100 Kilo Honig, 170 Meter Schläuche und: eine Pumpe

Beuys und die Honigpumpe aus Wangen

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Die documenta 1977 in Kassel gilt bis heute als größte Kunstausstellung, die es je in Deutschland gab. Klar, dass auch Joseph Beuys dort einen großen Auftritt hatte.

Seine Idee: Er wollte dem gesamten Museumsgebäude, dem alt ehrwürdigen Fridericianum-Schloss in Kassel, Leben einhauchen, indem er durch ein System aus Rohren und Schläuchen unablässig Honig durch die Räume pumpt.

Das war ein permanenter Kreislauf, wie unser Blutkreislauf, eigentlich.

In der Beuys-Ausstellung im Museum Ulm wird die Geschichte von Joseph Beuys und seiner Honigpumpe erzählt. Honig – da steckt Kraft drin, Energie. Diese Energie sollten die Besucher der documenta spüren, wenn der Honig der Bienen in Schläuchen und Röhren um sie herumströmt. Überhaupt – Bienen. Beuys bewunderte die kleinen Tierchen, sagt Stefanie Dathe vom Museum Ulm:

Die Biene ist eben ein Tier, das sich in einem Volk organisiert, arbeitsteilig arbeitet, das eine ganz bestimmte Art der Kommunikation pflegt, und das hat einen Vorbild-Charakter für ein Volksgefüge oder ein staatliches Gefüge, wenn man so will, für Joseph Beuys.

Also baute Joseph Beuys den Honig-Kreislauf: 100 Kilo Honig, 170 Meter Schläuche, fehlte noch das Herz, nämlich die Honig-Pumpe. Doch wo immer Beuys Pumpen-Hersteller fragte, immer bekam er die Antwort: Honig pumpen geht nicht.

Bis er auf der Hannover-Messe an den Stand von Aloys Wilmsen aus Wangen im Allgäu kam. Dieser kann sich noch heute genau daran erinnern, als so ein Mann mit Hut auf ihn zukam.

Und dann schaute er auf und schaute mich an und stellte sofort dezidiert die Frage: Können Sie Honig pumpen?

Aloys Wilmsen sagte nicht „nein“, sondern fragte zurück: „Wie wollen Sie es denn haben?“ In einem Video, das derzeit in der Beuys-Ausstellung im Museum Ulm gezeigt wird, erzählt Aloys Wilmsen aus Wangen, wie es weiterging:
"Ich denk, was will der Mann denn eigentlich. Dann sagt er: Wie weit können Sie den Honig pumpen? Zehn Meter? 20 Meter? Wie weit denn? Ich sag: Ja, das geht. Und dann sagt der: Können Sie auch hochpumpen? Ich sag: Ja, warum nicht. Oder zur Seite. Oder runter. Ich sag: Das geht alles. Wie ist denn das? Ich hatte keine Vorstellung, was der will. Und die Leitungen wurden immer länger."

Aber Beuys hatte gehört, was er hören wollte.

Und dann gab er mir die Hand und sagte: Hiermit haben Sie den Auftrag.

Aloys Wilmsen von der Pumpenfabrik Wangen wusste damals nicht, wen er da vor sich hatte.
"Und dann sag ich: Ich weiß ja gar nicht, wer Sie sind. Dann schaut er mich richtig etwas ärgerlich fast an und sagt: Ich bin der Joseph Beuys. Aber dann hätten Sie mich sehen sollen. Dann hab ich mich aber hingesetzt und wurde kreidebleich und dachte: Menschenskind: Was hab ich dem Mann jetzt versprochen? Des is ja Wahnsinn."

Wahnsinn, ja. Aber ein schwäbischer Fabrikant hält sein Versprechen. Gemeinsam mit Joseph Beuys tüftelte Aloys Wilmsen aus, wie so eine Pumpe tatsächlich Honig durch einen Kreislauf pumpen kann, pausenlos wie ein Blutkreislauf, 100 Tage lang, denn so lange dauerte die Kunstausstellung documenta.

Ich hab‘ ihm dann beschrieben: Herr Beuys, wissen Sie, was hier passiert, wenn ein Schlauch platzt? Da haben Sie aber ein Honig-Happening. Sagt er: das Schlimmste ist das auch nicht.

Ein Honig-Happening aber gab es nicht in Kassel 1977. Die Schläuche hielten dicht und die Honigpumpe aus Wangen im Allgäu pumpte zuverlässig hundert Tage lang Honig durch die Kunst-Ausstellung, während Beuys eifrig mit Besuchern diskutierte und, wer weiß, die Energie aus dem Honig-Kreislauf wirken ließ.

Joseph Beuys war ein Meister in seinem Fach:

Das kann man auf den Fotos erkennen: welches Gefühl, welche Sensibilität er für solch technische Dinge hatte. Dadurch wurde das aber auch gut. Das wurde ja alles zu einem Kunstwerk.

Der Pumpenhersteller Aloys Wilmsen war letztlich froh und sicher ein bisschen stolz, diesen außergewöhnlichen Auftrag für den Bau einer Honigpumpe an Land gezogen zu haben:
"Wenn ich da nicht davon überzeugt gewesen wäre, weiß ich gar nicht, ob ich diese schlaflosen Nächte da total eingesetzt hätte, um die einzelnen Probleme zu lösen."

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Joseph Beuys: Fett, Filz und Kunst

Joseph Beuys war ein deutscher Aktionskünstler und Professor an der Kunstakademie Düsseldorf. Die einen feiern ihn als wichtigsten Künstler der jungen Bundesrepublik, andere beschimpfen ihn als Spinner. Beuys arbeitete vor allem mit Filz und Fett, seltener mit Farbe und Leinwand. Ist das Kunst oder kann das weg?  mehr...

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