Nicolas Mathieu (Foto: Imago, Copyright: xMichelxStoupakx)

Buchtipp: "Wie später ihre Kinder" von Nicolas Mathieu Wurde mit Frankreichs wichtigstem Literaturpreis ausgezeichnet

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Es ist Sommer. Es sind die 90er Jahre und wir befinden uns im Osten Frankreichs. Genau dort und zu dieser Zeit spielt der Roman des französischen Autors Nicolas Mathieu. Es ist sein zweites veröffentlichtes Buch und für das hat er im vergangenen Jahr den renommierten Prix Goncourt erhalten. Jetzt ist "Wie später ihre Kinder" auf Deutsch erschienen.

Eigentlich sind die Sommerferien doch die schönste Zeit im Jahr. Doch beim 14-Jährigen Anthony und seinen Freunden sind sie eine Mischung aus langer Weile und kurzen Abenteuern. Er klaut Roller, fährt ziellos umher, trifft Freunde am See zum Kiffen und währenddessen läuft Nirvana im Radio.

"Zwischen den Satellitenschüsseln und aufgehängter Wäsche konnte man zusehen, wie der Putz abblätterte, wie die Balkone rosteten, wie es aus den Leitungen tropfte, wie braune Rinnsale an den Fassaden herabliefen. Wer konnte, war längst weggezogen, nach Luxemburg, in den Großraum Paris, oder wenn die Rente stimmte, in die Heimat."

Genau diese Tristesse hat Autor Nicolas Mathieu selbst miterlebt. Er war in den 90ern Teenager, ist in Lothringen groß geworden, erzählt er bei Radio France.

"Ich bin in der Region geboren, mein Vater kommt aus dem Arbeiter-Milieu. Das macht einen sensibel für solche Themen. Außerdem habe ich später im Berufsleben mitbekommen, wie Unternehmen abgewickelt wurden. Ich habe also gesehen, wie es mit der Arbeiterklasse und der Industrie zu Ende ging.“

Als Nicolas Mathieus Roman letzten Sommer in Frankreich erschien, sind kurz danach die Gelbwesten auf die Straßen gegangen – ein Ergebnis genau dieser Zeit des industriellen Umbruchs. Sein Buch zeigt, wie der Frust anfing. Warum in der Grenzregion heute häufig rechts gewählt wird. Ein Rückblick, der einen fürs Hier und Jetzt die Augen öffnet.

"Ich wollte auch zeigen, wie die Strukturen und Regeln in einer Gesellschaft funktionieren. Wie ist das, wenn dein sozialer Stand über dein Leben und Schicksal bestimmt. Und die Jugendlichen in meinem Buch sind eben genau in diesen Strukturen gefangen."

Ihnen bleibt also nichts anderes übrig, als das Beste aus ihrem Leben zu machen: Sich zu verlieben, aber bei ihrem Durst nach Freiheit auch richtig großen Mist bauen: Mit Drogen dealen, sich schlagen und mit Waffen bedrohen. Nicolas Mathieu erzählt die Geschichte der Jugendlichen über mehrere Sommer hinweg – von 1992 bis 98. Nach der Schule wollen sie nichts anderes als raus aus der Stadt.

"Anthony wollte Spaß haben, das letzte Mal in dieser Scheißstadt etwas erleben, bevor er für immer abhauen würde, und Steph machte mal wieder alles kaputt. Er konnte sich nicht einmal umdrehen, sie und ihre Arschlochfreundin glotzen ihm bestimmt nach. Er stellte sich in die Schlange vor der Bar. Er wollte sich prügeln."

"Wie später ihre Kinder" ist ein Gesellschaftsroman und eine Coming Of Age-Geschichte in einem, die in Heillange spielt. Ein fiktiver Ort, der allerdings stark an Hayange erinnert. Eine Kleinstadt in Lothringen – von einem Hügel umgeben. Von dort aus kann man die ganze Stadt überblicken. Beim Lesen hat man das Gefühl genau auf diesem Hügel zu stehen. Autor Mathieu knipst dabei die Straßenlaternen an, um ins in die Szenen der Kleinstadt mitzunehmen. Er ist nah dran am Leben seiner Protagonisten:

Was von mir in Anthony steckt, ist der Wille rauszukommen (echapées belles) und dieser gekränkte Stolz, die blauen Flecken auf der Seele, die Narben hinterlassen – die ein Leben lang bleiben.

Genau diese Narben werden in seinem Buch sichtbar. Jahrelang hat Nicolas Mathieu geschrieben, aber nichts veröffentlicht. Für „Wie später ihre Kinder“ gab es dann direkt den renommierten Prix Goncourt – denn sein Einblick in die französische Gesellschaft der 90er Jahre ist gelungen.

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