Buchtipp: "Gerd Müller oder Wie das große Geld in den Fußball kam." von Hans Woller "Es hat wieder gemüllert"

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Er war der „Bomber der Nation“ – und er hält als Torjäger bis heute alle Rekorde: Gerd Müller. Er hat beim FC Bayern und in der Fußball-Nationalmannschaft praktisch aus alles Lagen getroffen. Aber wer war dieser Mann eigentlich? Eine neue Biografie ist erschienen über Gerd Müller.

Die sportliche Geschichte von Gerd Müller, die kennt man. Unerreichte 365 Bundesligatore hat er geschossen - und Deutschland 1974 mit seinem 2:1 zum Weltmeister gemacht. „Es hat wieder gemüllert“ hieß es damals über seine Abstaubertore.

Aber privat war er kein Abstauber, sondern bescheiden, schüchtern, eher gehemmt. Gerd Müller aus Nördlingen: Der bayerische Schwabe, aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen. Erst hat er als Löter, dann als Schweißer gearbeitet. Auch als er mit 19 beim FC Bayern anheuerte, verdiente er halbtags sein Geld noch als Möbelpacker. Dann sein Aufstieg in München. Er glänzt durch Tore, Tore, Tore.

Vom Provinzkicker zum Weltstar

Und man hat das Gefühl, Gerd Müller war der normalste unter den exaltierten Kickern von damals beim FC Hollywood: Franz Beckenbauer, Paul Breitner, Uli Hoeneß wirkten neben Müller wie erfolgstrunkene Arrogantlinge – mit ihrem Abi, dem Studium, der Redegewandtheit und dem Glamour, den sie verbreitet haben. Gerd Müller gaben sie immer das Gefühl, unterlegen zu sein. Er freute sich einfach, wenn er Abends daheim seinen Kartoffelsalat bekam und sich Cowboy-Filme anschauen konnte.

Gerd Müller war ein Provinzkicker, der plötzlich Weltstar war – und diese Rolle gar nicht wollte. Sie hat ihn auch überfordert. Öffentliche Auftritte abseits des Fußballplatzes waren ihm ein Graus, ebenso wie freie Reden halten, im Smalltalk glänzen, Shakehands machen in der Schickeria. Furchtbar für den bodenständigen Gerd Müller, den Mann der einfachen Worte.

Die Kehrtwende

Dann aber: Der Absturz Ende der 70er Jahre. Gerd Müller war praktisch sport-invalide geworden. Aber Mitleid hatte niemand. Müller wird auch menschlich verletzt: Entmachtet im Verein, es gibt Gerüchte über Eheprobleme, Ärger mit den Steuerbehörden. Müller ertränkt den Frust im Alkohol, eröffnet in den USA – seiner letzten Fußballerstation – ein Lokal und wird selbst sein bester Gast. Uli Hoeneß holt ihn später aus der Gosse zurück, gibt ihm auf Lebenszeit einen Job als Assistenztrainer beim FC Bayern. Und jetzt sein schreckliches Pech: Alzheimer. Gerd Müller lebt in einem Pflegeheim für Demenzkranke, wo sein Leben kleiner und kleiner wird.

Hans Woller (Foto: Verlag C.H. Beck)
Autor Hans Woller Verlag C.H. Beck

Fazit

Die Biografie von Hans Woller zeigt den Aufstieg, das Scheitern und Wiederaufstehen des verschrobenen Außenseiters Gerd Müller. Gerd Müller: Superstar ohne Allüren, zufrieden mit dem Leben im Kleinen, ein Pfundskerl, eine Seele von Mensch, einer wie du und ich. Die neue Biografie über ihn ist beeindruckend, anrührend und absolut lesenswert.

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