Mann sitzt bei Psychiaterin auf der Couch und hält sich die Hände vor das Gesicht (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

Ängste? Einsamkeit? Gewalt?

Hier bekommen Sie professionelle Lebenshilfe

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Einsamkeit, Existenzängste, Probleme in der Familie, mit dem Partner oder mit Freunden. Die Corona-Situation verlangt uns einiges ab. Hilfe bekommen Sie unter anderem per Telefon.

Hilfe-Hotlines (Foto: SWR)

"Der Angst aktiv begegnen"

"Nicht jeder, der Sorgen oder Ängste wegen Corona hat, ist jetzt gleich psychisch krank."

Der Psychotherapeut Martin Klett empfiehlt einen strukturierten Tagesablauf mit festen Zeiten für die Arbeit oder für gemeinsame Mahlzeiten. Wichtig ist es auch, die sozialen Kontakte über das Telefon oder das Internet zu halten und kein übermäßiger Medienkonsum – sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern.

Tipps von Persönlichkeits-Trainerin Kristina Roth

Kristina Roth (Foto: SWR)

Kristina Roth aus Göppingen ist systemische Beraterin, erfahren in Krisenintervention und coacht unter anderem auch Mitarbeiter des SWR. Gerade bei den aktuellen Herausforderungen in Alltag, Beruf und Beziehung, vor die uns die Corona-Pandemie stellt, ist es wichtig, nicht den Kopf hängen zu lassen oder sich immer mehr zu verschließen.

Guter Abschied von alten Lebensmustern

Wir können nicht auf Knopfdruck Abschied nehmen. Wir durchlaufen im Moment alle innere Prozesse, die sich in vier Phasen  gestalten.  Zunächst wollen wir es eigentlich gar nicht wahr haben – das hat man ja bei Corona sehr schön gesehen.  Die zweite Phase ist: Wir gehen in so einen Widerstand, in einen Trotz. Wir wollen an allem festhalten, was das Leben vorher ausgemacht hat. Und plötzlich – je länger wir in dieser Phase sind, merken wir: Nein, nein, wir können es nicht festhalten. Es wird definitiv anders sein. Und erst dann -  wenn wir diese Trauer spüren und sie wirklich auch zulassen und da durchgehen – dann stellen wir fest: Es wird einen Neubeginn geben. Damit das gelingt können wir uns drei wichtige Fragen stellen: Was kann ich mitnehmen in dieses neue Leben nach Corona? Was muss ich loslassen, was wird es so einfach nicht mehr geben? Z.B. unbekümmert sein. Das wird vielleicht so gar nicht wieder kommen. Und das Dritte ist: Was möchte ich anders machen?

Strategien gegen Ohnmachtsgefühle

Diese Ohnmacht, die produziert zuerst mal eine riesen Wut und einen unglaublichen Zorn, denn mir sind ja tatsächlich die Hände gebunden. Ich kann nichts verändern…. Meine ich zumindest. Ich empfehle, wenn so die erste Wut verraucht ist, sich hinzusetzen, ein Papier zu holen und eine Lebenslinie auf zu malen von Geburt bis Zeitpunkt heute und über diese Lebenslinie  eine andere Linie zu zeichnen, die Höhen und Tiefen im Leben abbildet. Das haben wir alle gehabt. Wir hatten alle wunderbare Momente und Tiefen. Und dann zu schauen, was habe ich dazu beigetragen in meinem Leben, dass es Höhen gab, also was hat mich erfolgreich gemacht und wie habe ich die Tiefen immer wieder überstanden. Im Grunde ist das ein Stärkenprofil und das motiviert weiterzumachen und gemäß den eigenen Fähigkeiten den nächsten Schritt aus der Ohnmacht zu wagen.

Langeweile als Chance

Ja das klingt ja so schön:  Langeweile. Langeweile kann aber auch ganz schön bedrohlich sein. Und bevor man sich dann wieder in Aktivitäten  stürzt, wäre es vielleicht gut, an sich selbst einen Brief zu schreiben. Und damit jetzt die Zuhörerinnen und Zuhörer nicht vor einem weißen Papier sitzen und nicht wissen, was sie schreiben sollen, wäre es sinnvoll, Sätze aufzuschreiben, die beginnen mit: „Es geht mir gut, wenn….“ Beginnen Sie diese Sätze genau so. Schreiben Sie ohne nachzudenken, ohne anzuhalten. Und dann wird es ganz spannend sein, was oben am Papier steht und was als letzter Satz steht. Es ist eine wunderbare Übung, um zu schauen, wo sind meine Kraftquellen. Manchmal sind sie uns nicht bewusst. Und durch diese Übung haben wir die Chance zu schauen: Aha, wie gestalte ich mein Leben so, dass möglichst viele dieser Kraftquellen darin vorkommen.

Umgang mit Corona – Härtetest für Freundschaften

Wichtig ist in dieser Zeit vor allem, dass wir uns nicht in Argumentationsschlachten  ie Köpfe heiß reden und dann nachher womöglich verletzt aus solchen Diskussionen herausgehen. Also wir können im Dialog von- einander und miteinander lernen je ehrlicher wir  uns begegnen. Ruhig auch in unserer Angst, vielleicht auch in unserer Lässigkeit, dass wir denken: „Mein Gott  - ich nehm‘ s nicht so genau“. Was nur definitiv  vermieden werden sollte, wären Bewertungen und Vorwürfe. Das schädigt uns und belastet unsere Freundschaften. Zunächst mal hören: Was denkst Du? Und manchmal machen sich Menschen einfach keine Gedanken. Punkt. Und sind dann ganz erstaunt und sagen „Gut, dass Du mich darauf aufmerksam machst“. Dazu sind Freunde da.             

Was tun gegen Lagerkoller (in der Familie)?

Wichtiger Aspekt ist: es ist nicht schlimm wenn es passiert. So ein bisschen Lagerkoller werden wir alle kriegen. Reiß-Dich-Zusammen-Parolen bringen da gar nichts. Der große Vorteil von Familien oder Menschen, die zusammen leben, ist, dass sie einander trösten können: es wird vorbeigehen; wir schaffen das gemeinsam. Also immer wieder ein Mantra „Wir werden das gemeinsam schaffen“. Und stellt Euch vor: Wir sitzen in einem halben  Jahr hier vielleicht am Küchentisch und können uns in die Augen sehen und sage: haben wir’s nicht alle gut hingekriegt ?! Das wäre das Ziel. Wenn das so ein Stern am Himmel ist, der dann aufleuchtet, wenn der Koller beginnt, dass man sich dann ausrichtet auf den Stern, dann haben wir eine gute Chance durch zu kommen.

Homeoffice: Darf ich zugeben, dass es mir schwer fällt? 

Ja aber klar! Es darf nicht ein privates „Ach-Gott-ach-Gott-wie-krieg-ich’s-hin“ werden, sondern wir müssen darüber sprechen in der Online-Sitzung. Wir sind alle nur Menschen und jeder hat Schwierigkeiten. Und wenn sich heute einer aufplustert und behauptet : „Das ist doch eine Riesen-Chance“ - dann kann ich nur sagen: Ja.  Sicher werden wir was lernen aus dieser Krise. Aber dass das verdammt schwer fällt und vieles, vieles gelernt werden muss - Menschenskinder, dass man abends auf dem Sofa sitzt und sagt „Muss das sein“  … das wäre komisch, wenn es anders wäre. Es muss im Arbeitskontext eine ganz normale Fragestellung sein: Wie geht es Ihnen im Homeoffice? Wenn dann so was kommt wie „Ich vermisse Euch. Ich bräuchte Euch jetzt“ … na wie schön ist das denn! Denn dann weiß ich, ich bin nicht nur ein Arbeitstier, sondern auch noch ein Mensch, der vermisst wird.

Was tun, wenn man Berührungen vermisst?

Klingt jetzt vielleicht banal, ist ja aber auch Gottseidank nur eine Übergangs-Übung.  Manchmal hilft’s,  mit sich selbst sehr liebevoll zu sein und sich selbst mal richtig zu drücken , in den Arm zu nehmen. Kann man ja mal ausprobieren : An den Oberarmen halten, die Augen schließen und überlegen: Wäre das jetzt herrlich, wenn jetzt der da wäre, den ich jetzt so sehr vermisse. Und so komisch das klingt:  Je intensiver ich mir das vorstelle, desto wärmer wird mir und desto mehr beruhigt es mich. Das sind Übungen, die man auch mit alten Menschen macht, die ganz lange Berührungen entbehren müssen. So hilft man ihnen, die Lücke zu füllen, die aber - ganz ehrlich - nie ganz gefüllt werden kann. Wir werden in dieser Sehnsucht bleiben. Es sind kleine Hilfskonstruktionen.

Was tun, wenn Kraft und Motivation flöten gehen?

Wenn Ihnen die Motivation in den Keller geht, ist es wichtig, dass Sie sich auch mal erlauben, traurig zu sein. Tränen haben reinigende Wirkung! Wenn es danach aber nicht aufwärts geht und Sie merken, dass Sie in diesem Gefühl fest hängen, dann müssen Sie sich unbedingt wieder von dem Gefühl distanzieren und das gelingt am besten über ein inneres Bild: Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Fußballstadion und schauen nach unten zu diesem Gefühl. Sie schauen also mit Entfernung auf das, was Sie gerade da unten machen. Und Sie werden sehen: Sobald da eine Distanz entsteht, bekommen Sie wieder Kraft.

Was tun gegen das "alles ist scheiße"-Gefühl?

Packen Sie sich ein Schatzkästchen: Einfach einen Moment mit Stift und Papier hinsetzen und überlegen, ob es heute wenigstens einen klitzekleinen Moment gab, der gut war? Aufschreiben und in die Schatzkiste packen. Das Interessante dabei ist: Sie fokussieren sich damit auf die guten Momente und gleichzeitig trainieren Sie Ihr Gehirn auch in diese Richtung zu denken. Sie werden sehen, es fallen Ihnen plötzlich Dinge ein, die Sie vorher gar nicht beachtet haben. Plus: Wenn die ganzen Momente im Schatzkästchen sind, dann können Sie sich immer wieder an ihnen erfreuen und aus ihnen auch in diesen Zeiten immer wieder Kraft schöpfen.

Wie umgehen mit einer Fernbeziehung?

Bei räumlicher Trennung sollten Sie mit Ihrem Liebsten regelmäßig Kontakt aufnehmen und mindestens einmal am Tag telefonieren (noch besser natürlich ein Videoanruf). Im Gespräch erinnern Sie sich am besten gemeinsam an die Momente, die Ihre Liebe stark gemacht haben. Erzählen Sie sich gegenseitig davon, was Sie miteinander verbindet. Und: Auch am Telefon klingt "Ich liebe dich" schön. Der Sprache wieder mehr Ausdruck zu verleihen und wieder mehr miteinander zu kommunizieren, das ist für manche Paare eine echte Herausforderung, aber gerade jetzt auch eine Chance, die Liebe noch mal auf eine andere Art zu festigen. Vermeiden Sie in der Situation jetzt dagegen das Große Reinemachen. Dazu sollten Sie sich wirklich gegenüberstehen.

Was hilft, wenn ich alles schwarz sehe?

Es ist völlig natürlich und normal, wenn Sie sich in der momentanen Situation negative Bilder machen. Und trotzdem: Wenn Sie vor einem Abgrund stehen, ist es wichtig, dass Sie sich klar machen, was Sie jetzt stärken kann. Malen Sie sich ein Zukunftsbild, was Sie nach der Krise tun werden. Was war von Ihrem Leben davor so schön, dass Sie es unbedingt sofort wiederholen, wenn es wieder erlaubt ist. Schmücken Sie sich Ihr Zukunftsbild ruhig aus, egal, ob Sie daran denken, ihr Enkelkind wieder zu umarmen oder Ihre Freundin. Stellen Sie sich vor, wie sie das machen, wie die Person riecht, wie Sie sich selbst dabei freuen und lachen, was Sie anhaben werden. Diese positive Fantasie wird Ihnen helfen.

Was tun, wenn die Gedanken trotz allem Karussell fahren?

Dass die Gedanken gerne mal Karussell fahren in solchen Zeiten, ist normal. Schämen Sie sich bloß nicht dafür. Wenn es aber wirklich gar nicht mehr aufhört und sogar nachts weitergeht und es Sie richtig in Bedrängnis bringt, gibt es eine Übung, die fast schon etwas lächerlich klingt, aber funktioniert: Setzen oder stellen Sie sich hin und malen Sie mit beiden Händen eine Acht in die Luft. Natürlich nicht nur einmal, sondern fahren Sie die Acht immer wieder nach, legen Sie sich richtig hinein, folgen Sie der Bewegung Ihrer Hände und Arme, schauen Sie ganz genau hin, wie sich diese Acht in die Luft hinein legt und lassen Sie sich Zeit dafür. Die Idee dahinter ist einfach, dem Gehirn eine andere Aufgabe zu geben und es ablenken um in eine andere Welt abzutauchen und das Gedankenkarussell davor vergessen.

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