Buchtipp: "Picknick auf dem Eis" von Andrej Kurkow Eine bizarre Geschichte über einen Autor, seinen Pinguin und verhängnisvolle Nachrufe

Wer sich nicht wundert, dass ein Königspinguin zum Mitbewohner eines erfolglosen Schriftstellers wird, der für die Hauptstadtnachrichten Kiews Nachrufe auf noch lebende Personen verfasst, die dann zügig das Zeitliche segnen - der wird den berührend melancholischen Roman von Andrej Kurkow in einem Rutsch lesen.

Viktor ist Ende 30, erfolglos als Schriftsteller und hat kein Glück bei den Frauen. Um die Einsamkeit zu übertünchen, schafft er sich den Königspinguin Mischa an. Der Kiewer Zoo konnte die Tiere nicht mehr finanzieren und musste sie verkaufen.

Als Viktor vom Chefredakteur der Hauptstadtnachrichten den Auftrag bekommt, Nekrologe auf noch lebende bekannte Persönlichkeiten zu verfassen, ändert sich sein Leben radikal. Er hat ein regelmäßiges Einkommen und macht sich zunächst wenig Gedanken darüber, dass die Nachrufe, einmal geschrieben, in Kürze gedruckt werden. Für das Ableben sind keine natürlichen Todesursachen verantwortlich.

Mitglieder von Mafia-Clans, Militärs mit höheren Rängen, Parlamentsabgeordnete und Geschäftsmänner kommen um. Von der Kriminalabteilung erhält Viktor die Details: "Die Details sind wie pikante indische Gewürze, die den Nachruf – ein langweiliges Gericht aus einer traurigen Grundsubstanz – in ein Gericht für Gourmets verwandelten." Und je länger Viktor arbeitete, desto stärker wurde sein Verdacht, dass diese ganze Geschichte Teil einer kriminellen Operation war.

Andrej Kurkow (Foto: Pako Mera/Opale/Bridgeman Images)
Autor Andrej Kurkow Pako Mera/Opale/Bridgeman Images

Aber dieser Verdacht hatte keinerlei Einfluss auf sein tägliches Leben oder seine tägliche Arbeit. "War er einmal vor so einen Wagen gespannt, musste er ihn auch ans Ziel ziehen", so schreibt es Andrej Kurkow. Und so zieht Viktor in stoischer Ruhe seinen Wagen, kümmert sich liebevoll um die vierjährige Sonja, die ein Auftraggeber bei ihm lässt, während der untertauchen muss. Und Nina, die Nichte des Revierpolizisten Sergej, mit dem er sich angefreundet hat, wird zum Hausmädchen und sie leben zusammen wie eine Familie.

Doch auch Viktors Umfeld wird kleiner. Sowohl Sonjas Vater Mischa als auch Ninas Onkel Sergej kommen um. Und Pinguin Mischa wird zur Haupteinnahmequelle, weil er auf Beerdigungen als Trauergast angefordert wird. Doch dann wird der Pinguin krank, bekommt eine Herztransplantation. Was eine bizarre Geschichte, ich musste beim Lesen gleichzeitig lachen und den Kopf schütteln. Und es wird noch bizarrer, denn plötzlich bekommt auch Viktor seinen eigenen Nachruf zu lesen.

Picknick auf dem Eis ist eine unglaubliche Geschichte, die Andrej Kurkow glaubhaft berührend erzählt. Wer mehr über den Krieg in der Ukraine erfahren will – und das anhand des Schicksals eines Bienenzüchters – der kann gleich weiterlesen in "Graue Bienen", der neue Roman von Andrej Kurkow.