Buchtipp: "Schäfchen im Trockenen" von Anke Stelling Gnadenlose Milieustudie

Es ist eine besondere Beziehung: Die Schwaben und Berlin. Die vielen zugreisten Stuttgarter und Tübinger werden von den "echten" Hauptstädtern misstrauisch beäugt. Man erinnere sich nur an die Mäkelei des früheren Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang Thierse, der sich darüber beschwert hat, man könne in Berlin keine "Schrippen" mehr kaufen, sondern nur noch "Wecken". Kehrwochenallüren verunstalten offensichtlich auch das Original Prenzlauer Berg, der nach schwäbischer Gentrifizierung den Spitznamen "Schwabylon" bekommen hat. Und genau dort wohnt die Schriftstellerin Anke Stelling, die mit ihrem neuen Roman "Schäfchen im Trockenen" für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde. Und auch sie ist eine Zugezogene – aus Stuttgart.

Starke Worte: Komm an mein Herz, schreibt Resi ihrer Tochter und schiebt noch schnell hinterher: Erinnere dich, dass du da weg musst. Schon die erste Seite in Anke Stellings neuem Roman ist eine klare Ansage: das wird keine dieser bunten Familien-Soap-Operas, in der es um Schwangerschaftsstreifen und Läusemittel geht. Ob Sie Frauenbücher schreibe – mit dieser Frage und diesem Etikett weiß Anke Stelling umzugehen:

Autorin Anke Stelling (Foto: Havanna Skriva  -)
Havanna Skriva -

Anke Stellings Problem war es erst einmal, sich als Schriftstellerin auf den Weg zu bringen, sich durchzusetzen. Die ersten Romane wurden zum Ladenhüter. Eine harte Durststrecke, die vielleicht nur eine gestandene Schwäbin so gut wegstecken kann. Und dies nicht zum ersten Mal, denn nach Kindheit und Schule in Stuttgart ging Anke Stelling nach Berlin: sich vor dem Studium ausprobieren, Filme drehen. Da war das Geld sehr knapp:

Mit dem Studium am renommierten Literaturinstitut in Leipzig kam die Gewissheit, sich ein Leben als Schriftstellerin überhaupt vorstellen zu können. Davor stand die Suche nach dem eigenen Weg.

Fazit

"Schäfchen im Trockenen" – Ihr neuer Roman zeigt, dass dieser Weg in die Irre führen kann. Von den hippen, coolen Mütter, die einst mit hochfliegenden, alternativen Plänen an Partnerschaft, Familie und Beruf angetreten waren, um dann festzustellen, dass sie doch nur Deko sind: nettes Beiwerk, um das sonst so "langweilige Soziotop der gemeinschaftlichen Baugruppe" aufzuhübschen. Das kreative Tüpfelchen in einer gut verdienenden Klasse, die mit politisch korrektem Hybridauto durch die Gegend fährt und in der Kita Wert auf Spielkameraden aus "einfachen oder migrantischen Verhältnissen" legt. Ist ja sonst so "schrecklich weiß" hier. Anke Stellings Milieustudie ist gnadenlos. Es ist ihre eigene Generation und es sind ihre eigenen Erfahrungen.

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