Generationen-Buch: Aberland Witzig und schonungslos zugleich

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Was passiert im Leben einer Frau Ende 50, wenn die Kinder aus dem Haus sind? Kommt dann die große Leere? Und was passiert mit den Kindern, die nun auch Eltern werden? Bei denen stellt sich eher das Gefühl ein, mit Kindern, Arbeit und Nestbau einen ganzen Acker umzupflügen. Und welche Rolle spielen eigentlich die Männer dabei? Die 44-jährige Schriftstellerin Gertraut Klemm hat ein Frauen-Generationen-Buch geschrieben. Ihr Roman mit dem Titel "Aberland" ist witzig und schonungslos zugleich. Und er ist vor allem unbedingt lesenswert.

Worum es geht?

Um zwei Frauen. Es geht um Elisabeth, 58 Jahre, und ihre Tochter Franziska, Mitte 30. Franziska, bürgerliches Milieu, gut ausgebildet als Biologin, hat nach der Geburt ihres Sohnes den Job aufgegeben, hadert mit ihrer reinen Mutterrolle, hetzt von Kindergartenfest zu Weihnachtsfeier, lässt sich aber von ihrem Mann zu einem zweiten Kind überreden. Erst kommen Zweifel, dann die Gewissheit, falsche Entscheidungen getroffen zu haben.

Ihre Mutter Elisabeth dagegen hat nie gearbeitet, sie langweilt sich mit ihrem Ehemann in einer noblen Villa, geht täglich Joggen oder Schwimmen. Ein Luxusleben, dem die Perspektive abhanden gekommen ist. Stattdessen kommt Bitterkeit auf. Wenn Elisabeth im Freibad jüngere Frauen beobachtet, dann sagt sie sarkastische Sätze wie: "Früher sind die Frauen mit vierzig zahnlos gewesen, jetzt sind sie mit vierzig erstgebärend."

Klasse, weil ...

... das Buch nicht gewollt witzig ist wie leider so viele Bücher, sondern böse witzig. Es ist gemein. Es zeigt Kinder als Gleichberechtigungskiller. Es zeigt zwei grimmige Frauen, die ihre Umwelt sezieren wie mit dem OP-Messer - bis es weh tut. Die Gesellschaft gibt moderne Geschlechterrollen vor, dazu kommen die eigenen Visionen. Alles zusammen ist kaum einlösbar. Aberland meint: "Ja, aber". Und so ärgern sich die beiden Frauen aus zwei Generationen über ihren zahnlosen Feminismus.

Genau das Richtige für ...

... Leser, die gerne Bücher über das Innenleben von Frauen lesen, außerdem Generationenromane und das alles bitterbös. Auch und unbedingt für Männer geeignet, die in diesem Buch übrigens gar nicht gut wegkommen. Ein wütender und radikaler Text in der österreichischen Tradition von Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek - allerdings durch und durch amüsant und hoch unterhaltsam geschrieben. Nicht umsonst stand der Roman "Aberland" in diesem Jahr auf der Longlist zum deutschen Buchpreis.

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