Buchtipp: "Hippocampus" von Gertraud Klemm Roman über Feminismus? Oder nimmt er den Feminismus aufs Korn?

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Diesmal stellen wir einen Roman vor, bei dem man nicht so richtig weiß: Ist das nun ein feministischer Roman - oder nimmt er den Feminismus aufs Korn...?

Es ist das neue Werk der österreichischen Autorin Gertraud Klemm. Beim renommierten Klagenfurter Bachmannpreis wurde sie mit dem Publikumspreis belohnt.

Tatsache ist: Ihre Romane polarisieren.  Nachdem sich die letzten beiden Bücher "Muttergehäuse" und "Aberland" mit dem Gleichberechtigungsthema, mit Geschlechterkampf und Frauenrollen beschäftigt haben, hat Gertraud Klemm in ihrem neuen Roman "Hippocampus" den Kulturbetrieb aufs Korn genommen. Und der ist für sie eindeutig zu männlich dominiert.

Wenigstens nach ihrem Tod kommt die in Vergessenheit geratene Schriftstellerin Helene Schulze zu Ruhm und Ehre. Ihr Name findet sich dank einer geschickt eingefädelten Medienkampagne plötzlich auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Am Ende wird es wieder nicht reichen.  

Gertraud Klemm (Foto: Foto: Pamela Rußmann)
Foto: Pamela Rußmann

Aber: Zu diesem Zeitpunkt ist Elvira, Helenes alte WG-Genossin und Kampfgefährtin in Sachen Feminismus, schon mitten drin in ihrem Rachefeldzug. In einem wohlsituierten Kurort zieht sie der Statue eines Operettenkomponisten einen Bikini an, an anderer Stelle schmückt sie ein Kriegerdenkmal mit einer riesigen Vulva. Volle Babywindeln werden zu einer Installation auf einer Wiese gestapelt und ein Hochstand im Wald mit Exkrementen beschmiert. Das alles sollen Protestaktionen sein gegen einen scheinheiligen, selbstgefälligen und sexistischen Kulturbetrieb. Die Autorin Gertraud Klemm sagt dazu:

"Ich find' also, Windeln in Säcken zu Skulpturen aufzuschichten oder Hochstände mit Scheiße zu übergießen, ist eigentlich nicht mehr steigerbar. Und das, was ich an dem so lustig gefunden habe, ist, dass ich es nicht machen muss und nur schreiben muss."

Gertraud Klemm

Demonstrativ setzt Elvira unter jede ihrer Aktionen den Schriftzug "Hippocampus", die lateinische Bezeichnung für das Seepferdchen. Es ist die einzige Tierart, bei der das Männchen die Schwangerschaft übernimmt. Gertraud Klemm liebt es gern drastisch und ungeniert. Ihre Hauptfigur Elvira darf daher mal alle Register ziehen bis hin zu einem mit Schreckschusspistole bewaffneten Überfall auf eine Preisverleihung vor laufender Kamera. Den alten Heldenkult demontieren, die Frauen aus der Nische locken – das ist das Anliegen von Gertraud Klemm:

"Ich finde halt, dass es Gegenskulpturen bräuchte, die dem, was in unserer Kultur so herumsteht, gegenübergestellt werden."

Gertraud Klemm

Unterhaltsam liest sich dieser Roman, ein originelles Roadmovie, das mit klugen Beobachtungen und witzigen Einfällen daher kommt. Aber er hat auch seine Schwächen: manche Szenen werden nur angerissen, nicht fortgeführt. Der Reigen schriller Protestaktionen macht die Handlung kurzatmig und stellenweise oberflächlich. Dass der Kulturbetrieb ein Sexismus-Problem hat, ist spätestens seit der MeToo-Debatte offensichtlich. Doch noch immer scheint vieles nicht hinterfragt und unbeleuchtet. Gut, dass Gertraud Klemm hier nachlegt und keinen blinden Fleck kennt: denn die Frauen in ihrem Roman sind weiß Gott keine Unschuldslämmer.

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