Buchtipp: "Zu geil für diese Welt: Die 90er - Euphorie und Drama eines Jahrzehnts" von Joachim Hentschel Die Erkundung eines Jahrzehnts

Wissen Sie noch? Damals .. Ach ja die 90er waren leicht und unbeschwert. Ob der zu große Discman mal wieder nicht in die Hosentasche passte oder die Musikkassette mit dem Stift zurück gespult werden musste - rundum ein prägnantes Jahrzehnt zwischen den Spice Girls und der Erfindung des Internets.

Die 90er

Das Klischee besagt, dass die 90er Jahre irgendwie ein komisches Jahrzehnt waren – wenn nicht sogar lächerlich. Da gab es Erscheinungen wie das Tamagotchi und das Arschgeweih, es gab Erotic-Trash-TV mit Sendungen wie Peep und Liebe Sünde, es gab Blümchen und die Loveparade, wo junge Leute unter der Berliner Siegessäule mit blondierten Haaren oder roten Strähnen rumhampelten und tatsächlich Schnuller und Pfeifen im Mund hatten, Staubsauger auf dem Rücken oder Mundschutz trugen – und Feinstaub war damals nicht der Grund. Beim Musiksender VIVA schickten Schüler wie verrückt Faxe ins Studio – und die Deutschen waren überhaupt ein bisschen plemplem, denn sie schossen Millionen D-Mark für Telekom-Aktien in den Wind – nur weil Manfred Krug dafür Werbung machte. Kanzler Kohl antwortete auf die Frage, wie es denn um die Datenautobahnen stehe – dass jedes Bundesland selbst zuständig sei für den Autobahnbau. Sendungen mit Experten begannen mit der Frage: Jetzt erklär doch mal so ungefähr, was ist denn dieses Internet überhaupt? Wer online gehen wollte, tat das im Lesesaal der Unibibliothek unter dem Funzellicht eines Rechenzentrums. Man schrieb lange Zeilen von voller Schrägstriche, Zahlenreihen und Abkürzungen.

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Der Autor und Musikjournalist Joachim Hentschel hat die 90er während seines Studiums in Tübingen geradezu eingesaugt – und sein heutiger Blick auf das Jahrzehnt ist faszinierend, denn er erklärt die Gefühlslage von damals politisch: Wiedervereinigung, Kalter Krieg und Ostblock am Ende, in den USA regierte mit Bill Clinton ein cooler Demokrat, in Südafrika endete die Apartheit und der lange eingesperrte Nelson Mandela wurde erster schwarzer Präsident. Die Schlagbäume fielen und wir begannen, uns als Europäer zu fühlen. Die 90er waren nicht lächerlich – sie waren ein Jahrzehnt voller Aufbruchstimmung, Visionen, Optimismus, voller Lust am Experiment und am Leben überhaupt, an der Freiheit – mit dem Gefühl: Alles ist möglich. Manchmal war die Party überdreht – aber ein Spaß. Ein angstfreier Tanz ins neue Jahrtausend. Dieses Buch öffnet einem am Ende die Augen. Wie traurig ist es eigentlich, dass Freiheiten – in den 90er Jahren errungen – heute weltweit zurückgedreht werden, weil es einige Leute und rechte Strategen so wollen.

Fazit

Wenn Ihnen Namen wie Geocities, Angelfire oder Lycos heute noch etwas sagen, dann haben Sie die 90er miterlebt. Dann sollten Sie das Buch "Zu geil für diese Welt" lesen - benannt nach einem Hit der Fantastischen Vier. Und wenn Sie es nicht erlebt haben - lesen Sie es erst recht.