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Provokation, Protest: Punk. Eine Jugendkultur, die sich seit über 40 Jahren für ihre Ideale und Träume einsetzt – und dabei mit Sicherheitsnadeln in den Ohren aneckt.

SWR1 Musik Spezial zum Nachhören

Einen ganzen Abend lang haben wir den Punk gewidmet. Hören Sie hier unser SWR1 Musik Spezial nochmal nach - alle vier Sendestunden in voller Länge:

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Es lebe die Anarchie

Aggressiv, schnell, laut – so klingt Punk. Was sich aus dem rotzigen Rock’n’Roll der 1950er-Jahre entwickelt hat und sich durch den Garage-Rock der 60er fortbahnt erlebt in den 70ern seinen Durchbruch.

Aber von vorne: Umbruch entsteht meistens aus Unzufriedenheit. Und die herrscht in den späten 60er- und frühen 70er-Jahren vor allem in den USA und Großbritannien. Die Jugend ist sauer auf den Staat: Die Jobaussichten sind mies, vor allem in Großbritannien gibt es ein spießiges Klassensystem. Was da hilft? Musik als Ventil! Bands wie The Kinks und The Who fallen durch ihre rohen Sounds und die besonders programmatischen Texte auf. Im Gegensatz zum aufkommenden Mainstream-Rock verzichten Punk-Songs auf komplexe Songstrukturen und epische Instrumentierungen. Meistens werden sogar nur 3 Akkorde verwendet! Künstlerische Qualität ist nicht so wichtig. Virtuosität und ausschweifende Gitarrenparts gelten als Star-Getue und sind nicht erwünscht.

Punk Akkorde (Foto: sideburns fanzine)
Neben den wilden Bühneneskapaden hält sich Punk musikalisch aber fein zurück: Die Musik besteht oft nur aus 3 Akkorden. Diese absolut ikonische Skizze der Drei-Akkord-Folge wird häufig dem Fanzine Sniffin‘ Glue zugeschrieben – fälschlicherweise. Eigentlich stammt sie von Tony Moon, der 1977 das Fanzine Sideburns herausgab. sideburns fanzine

DO IT YOURSELF

Hätte Punk einen Geburtsort, dann wäre das vermutlich der New Yorker Club CBGB. Anfang der 70er Jahre werden hier Bands wie die Ramones oder die New York Dolls bekannt. Und die feiern vor allem eines: Nonkonformität. Do It Yourself steht ganz groß im Trend. Kleider werden zerfetzt und aus Containern gefischt, die Musik wird selbst vertrieben – Hauptsache weg vom Kommerziellen!

In London kommen die Sex Pistols groß raus – Treffpunkt war damals der Modeladen „Sex“, den ihr Manager Malcolm McLaren mit Modedesignerin Vivienne Westwood betreibt.

Punk in Bildern

Auftritt der Sex Pistols (Foto: picture-alliance / Reportdienste, UPI/dpa-Fotoreport)
Wer "Punk" sagt, muss auch "Sex Pistols" sagen. Schon die Vorgeschichte der Band ist punkig: Die namenlose Vorläuferband, bestehend aus Gitarrist Steve Jones (r.) und Drummer Paul Cook, soll ausschließlich auf gestohlenen Instrumenten gespielt haben. UPI/dpa-Fotoreport Bild in Detailansicht öffnen
Aber die Stars der Band sind andere: Sänger Johnny Rotten (r.) und Bassist Sid Vicious. Zweiterer gehört leider in die Kategorie "Wenn Stars früh sterben". Anfang 1979, 21 Jahre, frisch aus dem Knast, Heroinüberdosis. UPI/dpa Bild in Detailansicht öffnen
Ungefähr zur gleichen Zeit wie die Sex Pistols in London formierten sich in New York die Ramones. Das Genre "Punk" gab es damals in den USA noch nichtmal. Die Karriere der Ramones war von Konflikten innerhalb der Band geprägt, nicht zuletzt aufgrund der verschiedenen Persönlichkeiten von Sänger Joey Ramone und Gitarrist Johnny Ramone: Joey Ramone war politisch links, ein bisschen durchgeknallt und hat gesoffen. Johnny Ramone war das komplette Gegenteil. Sehr diszipliniert und in einem Interview behauptete er einst: "Punk ist konservativ." Hardy Schiffler/picture alliance/Jazzarchiv Bild in Detailansicht öffnen
Siouxsie Sioux (sprich "Susie Su") kommt eigentlich aus dem Fanlager der Sex Pistols. Als sie erfuhr, dass eine Band beim 100 Club Punk Festival abgesagt hatte, schlug sie ihrem Freund Steven Severin vor, den freigewordenen Platz einzunehmen. Mit einer hastig zusammengewürfelten Band improvisierten sie 20 Minuten auf das Vaterunser. Daraus entwickelte sich eine der erfolgreichsten Post-Punk-Bands Englands - Siouxsie and the Banshees. Nicht dabei war der Schlagzeuger der Impro-Band John Simon Ritchie. Dieser wechselte das Instrument (Bass), den Namen (Sid Vicious) und die Band (Sex Pistols). Peter Anderson/picture alliance/Photoshot Bild in Detailansicht öffnen
Punk ist nicht nur Musik, sondern Lebenseinstellung. Das spiegelt sich auch in Kleidung und vorallem in den Frisuren wieder. Der Klassiker ist der Stachel-Irokesenschnitt, aber auch Skinheads können Punk. Skins werden heute eher dem rechtsextremen Spektrum zugeordnet, kommen ursprünglich aber aus dem Londoner Arbeitermillieu, wo sich auch der Punk entwickelt hat. Egal ob rechts oder links, was in jeder Skinheadszene wichtig ist: Alkohol und Spaß - und das passt perfekt zum Punk. Judith Erwes/picture alliance/Photoshot Bild in Detailansicht öffnen
Dirk Felsenheimer, Jan Vetter und Hans Runge. Mit solchen Namen kann man keinen Punk machen. Deswegen nannten sich die drei Musiker Bela B. (m.), Farin Urlaub (r.) und Sahnie (nicht im Bild). Zusammen gründeten sie die vermutlich erfolgreichste Deutschpunk-Band: Die Ärzte. Hier in der aktuellen Besetzung mit Rod (l.). dpa-Bildarchiv Bild in Detailansicht öffnen
"Ich Bin Ein Punk"! Mit diesem Song - erschienen auf dem ersten Album: "Musik für Arschlöcher" - lässt die Terrorgruppe keinen Zweifel daran, in welche Richtung ihre Musik geht. Auch politisch ist die Terrorgruppe da anzutreffen, wo man es erwarten würde. In "1977" wird die RAF glorifiziert und der Text von "Adolf Hitler" stammt von Bertold Brecht und ist aus dem Jahr 1933: "Adolf Hitler, dem sein Bart, ist von ganz besondrer Art. Kinder da ist etwas faul: so ein kleiner Bart und so ein großes Maul." Dita Vollmond/picture alliance Bild in Detailansicht öffnen
Weitere Vertreter des Skate-Punks sind Green Day. Und die gehen immer noch steil! Ihr neues und 13. Album "Father of All Motherfuckers" schafft es auf Anhieb in die Charts rund um die Welt. Alexander Rüsche/dpa Bild in Detailansicht öffnen
Im Stammbaum der Musik ist Punk der Urahn etlicher Ableger und Mischgenres. Eines davon ist der Skapunk, eine Mischung aus - Überraschung - Ska und Punk. Ein deutschsprachiger Ableger, auch wenn es der Name nicht erahnen lässt, sind Russkaja. Zumindest bei unseren Nachbarn in Österreich sind die Russen auch im Mainstream angekommen. Hier als Studioband der Sendung "Willkommen Österreich" des Satiriker-Duos Stermann und Grissemann. Hans Leitner/picture alliance/APA/picturedesk.com Bild in Detailansicht öffnen

Wilde Zeiten

Die Sex Pistols holen die Leute in ihrer Haltung ab. Songs wie „Anarchy in the UK“ oder „God Save The Queen” vermitteln das aktuelle Lebensgefühl. Getanzt wird dabei Pogo. Ob mit- oder gegeneinander im wilden Mob – Hauptsache, die Unzufriedenheit wird rausgelassen! Im Gegensatz zu der sonst so antikommerziellen Haltung steht die radikale Selbstvermarktung der Bands. Eigene Zeitschriften werden billig gedruckt und verteilt. In Deutschland entwickelt sich der Punk mit Nina Hagen und Ton Steine Scherben weiter.

Der Bassist der Sex Pistols, Sid Vicious, zieht mit seiner Freundin Nancy Spungen ins New Yorker Chelsea Hotel. Am Morgen des 12. Oktober 1978 findet man Nancy tot auf, mit im Zimmer: Sid Vicious. Er wird verhaftet, auf Kaution freigelassen, und stirbt bei seiner Entlassungsparty an einer Überdosis Heroin - mit nur 21 Jahren.

Sid Vicious, Nina Hagen... die SWR1 Spotify Playlist zur Sendung

Nicht nur gefüllt mit reinem Punk, sondern auch mit Musik, die von Punk beeinflusst ist: Punk war ein absolut wichtiger Meilenstein in der Musikgeschichte. Spannend also auch zu hören, was er ausgelöst hat:

Neue Rollenbilder

Ende der 1970er wird der Punk ernsthafter und politischer. Und er fordert konkret: Wir wollen soziale und politische Reformen! Gegen Yuppies, gegen Geschlechterrollen und gegen Rassismus!

Mit dem verstärkten Einsatz von analogen Synthesizern entwickelt sich aus dem rohen Punk allmählich eine neue Musikrichtung: New Wave. Bekannte Bands auf britischer Seite sind Joy Division und The Cure, in den USA starten die Talking Heads und Blondie durch. Die Leute lieben Blondie-Sängerin Debbie Harry. Sie präsentiert sich sexy und selbstbestimmt – und löst sich so vom verstaubten Frauenbild der letzten Jahrzehnte.

Punk als Trend

Aber ist das noch Punkrock?

Die Ärzte

In den späten 80ern wird der Punk zum selbstverständlichen Straßenbild in Europa. Auch deutsche Bands wie die Toten Hosen und die Ärzte setzen sich zwar immer noch mit gesellschaftskritischen Texten ein – die Musik wird aber nach und nach zum Mainstream. Punk ist nicht mehr die Gegenbewegung zur Mehrheitsgesellschaft. Besonders kommerzielle Punkbands wie Green Day oder blink-182 machen den Punk zum nett verpackten Pop-Produkt. Und genau dagegen sind doch die Punk-Veteranen 40 Jahre zuvor angetreten.

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