Buchtipp: "GRM Brainfuck" von Sibylle Berg Was passiert, wenn wir einfach so weiter machen?

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Was passiert mit unserer Welt, wenn wir alle genau so weitermachen, wie bisher? Sibylle Berg beschreibt genau das in ihrem neuen Roman „GRM Brainfuck“ (Sprich engl.:  Grime). Die Geschichte spielt in nicht allzu ferner Zukunft. Die Falken haben sich durchgesetzt, die Law-and-Order-Politiker. Die soziale Schere klafft weiter auseinander denn je und
Big Brother sieht wirklich alles.

Es ist fast schon eine Binsenweisheit: Die Kinder leiden immer besonders unter den Umständen.

Egal ob Krieg, Umweltzerstörung oder Armut. Am Leid der Kinder lässt sich besonders gut illustrieren, was grade schiefläuft und folgerichtig sind die Hauptpersonen in Sibylle Bergs Roman Kinder. Don, Karen, Hannah und Peter, deren Leben allesamt aus den Fugen geraten ist. Berg nimmt sich hundert Seiten lang Zeit, ihre Schicksale zu beschreiben. Zu erklären, was in der englischen Stadt Roachdale exemplarisch für viele andere Städte schiefläuft.

Zuerst trifft es immer die Armen. Sie verlieren ihre Wohnung, ganze Familien landen im Obdachlosenheim. Aber auch die Mittelschicht bricht weg. Hannahs Eltern zum Beispiel hatten einen kleinen Laden, ein eigene Wohnung. Als die Mutter plötzlich stirbt, verliert der Vater den Lebensmut, das Geschäft geht kaputt, er und Hannah landen schließlich als Sozialfälle im Heim, in einem dreckigen Zimmer im Keller.

Und was ist mit dem Internet?

Keiner aber ist zu arm für ein Handy, ein Smartphone oder ein Tablet:

„Sie starren ständig in ihre Endgeräte.“

Die Endgeräte als Mittel, die Armen bei Laune zu halten. Damit sie nicht auf dumme Ideen kommen. Außerdem kann man mit den Endgeräten Rapvideos sehen, die neuesten Stars des Grime, wie der besonders aggressive Rap in Englands Armenvierteln genannt wird, und dem Buch den Titel gibt.

Schließlich haben die Kinder genug von der ständigen Überwachung. Die Endgeräte landen in einer Grube. Erde drauf, wie eine symbolische Beerdigung. Dann folgt mit Hilfe einiger anderer Außenseiter der ungleiche Kampf gegen das System.     

Brillant und außergewöhnlich

Was Sibylle Berg in diesem über 600 Seiten starken Roman schafft, ist sprachlich brillant, erzählerisch außergewöhnlich. Neben den vier Kindern präsentiert sie ein ganzes Tableau von Nebenfiguren. Der junge Zuhälter, der reiche Russe, seine polnische Trophäen-Frau, der schwer reiche Politiker mit degeneriertem Sohn, und die Verlierer-Typen wie Carl, der Vorarbeiter war.

„Bis er von einem Polacken ersetzt wurde. Darum war er gegen den Islam. Und gegen all die Scheiße“.

Autorin Sibylle Berg (Foto: Imago, Skata)
Autorin Sibylle Berg Imago Skata

Wie konnte das alles passieren?

Wie konnte eine Gesellschaft so kaputt gehen? Fragt Sibylle Berg und liefert die Antwort gleich mit: Weil wir einfach weitergemacht haben. Weil Wirtschaft wichtiger war als das Klima. Weil wir uns in der Pflege nach den Kosten richten und nicht nach den Bedürfnissen der Kranken und Alten. Und so weiter.   

Gleich zu Beginn schreibt Berg in ihrem typisch lakonischen Ton:

„Die Märkte hatten es gerichtet. Prost auf die Märkte.“ 

Fazit

GRM Brainfuck ist toll recherchiert, spannend und sogar witzig erzählt. Am Ende bleibt man fast sprachlos zurück in der Hoffnung, dass diese Dystopie, wie Sibylle Berg sie beschreibt, so niemals Wirklichkeit wird.

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