STAND

Herbst 1970. Der Song "Child in time" dreht sich erstmals auf dem Plattenteller, und die Augen werden immer größer: In welche Höhen schraubt sich bitte diese Stimme…? Es ist die Stimme von Ian Gillan. Eine Stimme, die einen Urknall im Gesang des Hard-und Heavy Rock darstellt – und dieser Urknall wird 75.

Der Urknall in tiefstem Lila…

Klassisch ausgebildet hat Ian Gillan seine Stimme nicht. Aber offenbar gut abgeschaut. Sein Opa war Opernsänger, der Rest der Familie ist ebenfalls musikalisch. Vier Oktaven presste Gillan in seinen besten Zeiten durch die Stimmlippen. Zum Vergleich: Freddie Mercury schaffte nur drei. Gillans Lebenslauf speist sich vor allem durch eine große Keimzelle des Heavy-Rock: Deep Purple.

Die holten Gillan 1969 ins Boot, nachdem sie ihn mit seiner damaligen Kapelle Episode Six gesehen haben. Gleich das erste Purple-Album mit dem neuen Sänger erhebt Anspruch auf einen Platz in der ewigen Bestenliste des Rock: Deep Purple in Rock, kurz "in Rock", wirft mit "Child in Time" einen der größten Hits der Rockgeschichte überhaupt ab.

Zusammen mit Gillan bilden Deep Purple in der Zeit das Line-Up, welches für viele Fans als "die klassische Besetzung" gilt: Ian Gillan/Gesang, Ritchie Blackmore/Gitarre, Jon Lord/Orgel, Roger Glover/Bass und Ian Paice/Schlagzeug.

In dieser auch "Mark-2" genannten Besetzung erlebt Gillan die kreativste Phase der Band. Sie reicht von "Smoke on the water" über den Guiness-Buch Eintrag als "lauteste Band der Welt" bis hin zum Live-Meilenstein-Album "Made in Japan".

Von Blackmore bis Jesus …

Das Verhältnis zu Ritchie Blackmore ist kompliziert. Hinzu kommt: Auf ihren Gebieten sind beide Alpha-Tiere. Ritchies Gitarrenspiel setzt Maßstäbe, ebenso Gillans Gesang. Nach Streitigkeiten verlässt Gillan Deep Purple zum ersten Mal 1973.

Im Gegensatz zum schwierig geltenden Blackmore gibt sich Gillan eher bodenständig. Bis heute. Er ist verheiratet, hat eine Tochter. Und: Sollten sie ihm auf der Straße begegnen, sie würden ihn kaum bemerken. In einem Interview mit der Berliner Zeitung sagte er:

»Ich kaufe im Supermarkt ein, […] trinke mit den Nachbarn ein Bier. Das hat dazu geführt, dass es irgendwann nichts Besonderes mehr war, wenn ich gesehen wurde.« 

Ian Gillan

Für seine Musik gilt das nicht. Seine Stimme entwickelte sich schnell zum  Alleinstellungsmerkmal. Die kann sich in die höchsten Töne schrauben und klingt dennoch nicht gequält, sondern weiterhin druckvoll.

Gleichfalls nimmt man ihr die rockige Komponente ab, wenn sie in den unteren Tonlagen sanft und auch ein wenig rotzig schnarrt. Dieser Gesangsstil wird prägend für viele Bands, vor allem im Bereich Heavy Metal.

Ian Gillan (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Picture Alliance

Diese stimmliche Ausnahmestellung entdeckt auch Andrew Lloyd Webber. Der damals noch unbekannte Komponist will Gillan für die Aufnahmen seiner Rockoper Jesus Christ Superstar. Parallel zu seiner Arbeit mit Deep Purple singt Gillan die Hauptrolle des Jesus.

Der Erfolg stärkt Gillans Selbstbewusstsein als Sänger. Nach seiner ersten Deep Purple Phase, will sich Gillan aus dem scheinbar übermächtigen Schatten der Ex-Band lösen. Mit der "Ian Gillan Band" sowie später "Gillan" ruft er zwei Musikprojekte ins Leben. Als die kommerziell nicht richtig fruchten, kommt ein Angebot der Konkurrenz: Black Sabbath.

Unter fremder Flagge …

Die ehemalige Konkurrenzkapelle zu Deep Purple will Gillan verpflichten. Er soll Ronnie James Dio ersetzen, der Sabbath im Streit verlassen hatte. Der Legende nach unterschreibt Gillan den Vertrag völlig betrunken.

Über seine Zeit bei Black Sabbath gibt es widersprüchliche Angaben. Während einige Quellen Gillan zitieren, seine Zeit mit Sabbath wäre "…eine einzige Party gewesen", berichten andere von Spannungen.

So hätte Gillan Probleme gehabt, frühere Sabbath-Songs zu singen. Die Sabbath-Rumpfbesatzung hingegen sei nicht glücklich gewesen, bei Konzerten alte Deep Purple Songs zu spielen. Nach einem Album ist Feierabend. Gillan kehrt 1984 zu Deep Purple zurück.

»Ich wollte mir die Kehle durchschneiden, als je wieder bei Deep Purple zu singen!« 

Ian Gillan

Dreimal Purple und zurück…

Auch diese neuerliche Zusammenrottung ist nicht von Dauer: Gillan verlässt Deep Purple abermals. Als er Anfang der 90er ein drittes Mal wiederkehrt, bleibt er. Endgültig.

Der Grund: Ur-Gitarrist Ritchie Blackmore steigt wenig später aus: Er sei mit der gesanglichen Leistung Gillans nicht mehr zufrieden. Letzterem ist das herzlich egal. Mit Deep Purple bringt Gillan weitere Alben heraus – das letzte erschien vor wenigen Tagen mit "Whoosh!".

Parallel treibt er seine Solo-Karriere voran. Es erscheinen Alben, die er Solo, oder mit alten Wegbegleitern wie Joe Satriani, Jeff Healey oder Tony Iommi aufnimmt. Dazu ist Gillan auch immer wieder Gastsänger in der Rock meets Classic Konzertreihe, mit der er auch mehrfach in Baden-Württemberg gastierte. Nicht schlecht für einen, der mal in einem SWR Interview gesagt hat:

»Ich konnte es mir nicht vorstellen, noch mit 65 auf der Bühne zu stehen, und herumzuschreien. Aber das Leben schreibt seine eigene Geschichte.« 

Ian Gillan

Alles Gute zum 75sten, Ian Gillan!

Rock und Russland Ian Gillan

Gast (Aufzeichnung): Ian Gillan, Deep Purple-Sänger, interessiert sich für Politik  mehr...

STAND
AUTOR/IN