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Kulturgespräch 18.5.2012 "Mich hat’s zum Kämpfer erzogen"

Wolfgang Niedecken, BAP-Gründer, über seine Rückkehr auf die Bühne

Wolfgang Niedecken, einer der kreativsten Köpfe der deutschen Rockszene, Gründer und Sänger der legendären Kölschrockband BAP, ist zurück. Nach schwerer Krankheit tourt er mit BAP durch Deutschland. Klärt auf über sein Verhältnis zu Bob Dylan und was an einer Krise inspirierend für ihn ist.

Herr Niedecken, wie es für Sie, wieder auf der Bühne zu stehen?

Zwei Wochen nach dem Schlaganfall konnten wir planen. Das heißt, ich habe einen neuen Begriff gelernt: best outcome hieß es. Besser kann man aus so einer Geschichte nicht rauskommen. Da gab es ja Bühnen-Abstinenz. Ich war seitdem in den Startlöchern. Ich will unbedingt. Und ich will ja auch den Beweis antreten, dass ich das kann.

Ich bin ja kein typischer Schlaganfall-Patient gewesen. Ich trinke nicht, ich rauche nicht, ich lebe vegetarisch seit ewigen Zeiten, habe niedrigen Blutdruck. Das ist alles gekommen durch den Husten, so blöd sich das anhört. In meiner Halsschlagader hat sich eine kleine Wunde gebildet, weil ich eine Woche lang ununterbrochen gehustet habe, und daraus ist ein Gerinnsel nach oben gegangen.

Das heißt, normalerweise kriegt man einen Schlaganfall aus anderen Gründen. Das ist denen auch noch nicht untergekommen. Aber bei mir war’s halt ein Husten, mit einer schlimmen Folge.

Und trotzdem: Ist es jetzt ein anderes Gefühl, wenn Sie auf der Bühne stehen?

Ja. Die Möglichkeit, die ich in diesem halben Jahr hatte, war die Möglichkeit mal nachzujustieren. Ich bin jetzt einfach sechsmal zehn Jahre alt, mittlerweile sogar schon eins mehr. Und das habe ich die ganze Zeit überhaupt nicht bemerkt, weil ich ja immer aus den gleichen Löchern in meinem Schädel gucke. Auf mich selber gucke ich deswegen nicht so oft.

Ich habe mich eigentlich immer gefühlt, als wenn ich so Dreißig-Irgendwas wäre. Bin ich aber nicht. Ich bin Sechzig-Irgendwas. Ende.

„Wat e' Johr!“ heißt eines Ihrer Lieder – von der CD „Aff unZo“, vor gut zehn Jahren nach einem großen Umbruch entstanden. BAP stand damals in neuer Besetzung vor einem Neuanfang. Das beschreiben Sie in diesem Lied auch. Wäre es nach den vergangenen Monaten jetzt Zeit für ein zweites „Wat e‘ Johr!“?

Ach, noch habe ich gar nicht das Bedürfnis neue Stücke zu schreiben. Mit dem vorigen Album sind wir ja noch gar nicht durch.

Man muss sich das mal vorstellen. Wenn man ein neues Album veröffentlicht, dann hat man, um ins Radio zu kommen, eigentlich wirklich nur eine Chance. Du musst irgendeine Single auskoppeln, die dann möglichst läuft. Und die Vorabauskopplung von dem „Halv Su Wild“-Album war der Titelsong „Halv Su Wild“. Und der erschien genau am Tag von Fukushima. Das war schon mal ein Rohrkrepierer.

Ich habe noch nicht das Gefühl, dass wir die Tour schon so gespielt haben – mittlerweile sind wir dabei, Gott sei Dank. Und so langsam kann ich dieses Baby auch mal loslassen. Solange man das Baby noch im Laufstall rumlaufen sieht, hat man eigentlich noch keine Lust, ein neues zu zeugen.

Sie sind ja nicht nur Texter und Musiker, sondern auch bildender Künstler. Wann greifen Sie denn zum Pinsel, wann zur Gitarre?

Meistens ist es zufällig. Wobei ich allerdings sagen muss: Seit die neue Besetzung zu Gange ist, habe ich immer mehr zu tun mit Organisieren, muss mich um alles Mögliche kümmern. Da kommt die Malerei wirklich zu kurz. Das ist schmerzhaft, aber das habe ich ja auch gelernt: Ich soll nicht auf allen Hochzeiten tanzen.

Als Kölner tragen Sie eine gesunde Portion Kölsche Frohnatur in sich. Und dennoch gab es Tiefen und Schicksalsschläge in Ihrem Leben, und auch in der Zusammenarbeit mit BAP. Hat Sie Ihre Kunst, auch die Musik, immer wieder aus den Krisen herausgerissen?

Ja. Letztendlich, wenn man drüber nachdenkt, und ich denke ziemlich viel nach über die einzelnen Stationen meines Lebens – und versuche auch meine Lehren draus zuziehen: Letztendlich bin ich schon sehr demütig. Ich habe ein unglaubliches Glück gehabt. Ich kann von meinem Hobby leben. So einfach: Ich kann von meinem Hobby leben. Ich kann meine Familie davon ernähren. Alles was ich tue, mache ich sehr gerne. Und wer hat das schon?

Und schöpft man aus einer Krise auch Inspiration?

Ja, auf jeden Fall. Also mich hat’s zum Kämpfer erzogen. Da ist auch eine gute Portion Gottvertrauen dabei. Ich weiß zwar nicht an welchen Gott ich glaube, aber irgendwas könnte ja sein. Ich weiß es nicht.

Sie galten in Köln einst als der Südstadt-Dylan, Ihr großes Idol Bob Dylan, selbst immer wieder auf neuer Sinnsuche, kam oft nach dürren Schaffensphasen mit neuen Ideen auf die Bühne zurück. Sie aber sind sich, in all den Jahren, in all der Zeit, musikalisch weitgehend treu geblieben.

Hatten Sie keine Lust auf derart Ausflüge, zum Beispiel in den Gospel, wie Dylan?

Nein. Ich habe das alles nachvollzogen, was er da gemacht hat. Ich finde auch einiges davon wirklich gelungen, aber einiges ist auch recht bescheiden. Dieses Album „Saved“, das war ein tolles Gospelalbum, ich weiß, aber die Texte berühren mich eher weniger. Wenn jemand so religiös überzeugt ist, dann soll er das ruhig machen. Amerika ist ein freies Land.

Religion ist was ganz, ganz, ganz Wichtiges, ja. Aber ich persönlich habe bei Missionaren immer ein merkwürdiges Gefühl. Sobald mich einer missionieren will, sträubt sich etwas bei mir in den Nackenhaaren. Das geht nicht unbedingt.

Wo sehen Sie denn Ihre Berührungspunkte zu Bob Dylan?

Bob Dylan ist ein Katalysator, der genau weiß, was in der Welt vor sich geht. Ein unglaublich universal gebildeter Mensch, ein großer Poet, dem natürlich lange auch schon der Literatur-Nobelpreis zustehen würde. Ich weiß mittlerweile gar nicht mehr, ob er ihn noch annehmen würde. Aber ihm würde er zustehen wie keinem anderen.

Er hat den Soundtrack nicht nur meines Lebens geschrieben. Für viele Menschen, die Songs schreiben, ist Bob Dylan derjenige, der sie auf den Weg gebracht hat.

Wir haben in der Musikredaktion den Song "Senor" von Bob Dylan in Ihrer Version ausgesucht. Was verbinden Sie mit diesem Song?

Zunächst mal eine Kubareise mit meinem Freund Manfred. Wir kamen in eine Gegend, wo viel Tabak angepflanzt wurde. Und diese Herren, die das da angepflanzt haben, die liefen mit Cowboyhüten rum. Irgendwie war das auch so eine Art Soundtrack in diesen Tagen – das ist schon ein bisschen länger her.

Wir haben uns dann den Text von "Senor" zufaxen lassen. Und ich habe unmittelbar versucht davon eine deutsche Übersetzung, also eine kölsche Übersetzung zu schreiben. Wir sangen beide unzusammenhängende Sätze aus diesem Bob Dylan Song "Senor", weil die Tabakpflanzer mit ihren Cowboyhüten alle so aussahen wie Senors.

Ich wünsche Ihnen weiterhin eine gute Tour und alles Gute.

Vielen Dank. Danke schön.

Das Kulturgespräch mit BAP-Gründer und -Sänger Wolfgang Niedecken führte Ulla Zierau am 18.5.2012 um 7.45 Uhr in SWR2.