Buchtipp: Amerika von Kai Wieland Dorfprosa vom Feinsten

Ein kleines Dorf mitten im schwäbischen Wald: zwei Straßen, ein altes Schulgebäude, das nur noch für Beerdigungsfeiern genutzt wird. Rillingsbach – Ein Ort ohne Zukunft und ein Ort, der wirklich nur in seinem Kopf existiere, betont Autor Kai Wieland.

Der Ort des Geschehens

Schauplatz des Romans ist der Tresen am "Schippen", der ziemlich heruntergekommenen Dorfkneipe, wo sich die letzten Übriggebliebenen zum Stammtischtratsch treffen: "Menschen, die den Krieg oder die Nachkriegsphase noch miterlebt haben und die sehr stark von diesen Erfahrungen gezeichnet sind. Die Menschen, die man auf dem Land in einer solchen Kneipe eben trifft – der Dorfvorsteher, der so ein bisschen das Sagen hat, die Rebellin ist dort. Also das sind so die klassischen Charaktere, die man da so trifft."

Foto von Kai Wieland (Foto: Klett-Cotta Verlag - Foto: Marijan Murat)
Klett-Cotta Verlag - Foto: Marijan Murat

Worum geht es?

Die Rebellin, das ist die wilde Hilde, mit 60 die jüngste im Dorf, die einst vor der muffigen Enge und ihrer frommen Mutter Reißaus nahm. Dann ist da Erwin, Hildes Vater, der eines Tages mit einem Loch im Kopf in der Scheune liegt: "Der aus dem Krieg zurückgekehrt ist und dem Dorf sehr viel Probleme gemacht hatte. Es wird als Selbstmord festgehalten, aber die Tochter des Getöteten hat da immer ihre Zweifel dran."

Amerika bricht mit den heranrückenden GIs in das Dorfleben, sorgt für Angst und Aufregung. Schon die ganze Szenerie hat etwas von dem verlorenen Westernkaff, in dem ein Fremder den Saloon betritt. Bei Kai Wieland ist das der nicht näher bezeichnete Chronist, der das Gasthaus aufsucht und den letzten verbliebenen Rillingsbachern ihre Erinnerungen entlockt: skurrile, wilde, sentimentale Geschichte, die mit der Realität bisweilen kollidieren: "Der Chronist, der kommt eben in dieses Dorf mit einem Blick auf die damalige Zeit genährt aus Filmen, Büchern, aus dem Geschichtsunterricht und er trifft dort auf Menschen, die eine gelebte Erinnerung an diese Zeit haben und muss feststellen, dass die manchmal davon abweicht, was irritierend sein kann. Dass sie einen Teil der Geschichte in einen anderen Ton färbt und insofern ist das eben dieser große Kontrast zwischen Geschichtsschreibung und gelebten Erinnerungen, der ihn da umtreibt."

Fazit

"Dem Leben zuschauen, wie es passiert" – das ist Kai Wielands Devise und genau so liest sich sein Roman – mit Wucht und Melancholie, mit Witz und feinem Sprachstil.

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