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Homeoffice und Kurzarbeit – diese Themen beschäftigen momentan den Arbeitsmarkt. Doch wie sieht es an der Jobfront aktuell aus? Wir haben mit Unternehmen und Bewerbern gesprochen.

In Zeiten von Corona wird die berufliche Zukunft auf den Prüfstand gestellt. Viele Arbeitnehmer denken derzeit sogar über einen Jobwechsel nach. Doch in wie weit ist es möglich, sich beruflich zu verändern, wie laufen die Bewerbungsprozesse ab und welche Chancen und Herausforderungen bringen diese Veränderungen mit sich?

Offene Stellen werden rarer

Die Angebote an der Jobfront haben in vielen Bereichen abgenommen, abgesagte Bewerbungsgespräche und kaum neue Stellenanzeigen sind keine Seltenheit. Die Unternehmen haben momentan ein großes Problem: den Unsicherheitsfaktor "Zukunft". Keiner weiß, was nach Corona sein wird und auch nicht, wann dieses "danach" beginnt - geschweige denn, was bis dahin noch alles passieren wird.

Personalbeschaffung via Internet

Ein Einstellungsstopp ist daher für viele Firmen naheliegend. Aber ist das auch die optimale Lösung? Nein, sagen die Beteiligten: Den gesamten Bewerbungsprozess zu stoppen, ist weder für Jobsuchende noch für Arbeitgeber zielführend. Kein Unternehmen könne es sich erlauben, die Recruiting-Aktivitäten komplett einzustellen, sie sollten vielmehr auf die aktuelle Situation abgestimmt werden. Konkret heißt das: Arbeitgeber sehen sich gezwungen, ihre Personalbeschaffung zu digitalisieren. So genannte "Online-Assessments", also zum Beispiel Eignungs-Tests, und Videointerviews werden jetzt zum Hauptbestandteil bei Bewerbungen.

Die digitale Bewerbung

Der Weg zum Vorstellungsgespräch hat sich durch die momentanen Einschränkungen nicht geändert, auch schon zuvor haben viele Interessenten ihre Bewerbung bereits digital eingereicht: per Mail oder direkt über die Unternehmens-Homepage. Geändert hat sich aber das persönliche Vorstellungsgespräch: das läuft inzwischen hauptsächlich per Video-Chat ab.

Und was ist mit der Körpersprache? Sie beeinflusst die Entscheidung des Personalverantwortlichen nicht unerheblich mit - ist also auch ein wichtiger Erfolgsfaktor für den Bewerber. Deshalb meint Dr. Stefan Caspari, Leiter der Unternehmenskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit bei STIHL:

»Gespür für die Chemie entwickelt sich eher im direkten Kontakt.«

Dr. Stefan Caspari, STIHL

Über Mimik und Körpersprache könne man den Gesprächspartner besser einschätzen. Im persönlichen Gespräch sei eine spontane Interaktion einfacher möglich.

Bewerbungsgespräch per Video-Chat

Online-Vorstellungsgespräch (Foto: dpa Bildfunk, Franziska Gabbert)
Ein Online-Vorstellungsgespräch ist in Zeiten von Corona keine Seltenheit. Franziska Gabbert

Auch bei PORSCHE laufen die Bewerbungsgespräche vor allem virtuell ab. Das habe es aber zuvor auch schon gegeben, allerdings nicht so häufig, sagt Matthias Rauter, Pressesprecher für Personal und Soziales der PORSCHE AG. Das Corona-Virus habe aber keine Auswirkungen auf das Auswahlverfahren selbst und auf die zur Entscheidung benötigten Kriterien - ebenso wenig auf die Anzahl der geplanten Neuanstellungen.

Ähnlich läuft es bei der MAHLE GmbH. Laut Ruben Danisch, Leiter der Firmen- und Produktkommunikation, werden die Bewerbungsgespräche zum Schutz aller Beteiligten derzeit überwiegend virtuell, also in Form von Telefon- und Videointerviews durchgeführt. Geändert habe sich also hauptsächlich das Format: statt persönlichem Gespräch im Haus jetzt virtuelle Kommunikation. Davon abgesehen bleibe MAHLE bei den bewährten Auswahlverfahren. Mit Blick auf die Zukunft der Autobranche sei natürlich auch MAHLE von den Herausforderungen betroffen und plane künftige Einstellungen daher sehr gezielt.

Virtuell? Ja, sagt auch BOSCH seit Beginn der Corona-Krise und betont, was für die Firma besonders im Vordergrund stehe: eine angenehme Gesprächsatmosphäre und Chancengleichheit der Bewerber. Fortbildung der Verantwortlichen inklusive. "Um sie bestmöglich auf die veränderte Situation vorzubereiten, haben wir ihnen zeitnah einen Leitfaden zur technischen Handhabung, Datenschutz und vor allem zum richtigen Setting und Verhaltensregeln an die Hand gegeben", erzählt Trix Böhne, Sprecherin für Corporate, Personal und Soziales bei BOSCH.

Werbung für die Bewerbung

STIHL versucht, vorab möglichst alles "digital zu klären". Waren in der Vergangenheit Bewerbertage - mit den enstprechenden Massen an Menschen - gang und gäbe, bietet "STIHL in diesem Jahr erstmalig einen Virtual-Reality-Raum, in dem sich das Unternehmen den BewerberInnen präsentiert."

Chancen und Herausforderungen

Im Vergleich zum virtuellen Gespräch sei das direkte Gespräch natürlich wichtig, so Matthias Rauter von PORSCHE. „Vor allem auch für die Bewerber, die sich gerne einen Eindruck von der möglichen neuen Arbeitsstätte machen wollen. Und auch für uns ist es eine Chance, etwaige Berührungsängste abzubauen.“

Aber durch die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt wird das virtuelle Vorstellungsgespräch durchaus bald gang und gäbe sein. Mit neuen Herausforderung für den Gesprächsleiter, da in einem Online-Meeting die Abläufe und Rollenverteilung aller Teilnehmer vorab genau festgelegt werden müssten, so Dr. Stefan Caspari von STIHL.

»Wir sind positiv überrascht von der Souveränität, mit der die Kandidatinnen und Kandidaten, aber auch unsere Führungskräfte bei MAHLE, mit dem neuen Format umgehen.«

Ruben Danisch, MAHLE

Der persönliche Kontakt bleibt etwas auf der Strecke

Die neue Art der Bewerbung hat - anders als von den Firmen ursprünglich gedacht - noch nicht einmal so große Einschränkungen. Bewerber können sogar schneller und unkomplizierter mit dem jeweiligen Fachbereich zusammengebracht werden. Allerdings sind sich die Unternehmen in einem Punkt sicher: Das virtuelle Kennenlernen und Erkunden des potentiellen Arbeitsplatzes hat nicht den gleichen Effekt wie ein realer Besuch. Daher stehe laut Ruben Danisch von MAHLE einem persönlichen Kennenlernen vor Ort am Ende des Bewerbungs-Prozesses nichts im Wege.

Auch STIHL will Bewerberinnen und Bewerbern sowie den einstellenden Führungskräften die Möglichkeit geben, das Arbeitsumfeld und die neuen Kolleginnen und Kollegen möglichst persönlich kennenzulernen.

So erleben Bewerber im Moment die Jobsuche

Ein Geschäftsmann sitzt vor seinem Laptop (Foto: dpa Bildfunk, Blend Images/John Duarte)
Laptop und Notebook gehören zur Grundaustattung bei der Online-Jobsuche. Blend Images/John Duarte

"Aufgrund der aktuellen Corona-Krise verschieben wir den Einstellungsprozess auf unbestimmte Zeit und müssen Ihnen leider für das geplante Vorstellungsgespräch absagen." Diese Antwort auf eine Bewerbung ist kein Einzelfall. Obwohl die Bewerbungsprozesse angepasst und digitalisiert werden, stellen viele Unternehmen kaum noch neue Beschäftigte ein. Das wirkt sich zunehmend auf die Motivation der Bewerber aus und verstärkt die Zukunftsängste der Jobsuchenden.

Vor welchen Herausforderungen Bewerber bei einem virtuellen Vorstellungsgespräch stehen, weiß Paul Hirschfelder nur zu gut. Er ist 26 Jahre, hat ein abgeschlossenes BWL-Studium und hat viel Erfahrung bei Online-Vorstellungsgesprächen.

»Ich finde es gut, dass Bewerbungsgespräche trotzdem geführt werden. Aufgrund der technischen Möglichkeiten ist das heutzutage kein Problem mehr.«

Paul Hirschfelder, Onlinebewerber

Die Vorgespräche führte Paul meist per Telefon, die Vorstellungsgespräche anschließend über die Onlineplattformen "Zoom" oder "Skype". Das ermögliche das Arbeiten von zu Hause und erspare ihm die Anfahrt. Zudem sei man in seiner gewohnten Umgebung, was bei der anfänglichen Nervosität helfe. Dennoch sei das eigene Zuhause nicht der beste Ort für berufliche Vorstellungsgespräche. Im privaten Umfeld könnten Mitbewohner, Lebenspartner oder Kinder das Gespräch stören. Auch wenn der Gesprächspartner dafür Verständnis zeige, könne einen das aus dem Konzept bringen. Nicht selten führten kurze Unterbrechungen zu einem stockenden Gespräch - den Bewerbern fällt es per Videochat also schwerer, das Unternehmen von sich zu überzeugen.

Fazit des Onlinebewerbers Paul: das virtuelle Gespräch ist nicht optimal, aber eine gute Lösung, um den Bewerbungsprozess weiterhin aufrecht zu erhalten.

STIHL berichtet, dass die meisten Kandidaten die digitale Vorstellung trotz der anfänglichen Schwierigkeiten beim üblichen "warm up" als positiv bewerten. Die Anreisezeit entfalle, die Terminfindung sei einfacher.

Wann kehrt Normalität ein?

Die Grenzen öffnen, der Alltag kehrt langsam zurück - da könnte doch auch der gewohnte Bewerbungsalltag in Form von persönlichen Bewerbungsgesprächen wieder einkehren? Laut Pressesprecher Matthias Rauter führt Porsche bereits wieder erste Gespräche im Haus - mit entsprechenden Schutzmaßnahmen. Auch MAHLE führt bei Bedarf vereinzelt wieder persönliche Gespräche am Ende des Bewerbungsprozesses.

STIHL sieht in der aktuellen Lage sogar ein Modell für die Zukunft und plant, verstärkt Video- und Telefongespräche im Bewerbungsprozess zu nutzen. Das spare sowohl Zeit als auch Kosten für alle Beteiligten und beschleunige sogar den gesamten Prozess.

Wird die virtuelle Bewerbung also den klassischen Ablauf nach der Corona-Krise ersetzen? Einige Vorteile bringt sie mit sich, darüber sind sich alle Beteiligten einig. Aber ob sie sich auch komplett durchsetzt - diese Prognose wagt noch keiner der Befragten.

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