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Amy Winehouse

Amy Winehouse: "Back to Black" (2006) Innenansichten aus der privaten Hölle

Ein Meilenstein der Musikgeschichte

"Back to Black" bedeutet für Amy Winehouse den internationalen Durchbruch. Die Menschen sind im Innersten berührt, denn hier kehrt eine verzweifelte Künstlerin ihr Innerstes nach außen.

Das Debütalbum "Frank" hatte den Weg vorgezeichnet

Im Herbst 2007 kennen zunächst nur eingefleischte Musik-Fans den Namen Amy Winehouse. Meistens sind das Leute, die von jeher ein Faible für Newcomer aus der britischen Musikszene haben. Diesen Leuten war der Name Winehouse schon seit einigen Jahren bekannt. Denn die Sängerin hatte vier Jahre zuvor, also 2003, ein vielbeachtetes Debütalbum herausgebracht: "Frank". Ein Album, das bis heute einen gewissen Kultstatus genießt, denn hier konnte man die Geburtsstunde einer Sängerin erleben, die wie niemand sonst dafür gesorgt hatte, dass die Soul-Musik buchstäblich einen völlig neuen, modernen, Anstrich bekommen hatte.

Der Stil wird heute gerne als "Retro-Soul" bezeichnet. Dieses Album also war einigermaßen bekannt geworden – auch wenn es nicht gerade mit sensationellen Verkaufszahlen glänzen konnte. Das Gegenteil war der Fall: Ein paar zehntausend verkaufte Exemplare in Großbritannien und dem Rest der EU – das war´s. Amy Winehouse schiebt die überschaubaren Zahlen auf – Zitat: - "ein beschissenes Marketing und miese Promotion". Trotz des eher schleppenden Verkaufs gibt es ziemlich viele Lobeshymnen auf diese junge (gerade mal 19) und talentierte Sängerin. Sie wird für mehrere britische Preise nominiert. Und eben diese Nominierungen (BRIT-Award, Ivor-Novello-Award, Mercury-Music-Prize) lassen Musik-Freunde aufhorchen.

Geld, Alkohol und eine verletzte Seele

Dieses Debüt ist wichtig, denn es führt gleichzeitig in die persönliche Katastrophe – DIE Katastrophe, von der Amy Winehouse in "Back to Black" erzählen wird. Ab 2004 ist die Sängerin einigermaßen prominent in ihrer britischen Heimat. Und Prominenz ist etwas, mit dem sie nicht umgehen kann. Auch nicht mit dem vielen Geld, das sie auf einmal zur Verfügung hat. Denn die Plattenfirma hatte ihr 250.000 Pfund Garantie-Honorar gezahlt. Eine unfassbar hohe Summe, für eine junge Frau, die aus dem Arbeiter-Milieu stammt und ohne Schulabschluss ist. Mit dem Geld kommt der Druck. Mit dem Druck kommt das Elend in Form von Alkohol.

Amy ist eine verletzte Seele, wie umstehende Freunde nach ihrem Tod berichten. Dass der geliebte Vater die Familie für eine andere Frau verlässt als sie neun ist, verkraftet sie nur rein äußerlich. Innerlich verwindet sie den Kummer nie. Seit Teenagertagen raucht sie wie ein Schlot. Den ein oder anderen Drink hat sie da auch schon gehabt. Als sie plötzlich prominent ist, ist der Alkohol ihr bester Freund. - Kritiker und Musik-Liebhaber können es nicht fassen, als "Back to Black" 2007 erscheint. Sie können den mitreißenden, ultra-melodischen Retro-Soul nicht fassen, der da aus den Lautsprechern tönt (instrumental getragen von den "Dap-Kings", einer renommierten Soul-Begleitband). Und was bitteschön ist das für eine Stimme, die da so unglaublich viel "Soul" und unglaublich viel Kraft hat?!

"Ich kann nur über das schreiben, was ich selber erlebt habe!"

Und genauso unfassbar ist, WAS diese Frau da singt! Denn diese Texte tun weh. Hier entblößt sich eine Künstlerin. Sie legt einen Seelen-Striptease hin, der über die Schmerzgrenze hinausgeht. Persönliche Nöte, man kann auch "persönliches Elend" dazu sagen, werden hier haarklein in die Öffentlichkeit getragen. Die Begründung von Amy Winehouse lautet lapidar: "Ich kann nur über das schreiben, was ich selber erlebt habe!". Und sieht man sich die Texte genauer an, ist eigentlich klar: Mit diesem Schicksal will niemand tauschen.

Amy Winehouse und Blake Fielder-Civil

Amy Winehouse und Blake Fielder-Civil

Zwischen 2004 und 2007 macht Amy Winehouse die Hölle durch. Das bisschen Prominenz, das sie hatte, sorgte schon für übermäßigen Alkoholkonsum. Dann verliebt sie sich auch noch – und wie alle, die ihr nahe stehen, bis heute sagen: Sie verliebt sich in den Falschen. Dieser "falsche" Freund heißt Blake; Blake Fielder-Civil. Mit 16 von der Schule geflogen und damit genau wie Amy ein Schulabbrecher. Er arbeitet als Assistent in einer Video-Produktionsfirma. Genau wie Amy liebt er den Alkohol. Allerdings liebt er auch Kokain, Heroin und Crack. Er ist schwer abhängig. Und er ist derjenige, der Amy in die Sucht treibt. Amys besorgter Vater bittet die Tochter inständig in einer Entzugsklinik eine Reha zu machen – aber die Sucht ist stärker. Genau diese Geschichte ist der Hintergrund zum berühmtesten Winehouse-Song – nämlich "Rehab".

"Rehab" - Amy Winehouse | Quelle: YouTube


Es ist also kein Wunder, dass viele neue Fans verdattert sind von den Texten, die ihnen da entgegengeschmettert werden. Denn offenbar hat hier eine junge Frau eine ziemlich heftige Vergangenheit hinter sich. Was so niederschmetternd an diesem Lied ist – und was vielen Millionen Menschen mit ähnlichen Erfahrungen aus dem Herzen spricht – sind einzelne Formulierungen wie etwa, dass sie nie wieder etwas trinken wolle. Dass sie nur einen Freund wolle, und dass sie hin- und hergerissen sei zwischen Tränen und Stolz.
Als Winehouse die Trennung von Fielder-Civil schafft, verfällt sie in tiefste Depressionen, in ein tiefes schwarzes Loch – sie ist "Back to Black" – während der Freund Trost bei seiner Ex findet. Liebe ist für Amy ein Spiel, bei dem sie nur verlieren kann – also entsteht "Love Is A Loosing Game" (ein Song übrigens, von dem George Michael gesagt hatte, dass er ihn unbedingt auf eine einsame Insel mitnehmen würde). Sie empfindet sich selbst als unmögliche Person, die ein Mann selbstverständlich nicht ertragen könne, also schreibt sie "You Know, That I´m No Good". Und so geht das auf dem Album quasi nonstop.

Das vorerst neueste Mitglied im "Club 27"

Mit Erscheinen des Albums wird Amy Winehouse plötzlich zur Multi-Millionärin. Plötzlich ist auch die alte Liebe wieder da – und schnell heiratet Amy ihren Blake, also den Mann, um den es in "Back to Black" die ganze Zeit gegangen war. Aber der Einfluss bleibt schlecht wie eh und je. Winehouse magert Dank Drogen und Alkohol noch mehr ab – dafür nimmt die Anzahl ihrer Tattoos zu. Das Glück ist ihr nicht hold. Sie schafft schnell die Scheidung, findet sogar eine neue Liebe. Aber der Alkohol ist stärker. Internet und Yellow Press verbreiten genüsslich katastrophale Bühnenauftritte der Sängerin, in denen sie torkelnd und lallend zu sehen ist. Ihr Bodyguard findet sie am 23. Juli 2011 tot in ihrer Londoner Wohnung. Die Obduktion ergibt einen Alkoholwert von 4,1 Promille. Kein Mensch überlebt diese Dosis. Sie hat sich mit 27 Jahren buchstäblich zu Tode gesoffen. Nach Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison und Kurt Cobain ist sie das vorerst letzte Promi-Mitglied im berühmten "Club 27" – dem Kreis der Weltstars, die mit 27 gestorben sind.

Albumcover Back to Black von Amy Winehouse

CD

Titel:
Back to Black
Interpret:
Amy Winehouse
Veröffentlichung:
30. Oktober 2006
Extras:
Titelliste:
Rehab
You Know I'm No Good
Me & Mr. Jones
Just Friends
Back to Black
Love is a Losing Game
Tears Dry On Their Own
Wake Up Alone
Some Unholy War
He Can Only Hold Her

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