Buchtipp: "Stella" von Takis Würger Stella Goldbergs Geschichte als "Greiferin"

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"SWR1 - ein Sender - ein Buch". So heißt einmal im Jahr unsere Aktion, bei der unsere Buch-Experten Romane vorstellen - und sie, die SWR1-Hörerinnen und -Hörer, wählen dann einen aus - und den lesen und besprechen wir alle gemeinsam. Vorletztes Jahr haben sie für den fulminanten Debüt-Roman "Der Club" des 34-jährigen Autors Takis Würger gestimmt. Ein gutes Buch - da waren sich alle einig. Jetzt ist sein zweiter Roman erschienen - "Stella" heißt er. Der zweite Roman, sagt man, sei für einen Schriftsteller immer der schwerste. Das scheint tatsächlich der Fall zu sein, weil sich ein unglaublicher Streit um den Roman entfacht hat, darüber, ob man den Holocaust und die Judenverfolgung zu einem Unterhaltungsroman machen darf. Kritiker sprechen sogar schon von Holo-Kitsch - ein schwerer Vorwurf. Worum es geht und ob "Stella" gelungen ist oder nicht, sagt uns SWR1-Buchexpertin Silke Arning.

Über das Buch

Sie ist jung, übermütig und will einfach nur überleben: die Jüdin Stella Goldschlag, die im Frühjahr 1943 von den Nazis aufgegriffen wird. Sie wird gefoltert. Die SS droht, ihre Eltern nach Auschwitz zu deportieren, wenn sie nicht zur Zusammenarbeit bereit sei. Stella soll untergetauchte Juden an die Gestapo verraten. Sie willigt ein und wird eine sogenannte "Greiferin".

Und sie tut das auch dann noch, als ihre Eltern schon längst deportiert und ermordet sind. Augenzeugen berichten, Stella Goldschlag habe sogar selbst Verhaftungen vorgenommen. Ein spannender Stoff, den Takis Würger in eine Art Liebesroman bettet. Er schickt den jungen, etwas unbedarften Schweizer Friedrich nach Berlin in eine Kunstschule, wo er Kristin begegnet, die dort Modell steht. Sie gibt sich rätselhaft, macht ihn mit der verbotenen Jazz-Musikszene bekannt. Ein Mädchen aus einfachen Verhältnissen, wie Friedrich zu erkennen glaubt, das perfekt Latein beherrscht und sich mit einer gewissen Dreistigkeit durchs Leben schlägt:

Mit einer sehr einfachen, reduzierten Sprache versucht Takis Würger die Naivität seines Helden Friedrich zu spiegeln, der völlig einfältig durch eine dunkle Zeit stolpert, der an seiner großen Liebe Kristin festhält, obwohl sie sich als eine ganz andere entpuppt: als Stella, die jüdische Menschen dem Terror der Nazis preis gibt.

Über einen Freund erfuhr Autor Takis Würger von Stella Goldbergs Geschichte.

Takis Würger, Autor (Foto: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG - Foto: Sven Döring / Agentur Focus)
Takis Würger Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG - Foto: Sven Döring / Agentur Focus

Und er war gleich begeistert: "Mich hat fasziniert eine Geschichte zu erzählen von einem Menschen, der in einer Person vereint, liebevoll, musisch, dem Leben zugewandt zu sein und gleichzeitig eiskalt und grausam, wenn es darum geht, andere Menschen zu verraten und an die Nazis auszuliefern."

Fazit

Schade, denn mit der Zeit wirkt diese Art Minimalismus einfach nervig und unglaubwürdig. Schade auch, dass Autor Takis Würger durch eingestreute historische Fakten die hitzige und völlig unnötige Debatte um die Verquickung von Fiktion und Realität selbst losgetreten hat. Ein Buch, das diese Aufregung auch leider nicht wert ist. An den Zauber seines Vorgängers reicht es bei weitem nicht heran.

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