Buchtipp: "Ich bin ein Schicksal" von Rachel Kushner Blick in die Welt der US-Gefängnisse

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Surfing, Hollywood und Silicon Valley: zu Kalifornien haben wir alle ein paar Klischees parat. Und seien wir ehrlich: viele davon klingen nach einem Paradies der unbegrenzten Möglichkeiten. Aber es gibt da auch Möglichkeiten, die alles andere als paradiesisch sind.

Rachel Kushner, mehrfach ausgezeichnete Bestseller-Autorin und in Kalifornien aufgewachsen, schildert sie in ihrem neuesten Roman "Ich bin ein Schicksal". Darin führt uns Kushner in die Welt der US-Gefängnisse, die sich in Kalifornien zu einer richtigen Industrie mit enormen Wachstumsraten entwickelt hat.

Es ist mitten in der Nacht, als wir Romy Hall zum ersten Mal begegnen. Eine Nacht in Kalifornien, aber keine Spur von "California Dreaming". Denn es ist Kettennacht. 60 verurteilte Frauen werden im Bus aneinander gekettet ins große Gefängnis nach Stanville verlegt. Für die 29-jährige Insassin W314 159, alleinerziehend und von Beruf Stripperin, ist es eine Busfahrt ohne Wiederkehr. Romy hat mit einem Brecheisen einen Mann erschlagen. Einen Stalker, der ihr keine Ruhe ließ. Das Urteil: Zweimal lebenslänglich. Plus sechs Jahre.

Autorin Rachel Kushner (Foto: Imago, TT)
Autorin Rachel Kushner Imago TT

Die Welt der US-Justiz

Rachel Kushner stößt ihre Leser förmlich hinein in die Welt der US-Justiz. Wer wie Romy auf einen Pflichtverteidiger angewiesen ist, findet vor Gericht kaum Gehör. Die Strafen sind von sinnloser Härte, die Haftbedingungen brutal. Es gibt Isolation, Ketten und disziplinarische Schikanen: ein Leben im Ausnahmezustand. Die Bestseller-Autorin engagiert sich selbst in der Gefangenenhilfe. Die schockierenden Details im Roman seien authentisch, sagt sie.

Der amerikanische Traum - um jeden Preis

Dem Leben im Gefängnis stellt Kushner das Leben in Freiheit gegenüber. Dort sind ihre Figuren allein und orientierungslos. Ihr Pech, dass sie in eine Familie ohne Geld oder Liebe oder Bildung geboren wurden. Trotzdem: alle wollen sie ihr Stück vom amerikanischen Traum, egal wie. Romy verdient sich das nötige Geld im Striplokal. Sex als Ware, trostlos und fatal.  

Fazit

Was "Ich bin ein Schicksal" lesenswert macht ist nicht allein der Blick in die uns unsichtbare Gefängnis-Welt. Es sind auch die Rückblenden in das Leben der Hauptfigur in den nicht ganz so schönen Vierteln von San Francisco. Der Beat der kalifornischen Popkultur, die Drogen, der Sex. Dieser ganze Hunger nach Leben, nach dessen Sinn Romy erst sucht, als es zu spät ist. Man könnte denken, Rachel Kushner wollte für ihre Hauptfigur mildernde Umstände geltend machen. Doch an der Schuld lässt sie keinen Zweifel, nur an der Sühne. "Ich bin ein Schicksal" entfaltet seine Wucht in der Schilderung eines zutiefst gespaltenen Amerika, in dem Gerechtigkeit eine Frage des Geldes ist.

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