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George Harrison 1971

George Harrison: "All Things Must Pass" (1970) Ein Ex-Beatle emanzipiert sich

Ein Meilenstein der Musikgeschichte

George Harrison galt bei den Beatles als mindestens genauso talentierter Songwriter wie Lennon und McCartney. Doch erst Solo kann er sich vollends entfalten.

Zurück in alter Stärke

Ein merkwürdiges Cover! Da sieht man George Harrison – Hippie durch und durch! – mit mehr als nur schulterlangen Haaren. Er sitzt mit Hut und hageren Beinen in viel zu großen Stiefeln in einem Englischen Garten. Der Blick ist geradeaus gerichtet – und vor ihm links und rechts drapiert: vier Gartenzwerge. Es hat nicht lange gedauert, bis man kurz nach Erscheinen dieses Triple-Albums das Cover als überdeutlichen Hinweis interpretiert hat: Hier emanzipiert sich ein Ex-Beatle. Die alte Vergangenheit – die vier Zwerge als Beatles – die überwindet George Harrison. Er überwindet seine eigene Vergangenheit und kehrt in alter Stärke zurück – den Blick stramm nach vorne gerichtet. Von Harrison war immer bekannt, dass er zusammen mit Ringo besonders darunter gelitten hatte, dass sich die Beatles aufgelöst hatten. Er war aber auch jemand, der als Songwriter ganz besonders unter der Dominanz von Lennon und McCartney gelitten hatte. "Alles geht mal zu Ende!", so die deutsche Übersetzung des Album-Titels, ist ein weiterer Hinweis darauf, dass Harrison hier mit seiner Vergangenheit abschließt – und nach vorne blickt.

Wirklich zu schlecht für die Beatles? – Wohl kaum!

Da ist es kein Wunder, dass Harrison Songs auf das Triple-Album packt, die bei Lennon und McCartney kein okay bekommen hatten. So sind zum Beispiel das Titelstück "All Things Must Pass" sowie "Let It Down" und "Hear Me, Lord" als nicht gut genug von den beiden im Jahr 1969 abgelehnt worden. Dazu muss man allerdings wissen, dass die Spannungen innerhalb der Band so massiv waren, dass kaum noch jemand ein gutes Haar am anderen ließ. Kein Jahr später hatten sich die Beatles nur allzu logisch dann auch aufgelöst. Weiteres Material, das Harrison auf sein Album draufpackt, reicht zurück bis ins Jahr 1967. Er bittet Produzent Phil Spector, mal über sein Material drüberzuhören – und der zeigt sich überwältigt. Nicht nur von der Menge, sondern auch von der Qualität des Materials. Ein Song sei besser gewesen als der andere, so der Produzent rückblickend. Spector nimmt das Angebot, als Produzent tätig zu sein, an und sorgt für einen massiven Klang – es ist der Klang, der als "Wall of Sound" zum Begriff wird.

Einer der längsten Plagiatsprozesse der Musikgeschichte!

Der berühmteste Track auf dem Album ist natürlich "My Sweet Lord". Eine Religions-Hymne, die um die Welt geht und zum Millionen-Hit wird. Der Song zieht allerdings auch einen der längsten Plagiatsprozesse der Musikgeschichte nach sich! Der Ärger ist so schlimm, dass Harrison zeitweise Schreibblockaden hat; immer in der Angst, möglicherweise eine Melodie zu erfinden, die schon jemand anders ganz ähnlich in die Welt gesetzt haben könnte.

Der Plagiatsvorwurf, der ihm zu schaffen macht, hat mit dem 60er-Jahre-Hit "He´s So Fine" von den Chiffons zu tun. Texter und Komponist war ein gewisser Ronnie Mack. Rechteverwerter war das Unternehmen "Bright Tunes", das heute nicht mehr existiert. Mack stirbt mit gerade mal 24 an Lymphdrüsen-Krebs. Seine Familie stammt aus armen Verhältnissen – entkommt diesen armen Verhältnissen aber Dank der Einnahmen von "He´s so fine". Diesen Hintergrund muss man kennen, um die furchtbar lange juristische Auseinandersetzung zu verstehen, die damals entstanden war. Denn Bright Tunes sagen schon kurz nach dem Erscheinen: "Das hat George Harrison geklaut! Und zwar bei den Chiffons – bzw. bei Ronnie Mack!". Es gibt zwar relativ schnell ein Urteil ("unbewusstes Plagiat") – aber die relativ hohe Entschädigungssumme, Einsprüche, Revisionen und über die Jahrzehnte hinweg auch ein Wechsel beim Copyright von "My Sweet Lord" sorgen dafür, dass erst im März 1998 ein allerletztes Urteil gesprochen wird – also 27 Jahre nach Prozessbeginn! Knapp drei Jahre später stirbt George Harrison – auch er an den Folgen einer bösartigen Krebserkrankung.

Ein Meilenstein – durch und durch

Nicht nur dieses einzelne – juristisch tragische – Lied wird zum Welterfolg; das ganze überbordende Album wird zum Welthit. Die Kritiken überschlagen sich vor Begeisterung. Alle sagen, dass hier ein Talent zu voller Entfaltung gekommen sei (Harrison ist damals gerade erst 26!). Ein Talent, das viel zu lang und völlig zu Unrecht im Schatten von Lennon und McCartney gestanden habe. Bis heute gilt "All Things Must Pass" als eines der besten Alben der Rockgeschichte überhaupt. Man findet es in allen möglichen "Best-of"-Listen. Es ist wahrhaftig ein Meilenstein der Musikgeschichte – nicht nur für George Harrison. Denn diese buchstäbliche kreative Wut kann er nicht wiederholen. Einen solchen Multi-Millionen-Seller findet man in seiner Diskographie nie wieder…

Album-Cover: All Things Must Pass von George Harrison
Titel:
All Things Must Pass
Interpret:
George Harrison
Produktion:
30. November 1970
Extras:
Titelliste:
LP1
1. I'd Have You Anytime
2. My Sweet Lord
3. Wah-Wah
4. Isn't It a Pity
5. What is Life
6. If Not For You
7. Behind That Locked Door
8. Let It Down
9. Run of the Mill
10. Beware of Darkness
11. Apple Scruffs
12. Ballad of Sir Frankie Crisp (Let It Roll)
13. Awaiting on You All
14. All Things Must Pass
LP2
1. I Dig Love
2. Art of Dying
3. Isn't It a Pity
4. Hear Me Lord
5. Out of the Blue
6. It's Johnny's Birthday
7. Plug Me in
8. I Remember Jeep
Thanks For the Pepperoni

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