Buchtipp: "Wie ich Klavierspielen lernte" von Hanns-Josef Ortheil Der Traum vom Musiker-Leben

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Haben Sie auch ein Instrument gespielt oder – spielen müssen – als Kind? Blockflöte oder Klavier? Für die meisten ist da wohl nicht viel herausgekommen, ein paar Stücke, die man als Erwachsener noch kann, mehr nicht. Den Traum, berühmter Pianist zu werden, erreichen nur wenige. Auch Hanns-Josef Ortheil nicht. Der Autor, der zu den bedeutendsten derzeit in Deutschland zählt, wollte ursprünglich nicht Schriftsteller werden, sondern Pianist. Davon erzählt sein neuestes Buch.

Fast fünf Jahre alt ist der kleine Hanns-Josef Ortheil, als es eines Tages klingelt und Möbelpacker etwas Dunkelbraunes in die Wohnung schleppen. Der kleine Junge hat keine Ahnung, was es ist – ein Gehäuse mit langem, geradem Rücken, steifem Brustkasten, zwei gebogenen Beinen und ganz unten zwei Pedalen wie bei einem Auto. Das monströse Ding, von dem der Junge befürchtet, dass darin fette reglose Schlangen sein könnten, stellt das Leben der kleinen Familie auf den Kopf.

Sie hatten vier Söhne verloren und ich war dann der Fünfte. Als ich zur Welt kam, Anfang der Fünfziger in Köln, sprach meine Mutter wegen der traumatischen Erfahrungen nicht mehr. Wir hatten dann aber das große Glück, ein Geschenk zu bekommen von einem Onkel, der uns ein Klavier schenkte.

Hanns-Josef Ortheil
Autor Hanns-Josef Ortheil (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
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Ortheil erzählt, wie er Klavierspielen lernt, jeder Lehrer hat sein eigenes System, bevorzugte Komponisten, auch Spleens. Er lässt mit dem berühmten Pianisten Glenn Gould Steine flitschen am Rhein, türmt aus dem Musikinternat. Ortheil erzählt auch, wie er mit über 60 wieder anfängt Klavier zu spielen. Dieselben Etüden und auch sein Lieblingsstück, Robert Schumanns C-Dur-Fantasie – Liebeswellen für Forellen, witzelt er. Es ist nicht Ortheils erstes Buch über seine Kindheit und das Klavierspielen. 2009 gab es schon „Die Erfindung des Lebens“, aber keine Sorge, es doppelt sich nichts. Auf dem Buch-Cover übrigens hat Hanns-Josef Ortheil das Foto eines völlig zerstörten Flügels haben wollen – herausgerissene Tasten, zersplittertes Holz – eine Kunstaktion von 2018.

Am Ende meiner eigenen Bemühungen, das Klavier oder den Flügel zu malträtieren oder von ihm zu lernen und mit ihm gemeinsam zu arbeiten, hatte ich manchmal auch solche Wahnträume, dass es notwendig sei, das Klavier nach 20 Jahren Üben auch mal etwas aggressiver anzupacken.

Hanns-Josef Ortheil

Warum Ortheil Schriftsteller und nicht Pianist ist, liegt nicht am zerstörten Klavier. Wer’s noch nicht weiß, findet es auf Seite 314.

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