Buchtipp: "Feindliche Übernahme" von Thilo Sarrazin Plakativ, einseitig und bösartig

Islamkritik auf fast 500 Seiten

"Feindliche Übernahme" so heißt das neue Buch von Thilo Sarrazin, das im August 2018 erscheint. Acht Jahre lang war es um den ehemaligen Berliner Finanzsenator und Vorstand der Bundesbank relativ ruhig gewesen. Das dürfte nun vorbei sein.

2012 haben englische Wissenschaftler herausgefunden, dass Schokolade essen klug macht. Denn: In Ländern mit vielen Nobelpreisträgern wird auch viel Schokolade gegessen.
Dass unter diesen Nobelpreisträgern keine Muslime sind, ist ein Glücksfall für Thilo Sarrazin. Denn der hat in seinem neuen Buch herausgefunden, dass Muslime bisher keinen Nobelpreis gewonnen haben und auch nicht gewinnen können. Warum? Na, weil sie Muslime sind. Und der Islam dumm macht. Das ist leider falsch. Ägypten, die Türkei und Pakistan haben schon Nobelpreisträger in Physik und Chemie hervorgebracht. Es ist so falsch wie vieles in Thilo Sarrazins Buch "Feindliche Übernahme". Muslimische Einwanderer aus Subsahara-Afrika und dem Nahen Osten sind häufig schlecht gebildet? Ganz klar, muss am Islam liegen. Muslimische Staaten haben ein Demokratiedefizit und mit den Menschenrechten schaut’s auch düster aus? Ganz klar, muss am Islam liegen. Und genau deshalb ist der Islam laut Thilo Sarrazin auch eine Gefahr für Deutschland und Europa.

Wie wird die Zukunft in Europa aussehen?

Für Sarrazin liegt die Antwort auf der Hand. Die Muslime werden in absehbarer Zeit in Deutschland die Mehrheit stellen, weil sie mehr Kinder bekommen. Sie werden uns ihre fremden Lebensgewohnheiten aufdrücken bis von unserer Kultur nichts mehr übrig ist. Überdies werden sie zu einer Verdummung beitragen, denn sie sind weder an Bildung noch an Kultur interessiert - weil der Islam das eigenständige Denken verhindert. All das schließt Sarrazin aus den Daten, die er zusammengetragen hat. Und daraus, dass er den Koran gelesen und für seine Leser daraus das zusammengetragen hat, was er für wichtig hält. Man fragt sich, was den Autor eigentlich antreibt. Die Antwort darauf gibt er selbst im Vorwort:

Was ist die Aussage des Buches?

Thilo Sarrazin (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Foto: Michael Kappeler)
Autor Thilo Sarrazin picture-alliance / dpa - Foto: Michael Kappeler

Sarrazin will also, dass die Deutschen unter sich bleiben. Die Flüchtlinge sollen alle dort bleiben, wo sie sind oder dorthin zurückgebracht werden. Eine Verpflichtung zum Helfen hat Deutschland nicht, die armen Länder sollen sich doch selbst aus dem Dreck ziehen. Und die Muslime in Deutschland sollen sich bitteschön endlich mal kritisch mit den Grundlagen ihrer Religion auseinandersetzen und eine moderne Interpretation zulassen. Sarrazin selbst hat sich nicht die Mühe gemacht, einen der Wissenschaftler zu befragen, die um eine moderne Lesart des Koran ringen. Dabei gibt’s die auch an deutschen Universitäten. Im Prinzip geht es fast 500 Seiten lang nur darum, dass er den Islam doof findet. Und dass er das eigentlich gar nicht laut sagen darf:

Keine Frage, niemand muss irgendeine Religion sympathisch oder gut finden. Dafür gibt’s in Deutschland die Religionsfreiheit. Glücklicherweise gibt’s in Deutschland auch die Meinungsfreiheit. Sarrazin darf natürlich behaupten, dass der Islam das Grundübel unserer Zeit ist. Dass er nicht danach fragt, ob nicht viel eher die Armut in den Ländern Afrikas und des Nahen Ostens die Ursache für mangelnde Bildung und die starke Hinwendung der Menschen zur Religion ist, ist enttäuschend. Dass er den historischen Kontext und geopolitische Interessen völlig ausblendet, zeigt nur, dass er geradezu besessen davon ist, den Islam als Kern allen Übels auszumachen. Glücklicherweise gibt’s in Deutschland aber auch eine Konsumfreiheit. Jedem Leser steht es frei, dieses Buch nicht zu kaufen.

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