Whitney Houston 1988 (Foto: Imago, teutopress)

Whitney Houston: "Whitney Houston" (1985) Vom Aufstieg (und Fall) einer begnadeten Sängerin

Kein Mensch dieser Erde hat jemals ein so unfassbar erfolgreiches Debüt hingelegt. Aber lange Zeit bleibt es unbeachtet ein Ladenhüter.

Eine unvergleichliche Stimme beim Gospel-Gottesdienst 

Ein Superstar fällt nicht einfach so vom Himmel. Das gilt auch für Whitney Houston. Und wenn man im Zusammenhang mit ihrem Debütalbum immer von den unterschiedlichsten Verkaufs-Rekorden spricht: Die interessantere Geschichte ist eigentlich die vom Ladenhüter. Denn natürlich verkauft eine unbekannte Sängerin nicht vom Fleck weg etliche Millionen Platten. Whitney Houston ist Anfang 20 als diese LP rauskommt – und sie liegt wie Blei in den Läden! Das ist kein Wunder, denn wer kennt die Sängerin schon? Eigentlich so gut wie niemand. Sie ist ein Geheimtipp. Hier und da tritt sie in New Yorker Clubs auf. Seit frühen Tagen begleitet sie auch ihre Mutter Cissy beim ein oder anderen Club-Konzert – und auf diese Cissy kommen wir gleich noch etwas genauer zu sprechen! – aber von diesen kleineren Auftritten abgesehen, kann man wirklich nicht behaupten, dass da schon früh eine große Karriere zu ahnen wäre. Wie bei vielen anderen Sängerinnen auch, fällt Whitney in der Kirche auf. Bei regelmäßigen Gospel-Gottesdiensten übernimmt sie einen Gesangspart. Ihre Stimme ist von außergewöhnlicher Strahlkraft. Schon als Teenager bekommt sie Angebote von Plattenfirmen. Aber die Mutter lehnt ab. Whitney möge doch bitte erst einmal die Schule zu Ende machen. Und das macht sie dann auch. 

Whitney Houston 1985 (Foto: Imago, teutopress)
Whitney Houston 1985 Imago teutopress

Presleys berühmter Lachanfall – auch dank Whitneys Mutter! 

Mutter Cissy ist zu erfahren im Geschäft, als dass sie einen frühen Einstieg ins Business gutheißen würde. Sie kennt das Geschäft ziemlich gut – mit all seinen Höhen und Tiefen. Denn Cissy Houston ist weltberühmt – ohne dass sie jemand kennt. Sie teilt das Schicksal der vielen Background-Sängerinnen dieser Welt: Stimme und Gesicht wirken nur in der zweiten Reihe. Dabei ist ihr glockenklarer Sopran legendär. Jahrelang gehörte sie zur Background-Band von Elvis. Es ist ihre Stimme, die man beim berühmten Lachanfall von Presley hört! Als er versucht, "Are You Lonesome Tonight" über die Bühne zu bringen, muss er plötzlich lachen. Die stoische Ruhe, mit der Cissy ihren (schwierigen!) Sopran-Part vorträgt, bringt Elvis nur noch mehr zum Lachen. Cissy ist ganz Profi und bringt ihre Arie vollkommen ungerührt zu Ende. Wie gesagt: Man kennt sie zwar, aber berühmt wird die Mutter nicht. Als ihre Tochter Whitney dann mit der Schule fertig ist, darf diese auch endlich einen Plattenvertrag unterschreiben. Alles, was Whitney gesangs-technisch gelernt hat, hat sie von ihrer Mutter gelernt. Jetzt endlich kann sie zeigen, was sie drauf hat. Und sie zeigt es bravourös. 

Whitney und Cissy Houston (Foto: Imago, ZUMA Press)
Whitney und Mutter Cissy Houston Imago ZUMA Press

Ein Sammelsurium an Songwritern und Produzenten 

Plattenproduzent Clive Davis hört Whitney 1983 bei einem ihrer kleineren Club-Konzerte in New York. Whitney ist gerade mal 19 Jahre jung. Dieser Davis ist aber sofort überzeugt von der Stimme, die er da hört. Und Davis hat Leute unter Vertrag genommen wie Janis Joplin, Billy Joel und Bruce Springsteen. Er weiß sehr genau, ob jemand Potenzial hat oder nicht. Aber trotz seines Rufe: Davis hat Schwierigkeiten, andere Produzenten von Whitneys Potenzial zu überzeugen. Komponisten, Texter, Produzenten müssen mühselig überzeugt werden. Whitney selber kann nicht komponieren; sie singt, was andere ihr vorlegen. Und so dauert es fast eineinhalb Jahre, bis die LP endlich fertig ist. Insgesamt wirken 50 verschiedene Leute bei den Aufnahmen mit. Die 10 Songs der LP werden von insgesamt 16 Songwritern und 4 Produzenten verantwortet. Kein Wunder, dass alles so lange dauert. Die Produktion wird damit auch doppelt so teuer wie ursprünglich angedacht. 

Vom Ladenhüter zur Nummer 1 – in elend langen 55 Wochen! 

Der Erfolg, der da kommt, kommt langsam aber gewaltig. Der Meilenstein, der auf die Musikwelt zurollt, ist überhaupt nicht als solcher zu erkennen. Was man hier zu hören bekommt, ist eine unglaubliche Stimme, die vollkommen überwältigt. Die LP mag ein Sammelsurium unterschiedlichster Songwriter und Produzenten sein – aber sie wird zusammengehalten von Whitney Houstons enormer Präsenz. Und trotz der schwierigen Entstehung: Alles wirkt wie aus einem Guss. Das Album wird im Februar 1984 ohne großes Brimborium veröffentlicht. Die erste Single-Auskopplung ist der Opener der LP – ausgerechnet eine gefühlvolle Ballade. Die Plattenfirma will es so. Houston soll den Markt der "Black Music" bedienen. Ein weißes Publikum ist zunächst gar nicht angedacht. Aber "You Give Good Love" kommt bei jedem Publikum gut an – unabhängig von Kategorien wie "Black" oder "White". Auftritte in den TV-Shows von Johnny Carson und David Letterman beschleunigen den Erfolg. Single um Single wird ausgekoppelt – fast alle werden zu Klassikern. Die LP schiebt sich nur langsam nach oben. Sage und schreibe 55 Wochen nach der ersten Chartnotierung ist "Whitney Houston" auf Platz eins der offiziellen Billboard-Charts. A Star Is Born – aber nicht über Nacht. Whitney Houston ist buchstäblich ganz oben angekommen. Sie wird in noch viel höhere Sphären vordringen mit der Musik, die in den Jahren danach noch kommen wird. Dass sie den Erfolg gleichzeitig auch nicht verkraftet, erfährt die Öffentlichkeit erst Jahre später. Whitney Houston geht an ihrem Ruhm zu Grunde. Sie wird mit 48 sterben – ein Opfer ihrer Drogen- und Alkoholsucht. Bis heute beklagt die Musikwelt diesen tragischen Verlust…