Autor Jaroslav Rudis (Foto: imago images / STAR-MEDIA)

Buchtipp: "Winterbergs letzte Reise" von Jaroslav Rudis Ein Roman wie ein Roadmovie

Er ist schon ein halber Stuttgarter: der Tscheche Jaroslav Rudis. Über das Stuttgarter Literaturhaus wurde er mit seinem Comic über den schrulligen Bahnhofsleiter Alois Nebel bekannt. Seitdem ist er immer wieder in der Landeshauptstadt unterwegs. Zuletzt mit seiner neuen CD – denn Rudis hat auch ein eigenes Bandprojekt – und mit seinem neuen Buch "Winterbergs letzte Reise", das auch für den Preis der Leipziger Buchmesse dotiert war. Ein Roman wie ein Roadmovie.

Es ist ein merkwürdiges Paar, das sich da auf große Zugfahrt begibt: der 99jährige Wenzel Winterberg und der Altenpfleger Jan Kraus. Und eigentlich war das alles auch ganz anders gedacht. Ein letzter Abschiedstrip sollte es werden für den schon im Sterben liegenden Winterberg. Doch nun ist der Alte auf einmal wieder putzmunter unterwegs, was seinem Begleiter furchtbar auf die Nerven geht. Autor Jaroslav Rudis kennt kein Pardon, er schickt seine beiden Helden auf eine lange Reise von Berlin quer durch Mitteleuropa nach Sarajewo und wieder zurück. Alles mit der Bahn:

"Ich liebe Eisenbahn, ich komme ja aus einer Eisenbahnfamilie. Und Eisenbahn und alles, was mit Schienen zu tun hat, das taucht immer wieder in meinen Geschichten auf."

Dazu passt auch Rudis zweite große Leidenschaft. Er sammelt alte Fahrpläne. Ganze Regalreihen voll hat er bereits zusammengetragen. Für "Winterbergs letzte Reise" ist er auch einer Art Fahrplan gefolgt, nämlich den Empfehlungen eines alten Baedeckers aus dem Jahr 1913: 

"Trotzdem ist man überrascht, wieviel man eigentlich wiederfindet. Man sieht, wenn man in die Gaststätten oder Hotels geht, die in dem Baedecker stehen, so wie ich das gemacht habe. Diese Hotels, die Gasthäuser, die in dem Baedecker stehen und immer noch heute da sind, die sind eigentlich ziemlich gut."

Es ist eine verschwundene Welt, die Jaroslav Rudis in seinem Roman auferstehen lässt: alte Wegstrecken und Tunnel, abgelegene Bahnhöfe, heruntergekommene Grandhotels und schummrige Wirtshäuser. Alle Weisheiten, alle Geschichten wurden hier schon erzählt, meint der Altenpfleger Jan Kraus, der notgedrungen seine Bierchen mit dem alten Winterberg im Wirtshaus kippt. Und nach und nach loten sie ihre lang verdrängten Geheimnisse aus:  Winterberg trauert seiner großen Liebe nach, einer jüdischen Frau, die er in den Kriegswirren im Stich gelassen hat. Und auch Kraus wird mit dem Verlust einer Frau, die er in den Tod begleitet hat, nicht fertig. Ein Roadmovie-Roman: Melancholisch, warmherzig und unglaublich witzig. Das pralle Leben:

"Das Buch ist sehr schnell entstanden. Innerhalb von sechs, sieben Monaten habe ich das einfach runtergeschrieben. Weil ich wollte, dass es wirklich auch etwas wie eine lange Eisenbahnfahrt ist, dass man das gut wegliest. Aber ich habe die Geschichten natürlich jahrelang gesammelt."

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