Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 14.3.2019 | 21:00 Uhr | SWR Fernsehen

Aspirin Ende eines Mythos

Lange galt Aspirin als Wundermittel, auch zur Vorsorge gegen Herzinfarkt und Schlaganfall. Millionenfach wurde es niedrig dosiert verschrieben. Studien stellen das in Frage.

Vor 120 Jahren ließ der Chemiekonzern Bayer das Patent für einen neu entwickelten Wirkstoff eintragen: ASS, kurz für Acetylsalicylsäure. Unter dem Namen Aspirin wurde das Mittel schnell zum Verkaufsschlager. Noch heute bewirbt Bayer Aspirin als „Wundermedikament“.

Nicht nur bei Schmerzen, Fieber und Entzündungen soll die Tablette helfen. Mediziner gingen auch lange davon aus, dass der Wirkstoff ASS schwerwiegenden Krankheiten wie Herzinfarkt und Schlaganfall vorbeugen kann. Was an dieser Annahme dran ist, hat jetzt eine große Studie überprüft – mit überraschendem Ergebnis.

Täglich eine Aspirin zum Schutz vor Herzinfarkt und Schlaganfall

Etwa 50.000 Menschen sterben in Deutschland jedes Jahr an einem Herzinfarkt, rund 60.000 durch einen Schlaganfall. Beide Erkrankungen zählen damit zu den häufigsten Todesursachen.
Jahrzehntelang empfahlen Ärzte zur Vorbeugung dieser Erkrankungen Aspirin. Um sich vor gefährlichen Gefäßverschlüssen zu schützen, haben weltweit Millionen gesunde Senioren täglich eine Pille eingenommen. „An aspirin a day keeps the doctor away”, lautete der dazu gehörige Slogan.

Aspirin hemmt die Blutgerinnung

Aspirin hemmt die Blutgerinnung


Die Idee dahinter: Als sogenannter „Blutverdünner“ verhindert Aspirin die Bildung von Blutgerinnseln, die meistens die Ursache von Herzinfarkt und Schlaganfall sind.

Blutverdünner mit gefährlichen Nebenwirkungen

Allerdings kann das Medikament auch erhebliche Nebenwirkungen haben, weiß Matthias Ebert von der Uniklinik Mannheim. „Aspirin ist ein Medikament, das die Bildung von speziellen Eiweißen im Magen und in der Schleimhaut des Darms hemmt“, erklärt der Gastroenterologe. „Diese Eiweiße brauchen wir, damit die Schleimhaut im Darm immer wieder regeneriert. Und wenn dieses Eiweiß gehemmt wird und die Schleimhaut nicht regeneriert, entstehen kleine Defekte.“

Im schlimmsten Fall können diese Schleimhautverletzungen zu schweren Blutungen führen. Schon lange ist bekannt, dass Patienten, die regelmäßig Aspirin nehmen, ein erhöhtes Risiko haben, Blutungen im Magen-Darm-Trakt zu erleiden.

Kardiologe Thomas Münzel: „Nur minimale Vorteile“

Kardiologe Thomas Münzel: „Nur minimale Vorteile“

ASPREE-Studie zeigt: wenig Nutzen, hohes Risiko

Nun haben australische Forscher in einer groß angelegten Studie überprüft, ob der präventive Nutzen der ASS-Behandlung das Blutungsrisiko übersteigt. Konkretes Ziel der ASPREE-Studie war es, herauszufinden, inwieweit eine Therapie mit niedrig dosiertem Aspirin (100 Milligramm pro Tag) zukünftige Herz-Kreislauf-Ereignisse verhindern kann.

Dafür wurden seit 2010 rund 20.000 ältere Menschen untersucht. Die Probanden hatten noch keinen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten, brachten zum Teil aber Risikofaktoren mit, wie zum Beispiel hohen Blutdruck, hohe Cholesterinwerte oder Diabetes. Und so verlief die Studie: Die Teilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe bekam täglich niedrig dosiert ASS, die andere nur ein Placebo. Welcher Gruppe sie angehörten, wussten die Probanden nicht; es handelte sich um eine Blindstudie.

Am Ende des Studienzeitraums hatten in der ASS-Gruppe fast genauso viele Menschen einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten wie in der Placebo-Gruppe. Somit konnten die Forscher keinen signifikanten Nutzen der Behandlung nachweisen. Allerdings erlitten in der ASS-Gruppe deutlich mehr Personen schwerwiegende Blutungen im Magen-Darm-Bereich und im Gehirn.
Dieses Ergebnis ist für Kardiologen wie Prof. Thomas Münzel von der Uniklinik Mainz wegweisend. Denn es zeigt, dass die tägliche Einnahme von Aspirin gesunde Menschen kaum vor Herzinfarkt oder Schlaganfall schützt, dafür aber einem unnötigen Blutungsrisiko aussetzt.

Krebszellen

Krebsentstehung

Kein Schutz vor Darmkrebs

Die ASPREE-Studie hat darüber hinaus noch eine weitere Frage beantwortet. In den letzten Jahren gab es immer wieder Hinweise, dass Aspirin vor Darmkrebs schützt, weil es die Bildung von Darmpolypen hemmt.
Die Ergebnisse der ASPREE-Studie zeichnen zur Überraschung vieler Ärzte jedoch ein anderes Bild. Prof. Thomas Münzel fasst zusammen: „In der ASPREE-Studie, aber auch in anderen Studien, waren die Ergebnisse eher enttäuschend. Es kam sogar heraus, dass die Entstehung von Darmtumoren verstärkt wurde. Also das Konzept ‚Primärprävention von Krebs‘ ist praktisch nicht bestätigt worden.“

Gesunde Menschen profitieren nicht von Aspirin

Fazit: Im Hinblick auf die Vorbeugung von Krankheiten ist Aspirin wohl doch kein „Wundermedikament“. Zumindest gesunden Menschen bringt die tägliche ASS-Pille keinen gesundheitlichen Nutzen, kann ihnen dafür aber schaden.
Anders sieht es bei Menschen aus, die bereits einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt hinter sich haben. Für diese Gruppe ist durch zahlreiche Studien nachgewiesen, dass das Medikament mehr Personen vor einem erneuten Herzinfarkt oder Schlaganfall schützt, als es durch Blutungen gefährdet.

Aktuell in SWR1