzwischen tot ist? Es gibt keine eindeutigen Antworten. So ist das Leben.

Überzeugender Familienroman

James Wood hat einen überzeugenden Familienroman geschrieben, der sich ruhig und unaufgeregt liest. Er muss keine künstlichen Geschichten oder hochtourigen Wendungen erfinden, um den Leser bei der Stange zu halten.

Mit seinen Themen bleibt der Autor trotz der Kürze des Romans nie oberflächlich: Was macht geschwisterliche Konkurrenz? Wie nah und vertraut ist man sich eigentlich? Wie wenig kennt man sich am Ende wirklich? Was gärt unter der familiären Oberfläche? Wo kratzt man plötzlich an Geheimnissen oder Tabus? James Woods Figuren sind dabei immer glaubhaft und nie konstruiert.

„Upstate“ ist auch ein Roman über einen „Englishman in New York“, über Amerikaner und die über sie herrschenden Klischees. Die Hauptfigur Alan Querry spottet immer ein wenig über die USA (über die Oberflächlichkeit oder die Religiosität), was amüsant zu lesen ist.

Fazit

Hier schreibt ein kluger Autor mit Lebenserfahrung. Der Roman erinnert an Jonathan Franzen. Allerdings benötigt James Wood für seine Familiengeschichte nicht 1000 Seiten. 300 Seiten tun es auch.  

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