Infektiologe Peter Kremsner im SWR1-Interview

»Im Moment ist sichergestellt, dass jedem die beste Behandlung zugute kommt.«

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Deutschland ist bislang vergleichsweise glimpflich durch die Corona-Pandemie gekommen. Trotzdem rät der Infektiologe Peter Kremsner auch weiterhin zum Abstand halten und Maske tragen.

In Deutschland gibt es keine Übersterblichkeit, das heißt, es sterben nicht mehr Menschen als in jedem normalen Jahr. Das zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamts. Zudem bleibt die Zahl der Infizierten, die im Krankenhaus behandelt werden, seit diesem Sommer konstant niedrig, wie aus Zahlen des Robert Koch-Instituts hervorgeht.

Warum wir trotzdem weiterhin Abstand halten und Maske tragen sollten, begründet der Infektiologe und Virusexperte Peter Kremsner von der Uni Tübingen im SWR1-Interview.

Prof. Dr. Peter Kremsner (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/Pressebildagentur ULMER)
Prof. Dr. Peter Kremsner picture alliance/Pressebildagentur ULMER

Bekommen Menschen in Baden-Württemberg, die an Covid-19 erkrankt sind eine bestmögliche Behandlung? 

Im Moment ist es sichergestellt, dass hier jedem die beste Behandlung zugute kommt. Ich sehe da im Moment auch keine Probleme, Schwachstellen oder irgendwelche Lücken. Das kann sich natürlich wieder ändern. Wir waren alle überrascht über das, was wir im März und April zum Beispiel in Norditalien und im Elsass gesehen haben. Das sollte sich nicht mehr wiederholen. Das hoffen wir alle und wir sind jetzt auch besser gewappnet.

Vor allem fordere ich und viele meiner Kollegen mehr europäische Solidariät. Wir können nicht zulassen, dass in Straßburg oder Colmar Menschen auf den Korridoren in den Krankenhäusern versterben und wir unsere Kliniken verschließen - das ist ein Verbrechen.

Die Zahl der Menschen, die in Deutschland im Krankenhaus behandelt werden, bleibt seit diesem Sommer konstant niedrig. Gibt es von Ihnen also Entwarnung?

Bisher können wir das nicht sagen. Dieses Phänomen, dass es weniger Erkrankungen gibt, die schwer verlaufen oder die sogar tödlich enden, wird nur in Deutschland und in manchen Teilen Europas deutlich. Woanders auf der Welt, wie zum Beispiel in Nord- und Südamerika, nicht.

Also ich glaube nicht, dass wir Entwarnung geben können. Es hat sicher etwas damit zu tun, dass das Durchschnittsalter der Bevölkerung, die jetzt betroffen ist, hauptsächlich jünger ist als es vielleicht noch im März und April war. Vielleicht schützen sich die Alten auch besser. Ich weiß es aber nicht.

In Deutschland gibt es keine Übersterblichkeit, es sterben also nicht mehr Menschen als in jedem normalen Jahr. Warum dann diese Maßnahmen?

Natürlich kann man an Covid-19 sterben. Gerade in Europa bzw. Mitteleuropa sterben die sehr Alten. Das durchschnittliche Alter, wenn man hier stirbt, ist 81. Das durchschnittliche Alter, wenn man an oder mit Covid-19 verstirbt, ist auch 81. Insofern betrifft es die alte Bevölkerung, aber auch Junge, die schon Grundkrankheiten haben - das aber weniger.

Die meisten von den Jungen haben oligosymptomatische [mit wenig Symptomen, Anm. d. Red.] oder asymptomatische [d.h. ohne Symptome] Verläufe. Die betrifft es nicht. Da billige ich es nicht, aber man kann schon verstehen, dass man dann auch nach einem Jahr Pause wieder feiern mag als 20-Jähriger und dann vielleicht mal über die Stränge schlägt. Aber wir sollten aufpassen, weil wir es nach Hause tragen können zu den Großeltern und die können dann eben auch versterben. Das ist heute so, wie es auch im Frühjahr der Fall war.

Maske tragen, Abstand halten, Hände waschen oder lüften - was können wir zur Prävention noch tun?

Wir sollten uns nicht in Versammlungen in engen Gebäuden begeben. Das ist sicherlich ein großes Problem. Dazu gehören auch die Kitas und Schulen. Da mache ich mich jetzt unbeliebt, aber wenn es um Seuchenbekämpfung geht, dann muss man die ebenso wie Restaurants zuerst schließen. Ich gehe sehr gerne in Restaurants, aber es geht um all diese Sachen.

Gar nicht so sehr die Sachen draußen: am Fußballplatz draußen kann man sich praktisch nicht anstecken. Aber im Theater - ich geh auch sehr gern ins Theater oder in die Oper - sehr wohl. Genauso in der Schule, in der Kita. Das sind die Sachen, die wir im Auge behalten müssen, und die wir, wenn es wieder zunimmt mit den Covid-19-Fällen, schließen müssten.

Testen, testen, testen ist das Motto - aber testen wir die "Richtigen"?

Es lassen sich Leute testen, die krank sind, Verdachtsfälle sind, oder solche die Kontakt hatten mit Covid-19-Patienten. Ich glaube schon, dass das die Richtigen sind und dass auch sehr viel mehr getestet wird als noch zu Beginn der Pandemie. Und ich glaube auch, dass uns immer weniger durchrutscht.

Aber es gibt natürlich immer noch eine Dunkelziffer von Infizierten, weil es auch sehr viele asymptomatisch Infizierte gibt, die einfach gar nicht merken, dass sie infiziert sind. Das sind sicherlich das Doppelte oder Dreifache von denen, die wir testen und auch positiv testen, wenn nicht das Zehnfache davon. Das können wir nie in den Griff kriegen, außer wir testen alle - und das ist unmöglich, dass wir uns dauernd alle testen, da steht der Aufwand nicht dafür.

Die Neuinfektionen steigen weiter, ist ein Urlaub im Herbst drin? 

Es ist sehr schwierig zu reisen, weil es kaum noch irgendwelche Verbindungen gibt. Und dann gibt es natürlich unterschiedliche Reiseziele, die unterschiedlich von Covid-19 betroffen sind. Ich wundere mich wirklich sehr, wie die Bundesregierung weiterhin ungefähr 150 Länder pauschal als Risikogebiete abstempelt, die es nicht im geringsten verdienen.

Nehmen wir viele afrikanische Länder, wo - aus welchen Gründen auch immer - die Pandemie seit zwei Monaten stark abnimmt. Gabun ist ein gutes Beispiel, das ich sehr gut kenne, aber auch im Kongo, Togo, Benin etc. ist es so. Wir haben in diesen afrikanischen Ländern ein Zehntel oder ein Zwanzigstel oder noch weniger Fälle als in Deutschland und trotzdem ist es ein Risikogebiet. Das ist absurd.

Natürlich ist es anders, wenn man jetzt nach Spanien oder in die USA reist. Dort haben wir wesentlich mehr Covid-19-Fälle als in Deutschland.

Wir haben erlebt, wie zu Beginn der Pandemie die Masken ausgingen. Wie steht es aktuell um die Ausrüstung für diesen Herbst?

Das, was ich weiß und überblicke, zum Beispiel am Universitätsklinikum Tübingen, und das, was ich lese, was hier für Europa gilt und für Deutschland, ist, dass wir sehr gut gerüstet sind. Wir haben so viele Masken in Tübingen, da kommen wir, glaube ich, 40 Jahre damit aus.

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