Buchtipp: "Abschlussball" von Jess Jochimsen Tiefgründiges im Absurden

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Abschlussball heißt der Roman von Jess Jochimsen, in dem wir miterleben, wie ein Friedhofstrompeter, der sich gerne dem Leben verweigert, durch merkwürdige Ereignisse gezwungen wird, sich aus seiner Zurückgezogenheit, Langsamkeit und Verschlossenheit dem Leben zu widmen.

Wie ein Wagen, der erstmal ruckelt, dann den ersten Gang findet. Von da an geht die Reise weiter - im 1. Gang. Der Roman von Jess Jochimsen entschleunigt, erst dachte ich, wann kommt er in die Gänge? Aber sich auf diese Langsamkeit von Marten, dem Friedhofstrompeter einzulassen, macht diesen charmanten Außenseiter-Roman aus.

Worum geht es?

Marten war schon als Junge ein Greis. Er ist langsam, schwach und fühlt sich alt. Sein Großvater ist seine Bezugsperson. Als der stirbt, verliert Marten wieder mal den Boden unter den Füßen. Auch seine Mutter stirbt und Marten zieht sich ganz in seine Welt zurück. Das verordnete Instrument, die Trompete, poliert und pflegt er anfangs mehr als dass er sie spielt. Doch dann entdeckt er, dass er sich beim Spielen sonderbar jung fühlt. Dann droht das Ende der Schulzeit, eine Ausbildung als Bibliotheksassistent verschafft ihm Ruhe und Ordnung.

Jess Jochimsen, Kabarettist (Foto: dontshow - Foto: Britt Schilling)
Der Autor Jess Jochimsen veröffentlicht im Oktober 2018 sein neuestes Werk "Abschlussball". dontshow - Foto: Britt Schilling

Als er anfängt zu lesen und ihn die Bücher fesseln, verliert er seinen Job und seine Wohnung. Der Münchner Nordfriedhof wird zu seiner neuen Spielstätte, die anderen Friedhofsmusiker sind ebenso Sonderlinge und Außenseiter. Einmal im Monat wird vom Bestatter ein Abschlussball, ein Armenbegräbnis abgehalten. Hier mischen sich Tragik und Komik in den Reden, die auf die Toten gehalten werden. Und als für Martens ehemaligen Mitschüler Schocht ein Abschlussball abgehalten wird, beginnen seltsame Ereignisse. Plötzlich kann Marten das mühsam Ferngehaltene nicht mehr abweisen: Begegnungen, Geld, Abenteuer, Liebe und das Leben.

Was ist drin?

Jess Jochimsen erzählt ganz behutsam die Geschichte von einem, der sachte ins Leben findet. Dazu ist die Musik von Beerdigungscharts bis zur Selbstmörderhymne Gloomy Sunday so poetisch beschrieben, dass ich beim Lesen glaubte, den Romansoundtrack leise zu hören. Und das ist Abschlussball: Ein leiser, langsamer Roman über das Sterben und Leben und wer eine Schwäche für skurrile Einzelgänger und Tiefgründiges im Absurden hat - Abschlussball ist eine Einladung!

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