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Kuriose Hör-Performance: Über eine Stunde lang sagt Joseph Beuys immer wieder "Ja ja ja ja ja" und "Nee nee nee nee nee".

Beuys hat sich für diese Arbeit die Hilfe von zwei Künstler-Kollegen geholt, manchmal sind sie zu hören. Aber auch sie erzählen das Gleiche: Sie sagen fünfmal hintereinander "Ja", dann fünf Mal hintereinander "Nee".

Beuys hat die Hör-Performance selbst einmal als "Imitation eines Oma-Gesprächs" bezeichnet - gerade so, als würde er sich darüber lustig machen, wenn die Oma beim Smalltalk "Ja ja ja" vor sich hinredet.

Mancher Kunstkenner aber meint: Nein, diese Hör-Performance soll keine Persiflage auf Smalltalk sein, sondern Beuys zitiere hier Jesus Christus aus der Bergpredigt. Dort heißt es nämlich:

»Eure Rede aber sei: Ja, ja, nein, nein. Was darüber ist, das ist von Übel.«

Das ist der Aufruf Jesu zur Wahrhaftigkeit und Zuverlässigkeit: "Ja" soll eben ein klares "Ja" bedeuten und "Nein" ein klares "Nein".

Aber will Joseph Beuys hier Jesus Christus zitieren? Dieses "Jajaja, neeneenee" ist eher kein klares Ja und kein klares Nein, sondern es klingt so, als würde Beuys überlegen und sich gerade nicht festlegen.

Was wollte uns der Künstler mit diesem Werk sagen?

Die Antwort hat vielleicht die Pinakothek in München. Dort ist nämlich eines der Tonbänder aufbewahrt, die Beuys 1968 aufgenommen hatte - insgesamt hat das Jajaja-Neeneenee-Tonband eine Auflage von 100 Stück.

Jedes einzelne Tonband ist quasi versteckt in einem Stapel Filzplatten. Der Betrachter soll also den Filzplatten-Stapel anschauen und dabei dieses endlose Jajajaja-Neeneeneeneenee anhören. In der Beschreibung der Pinakothek München heißt es dazu:

»Die Tonbandaufnahme wirkt wie ein Mantra, das über die ständige Wiederholung eine hypnotische Wirkung erzeugt, die den Kopf der Zuhörer vom üblichen Chaos aus Gedanken und Urteilen erlöst.«

Und zu den Filzplatten schreibt die Pinakothek:

»Die Filzplatten haben einen beruhigenden Effekt: Sie wirken isolierend, sind leer und für einströmende Energien aufnahmebereit. Ihre unergründlichen grauen Oberflächen signalisieren Stillstand und Entrücktheit.«

Diese Hör-Performance von 1968 ist wie geschaffen für das Pandemie-Jahr 2021, in dem noch immer viele Museen geschlossen sind und man nicht ausgehen kann. Stattdessen kann man sich hohe Kunst, also Beuys, einfach ins Wohnzimmer holen:

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Bildergalerie

Bildergalerie Joseph Beuys: Fett, Filz und Kunst

Joseph Beuys war ein deutscher Aktionskünstler und Professor an der Kunstakademie Düsseldorf. Die einen feiern ihn als wichtigsten Künstler der jungen Bundesrepublik, andere beschimpfen ihn als Spinner. Beuys arbeitete vor allem mit Filz und Fett, seltener mit Farbe und Leinwand. Ist das Kunst oder kann das weg?  mehr...

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