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Im Jahr 1983 ist Billy Joel schon längst ein etablierter Superstar. Studio-Album Nummer neun ist mit seinem Retro-Sound ein gewagtes Experiment. Das Wagnis hat sich gelohnt: „An Innocent Man“ wird zum Welterfolg.

Aus und vorbei

Wir wollen ja hier nicht unbedingt einen auf Klatschblätter machen, aber weil die Geschichte schon ein paar Jahrzehnte zurückliegt und damals für die Entstehung des Albums durchaus wichtig war, sei es nochmal kurz erwähnt: Billy Joel ist wieder Single! Und das ist eine Tatsache, die in den Promi-News des Jahres 1983 sehr genau verfolgt wird. Dabei ist der Hintergrund eigentlich traurig. Im Jahr 1982 geht die Ehe mit Elisabeth Weber zu Ende. Diese Elisabeth ist legendär, denn sie kommt in einigen der Lieder von Billy Joel vor. Sie ist die politisch meinungsfreudige Kellnerin im Kult-Song „Piano Man“.

Billy Joel und Elizabeth Weber (Foto: Imago, ZUMA Press)
Billy Joel mit Elizabeth Weber in trauter Gemeinsamkeit Imago ZUMA Press

Joel musste sich ja zu Beginn seiner Laufbahn als Bar-Pianist über Wasser halten. Alle Figuren, die er in dem Lied beschreibt, waren vom echten Leben inspiriert. Und da heißt es von einer gewissen Kellnerin:  „And the waitress is practicing politics“. Die beiden werden schnell heiraten. Elisabeth ist eine knallharte Geschäftsfrau und im Business gefürchtet. Denn sie sorgt dafür, dass ihr Ehemann nie mehr über den Tisch gezogen wird (was dem Neuling leider allzu früh bei seiner Plattenfirma passiert war). Wenn Sie Lust haben: Lesen Sie doch nochmal schnell unseren Artikel über ein anderes „Meilenstein“-Album von Billy Joel – nämlich den zu „The Stranger“. Dort wird Elisabeth Weber ausführlicher gewürdigt:

Ein „hässlicher“ Mann und schöne Frauen

Wie gesagt: 1982 geht die Ehe nach immerhin 10 Jahren in die Brüche. 1983 steht Billy Joel ohne Ehe-Gattin da – die ja zeitgleich auch seine Managerin war. Es ist Frühling. Das Blut gerät in Wallung, vollgestopft mit Glückshormonen, wie das halt so ist im Frühling, und die Presse stürzt sich auf diesen heißbegehrten Single. Dort werden gleich mehrere Beobachtungen vermeldet: Erstens: Billy Joel ist wieder im Studio gesichtet worden. Möglicherweise arbeitet er an einem neuen Album. Zweitens: Er wird in Damenbegleitung gesichtet. Möglicherweise bahnt sich da was an. Die Klatschpresse ist ganz entzückt, denn das sind keine Unbekannten, mit denen sich der Sänger da abgibt. Und hässlich sind die auch nicht. Genau genommen sind es Super-Models. Eine Zeitlang sieht man ihn mit Elle Macpherson turteln, dann ist es Christie Brinkley.

Billy Joel und Christie Brinkley (Foto: picture-alliance / Reportdienste, newscom)
Billy Joel mit dem US-amerikanischen Fotomodell Christie Brinkley newscom

Das mit dem „hässlich“ soll nicht abwertend sein. Joel spielt mit dem Wort als er rückblickend über diese Zeit sagt: „Dass ich so anziehend auf wunderschöne Frauen wirke – das sollte jedem hässlichen Kerl auf der Welt Hoffnung geben!“. – Und er wird noch etwas über diese Zeit sagen: „Ich habe mich damals wieder wie ein Teenager gefühlt!“. Und das ist die Kernaussage über dieses Album. Weil sich Billy Joel wieder wie ein Teenager fühlt, ist er auch wieder ganz erfüllt von der Musik seiner Jugendtage. Und das sind die späten 50er- und frühen 60er-Jahre!

Vergangenheit ist Zukunft

Joel legt schwelgerisch die alten Platten nochmal auf und beginnt ein ungewöhnliches Experiment: Er möchte ein neues Album erschaffen, das genauso klingt, wie die geliebte Musik seiner Jugendtage. Er wird sich also entfernen vom gewohnten Klang des „Piano Man“. Er will nach Rock'n'Roll klingen. Er will vielstimmige Vokalharmonien kreieren wie sie typisch waren für den „Doe-wop“-Sound von Bands wie den Drifters oder den Platters. Er will den Soul des frühen James Brown imitieren, er möchte Sam Cooke ehren, die Supremes imitieren, Smokey Robinson seine Wertschätzung zeigen.

Kurz: Es ist ein Tribute-Album an längst vergangene Tage. Und natürlich kommt die übliche Liebeserklärung an eine Frau auch vor. „Uptown Girl“ entsteht als er sich mit Elle Macpherson trifft. Der Song landet aber unvollendet in der Schublade als die Beziehung nicht weitergeht. Als es dann umso besser mit Christie Brinkley läuft – die beiden werden sogar heiraten! – wird der Song auch fertig. Er widmet ihr das Lied – und macht das zum letzten Mal. Denn, so erzählt er das dem „Stern“ im Jahr 2018.: „Einen Song der eigenen Ehe-Frau zu widmen, ist kein gutes Omen. Jedes Mal, wenn ich das gemacht habe, ist die Ehe daraufhin kaputtgegangen!“.
 
Es kommt natürlich, wie es kommen muss. Das „Uptown Girl“ Christie Brinkey und der „hässliche“ Bursche aus New York lassen sich nach neun Jahren scheiden. Das ist der Grund, warum er seiner jetzigen Ehe-Frau Alexis – es ist die vierte Ehe für ihn! – keinen Song gewidmet hat…

Billy Joel mit seiner Ehefrau Alexis Roderick (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Dennis Van Tine/Geisler-Fotopress)
Billy Joel mit seiner Gattin Alexis Roderick Dennis Van Tine/Geisler-Fotopress

Frühlingshafter Schaffensrausch

Aber grundsätzlich gilt: Es ist eine glückliche Zeit für Billy Joel. Die Songs für „An Innocent Man“ sprühen nur so aus ihm heraus. Das gesamt Songmaterial schreibt er innerhalb nur weniger Wochen. Das Album ist genauso schnell im Kasten. Es ist ein Gute-Laune-Klassiker im Retro-Look. Ein sehr „akustisches“ Album, für das nur ganz wenige zusätzliche Studio-Musiker engagiert werden. Und vom Fleck weg wird es zum Riesen-Erfolg. Alleine in den USA verkauft es sich über 7 Millionen Mal. Mehrere Top-Ten-Hits sind drauf – und die LP hält sich dort insgesamt unfassbare 111 Wochen in den Alben-Charts. Ein Volltreffer. Ein Meilenstein eben. In den 10 Jahren nach „Innocent Man“ wird er noch drei weitere sehr erfolgreiche  Alben veröffentlichen.

Billy Joel (Foto: picture-alliance / Reportdienste, teutopress)
Billy Joel am Klavier in seinem klassischem Outfit. teutopress

Aber seit 1993 gibt es kein neues Songmaterial mehr vom großen Billy Joel. Sehr zum Leidwesen aller Fans. Die genießen dafür das skurrile „Konzert-Abo“ des Künstlers: Seit vielen Jahren schon gibt der Pseudo-Rentner in seiner geliebten Heimatstadt regelmäßig Konzerte. Und zwar immer nur einmal im Monat im New Yorker Madison Square Garden. Immer ausverkauft (20.000 Leute passen da rein), aber man kommt gut an Karten ran. Die Preise starten umgerechnet bei sehr moderaten  60,- EUR und enden bei happigen 680,- Euro, wenn Sie direkt vor Billy Joels Klavier stehen wollen. Die Show soll sich dem Vernehmen nach sehr lohnen. Ein Ende des Abos ist immer noch nicht in Sicht…