Buchtipp: "Radio Acitvity" von Karin Kalisa Es ist Radiotime

Vor vier Jahren stand das Erstlingswerk der Berlin Autorin Karin Kalisa monatelang auf der Bestseller- Liste. „Sungs Laden“ – der Roman hatte mit sehr viel Witz und Wärme das Schicksal einer vietnamesichen Familie in Berlin erzählt. Die Fans von Karin Kalisa haben daher schon mit großer Ungeduld auf Nachschub gewartet. Jetzt ist er da: „Radio Activity“ – einerseits eine Hommage an den guten alten Rundfunk, zugleich eine Geschichte über Vergeltung und Gerechtigkeit.

Sendergeräusch

Es ist Radiotime. Beseelt von den guten alten Zeiten, als man noch stundenlang freakigen Drummern, philosophierenden DJs, schrägen Künstlern und Subkulturmachern lauschen konnte, haben sich drei Rundfunkfans zusammengefunden, um ein Küstenstädtchen irgendwo im Norden Deutschlands mit einem neuen Sender zu beglücken. Ein irres, völlig aus der Zeit gefallenes Projekt und doch so genial, dass es mit Hilfe ein paar wundersammer EU-Fördergelder Wirklichkeit wird. „Tee und Teer. Radio und mehr“ geht auf Sender.

"Guten Morgen, Seeleute... Ihr Leute auf See und an der See, hier schicke ich euch ein Bandoneon vorbei, das euch auf Nordmeerwellen in den Tag trägt. Damit ihr euch daran erinnert, warum ihr hier lebt trotz Werftenkrise und Konjunkturflaute, warum ihr nicht aufgegeben habt ... und warum Normalnull für euch das Höchste ist. Bleibt dran, wenn ihr wissen wollt, wie das Wetter in den nächsten Tagen wird."

Karin Kalina

Bandoneonspiel

Sie ist das Herz der Morning Show:  Nora Tewes, die unter dem Künstlernamen Holly Gomighty – Frühstück für Tiffany-Fans sind da natürlich gleich ganz Ohr – die Herzen der Seeleute verzaubert. Eine ätherische Ballettänzerin, herb, introvertiert, eine kluge Frau mit der genialen Radiostimme schlechthin. Und eine Frau mit einem Geheimnis. Denn das Radio Projekt ist für sie nur Mittel zum Zweck. Denn eigentlich sinnt sie auf Vergeltung. Erst kurz zuvor ist ihre Mutter gestorben. In den letzten, intimen Gesprächen im Krankenhaus kam eine schreckliche Wahrheit ans Licht. Noras Mutter wurde als kleines Mädchen von dem örtlichen Apotheker missbraucht, der noch heute als angesehener Mitbürger in der kleinen Küstenstadt lebt. Nora zeigt das Vergehen an, erhält jedoch postwendend die trockene Auskunft: Das Verbrechen ist verjährt. Mit dieser Floskel will sich Nora auf keinen Fall abfinden. Sie will den Mann, der ihre Mutter zu einer „Gewaltversehrten“ gemacht hat, stellen, sie streut über Sender Hinweise, macht doppeldeutige Andeutungen, um Stimmung gegen den inzwischen 91jährigen Täter zu machen. 

Für ihre Geschichte hat Karin Kalisa Gesetzestexte gewälzt, um nachzuspüren, mit welcher Sprache Opfer von Gewaltverbrechen konfrontiert werden, was es bedeutet, dass ein totaler Einbruch in Leben und Seele auf ein einziges Bürokratenwort, auf den Stempel Verjährung, geschrumpft wird. Das macht sie mit großer Sensibilität und einem feinen Gespür für Spache. Anrührend, kämpferisch ist dieser Roman. Und zugleich ein einziges Retro-Spektakel:  80er Jahre, gelber Friesennerz, Greenpeace-Schlauchboote gegen Dünnsäure-Verklappung. Dazu Radio-Nostalgie pur. Einfach herrlich.

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