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In den späten 70er Jahren sind Abba im Vollstress. Konzert-Tour und Kino-Film lassen kaum Zeit für ein neues Album. Aber kurz vor Weihnachten 1977 dürfen sich die Fans in Schweden über neue Songs freuen. Der Rest der Welt muss noch ein bisschen warten. 

Weltruhm und Ehe-Krisen 

Abba muss man nicht mehr groß vorstellen. Ein knappes Jahrzehnt lang – von 1973 bis 1982 – bestimmt das Ehe-Quartett aus Schweden die Pop-Charts weltweit. Benny und Björn schreiben in dieser Zeit zwei Dutzend Songs, die alle zu Welthits werden. Der ein oder andere Klassiker ist mittlerweile leider „zu Tode gedudelt“. Aber zum Jahreswechsel 1977/1978 ist es so, dass die Fangemeinde weltweit gar nicht genug bekommt von dieser Truppe. Alle warten sehnsüchtig auf ein neues Album, denn dass Abba-Fieber grassiert immer noch. Die Nachfrage ist so groß, dass die Vier eigentlich nach einer Pause lechzen und dringend Urlaub in der Heimat brauchen.

Eine wahnsinnig anstrengende und wahnsinnig erfolgreiche Australien-Tour war im Frühling ´77 zu Ende gegangen. Eigentlich ist die Truppe schon seit einem Jahr immer wieder mal im Studio für Neuaufnahmen, aber Unterbrechungen sorgen dafür, dass sich alles ziemlich lange hinzieht. Die Unterbrechungen sehen so aus, dass die Australien-Tour 1977 ein Nachspiel hat. Die Tour wurde gefilmt, aber danach gibt es immer wieder aufwändige Nachdrehs in Schweden.
Außerdem ist Agnetha schwanger. Ihr zweites Kind kommt im Dezember zur Welt – das musikalische Kind (Abba-Album Nummer 5) kommt auch im Dezember zur Welt. Aber nur in Schweden. Der Rest der Musikwelt wartet ein paar Wochen, ehe „Abba – The Album“ im Januar 1978 dann auch hier veröffentlicht wird.

Agnetha Fältskog und Björn Ulvaeus mit  Sohn Christian (Foto: dpa Bildfunk, Pressensbild pool)
Agnetha Fältskog und Björn Ulvaeus mit ihrem neugeborenen Sohn Christian (1977) Pressensbild pool

Der für ein fünftes Album etwas merkwürdige Titel ist einfach nur dem Film geschuldet, der zeitgleich in die Kinos kommt. Der heißt schlicht „Abba – The Movie“ und macht damit klar, dass man es hier mit einer Art filmisch-musikalischem Doppelpack zu tun hat. 

Ausschnitt aus dem Abba Film mit Bjorn Ulvaeus, Agnetha Faltskog, Anni-Frid Lyngstad, Benny Andersson (Foto: picture-alliance / Reportdienste, dpa Bildfunk, Courtesy Everett Collection)
Ausschnitt aus dem Abba Film mit Bjorn Ulvaeus, Agnetha Faltskog, Anni-Frid Lyngstad und Benny Andersson. Courtesy Everett Collection

Ein ungewöhnlich ernstes Album 

Der kommerzielle Erfolg ist natürlich sofort da. So gut wie alle Singles werden Hits, aber aufmerksame Beobachter stellen fest: Die LP ist ungewöhnlich ernst im Ton. Die sonst so gewohnte Abba-Unbeschwertheit ist kaum zu finden. Die musikalischen Beobachter sehen sich in dem bestätigt, was die Beobachter der Klatschpresse schon längst wissen: Es kriselt in der Band. Die Ehe zwischen Björn und Agnetha geht langsam aber sicher in die Brüche. Agnetha klagt wegen des Star-Rummels schon seit einiger Zeit über Schlaflosigkeit.

Flugangst macht ihr zusätzlich zu schaffen, was das Touren nicht gerade erleichtert. Wegen aufdringlicher Fans muss sie dann auch noch mit Mann und Kind ihre Wohnung wechseln. Sowas färbt ab. Streit ist so häufig, dass er auch im Studio stattfindet (und Anni-Frid und Benny werden schon bald feststellen, dass auch sie nicht mehr lange zusammenbleiben werden). Genau 12 Monate nachdem „Abba – The Album“ veröffentlicht wird, zieht Agnetha mit ihren beiden Kindern aus dem gemeinsamen Haus aus. Es ist vorbei. Aber das altbekannte Sprichwort wird noch einige Jahre auch hier seine Gültigkeit bewahren: „The Show Must Go On!“.

Abba im Aufnahmestudio (Foto: Imago, ZUMA/Keystone)
Die Unbeschwertheit im Studio ist passé. Imago ZUMA/Keystone

Vom Pop über das Musical hin zu „Abbataren“ 

Vor diesem Hintergrund darf man ruhig nochmal die Ohren spitzen. Wie viele fröhliche Lieder finden sich auf diesem Album? Die moll-Tonarten sorgen bei den meisten Liedern für deutlich abgedunkelte Stimmung. „Eagle“ klingt ziemlich düster. „One Man, One Woman“ handelt von einer scheiternden Beziehung. „The Name of the Game“ wirkt fast schon verzweifelt traurig. „Move On” ist nachdenklich. “Thank You For The Music” wird Jahre später noch einmal als Single veröffentlicht – dann wird es aber als bitter-süßes Abschiedslied verstanden. Und „I Wonder“ in Kombination mit „I´m a Marionette“ bestätigen am Ende der LP, dass die auf der A-Seite eingeschlagene Richtung bis zum Schluss durchgehalten wird. Die letztgenannten Songs zeigen übrigens deutlich die Merkmale von Liedern, die eher dem Musical-Genre entstammen.

Es sind keine Pop-Songs. Benny und Björn werden sich nach dem Ende von Abba tatsächlich auch dem Musical zuwenden: „Chess“ wird zum Millionen-Erfolg – ganz besonders wegen zweier Singles, die äußerst populär werden („One Night in Bangkog“ und „I Know Him So Well“). – Und heute??? Seit es im Jahr 2018 eine Sensations-Meldung gegeben hat, herrscht gespannte Unruhe unter den Fans. Abba – mittlerweile allesamt Senioren – haben kürzlich zwei neue Songs aufgenommen, die sie auch veröffentlichen wollen.

Letzter Stand Februar 2020: Die Songs könnten im September veröffentlicht werden – oder auch nicht. Das hat wohl mit technischen Problemen zu tun. Denn es ist eine merkwürdige Tour geplant: Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid sieht man nicht leibhaftig. Im Gegenteil: Spektakuläre 3-D-Hologramme, in denen man Avatare – oder besser: „Abbatare“ – auf der Bühne sehen soll, könnten dann für Staunen sorgen. Aber bis die Technik mit Licht, Hologramm, Bewegung und Sound so ausgereift ist, dass man da auch Geld für verlangen kann, kann es noch dauern. Und so lange bleiben wohl auch die zwei Songs streng bewacht in irgendwelchen Safes unter Verschluss. Und die Überwachung muss sehr gut sein, denn bis heute sind sie nicht illegal im Internet aufgetaucht…