Band U2 (Foto: Imago, United Archives)

U2: "The Joshua Tree" (1987) U2 zementieren ihren Aufstieg von Stars zu globalen Superstars

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Nur wenige Alben werden bis heute so kultisch verehrt. Es ist die perfekte Synthese aus melodischem Rock und ambitionierten Texten. 

Die Hassliebe zu den USA sorgt für viel Kreativität 

U2 haben schon Mitte der 80er Jahre eine respektable Karriere hingelegt. Bis dahin sind schon vier sehr erfolgreiche Alben veröffentlicht. Auf den Bühnen dieser Welt genießen sie den Ruf eines außergewöhnlich guten und unermüdlicher Live-Acts. Die Truppe aus Irland fühlt sich dabei besonders in den USA sehr wohl. Bis 1985 hatte es praktisch vom Start weg jährliche US-Touren gegeben. Dass sie von der Politik der Supermacht nicht begeistert sind, ist kein Geheimnis. Bonos Texte waren schon immer politisch – und so werden auch auf dieser LP wieder politische Kommentare gegeben. „Bullet The Blue Sky“ ist eine direkte Anklage der äußerst hässlichen Verwicklungen der USA in Nicaragua und El Salvdor – Konflikte, bei denen Zehntausende Menschen ihr Leben verloren hatten. „In God´s Country“ ist ein ebenso deutlicher Kommentar. Verblüffenderweise sind diese amerika-kritischen Songs aber offenbar alles andere als abschreckend beim amerikanischen Publikum. „The Joshua Tree“ wird besonders dort in unglaublichen Stückzahlen verkauft. 

U2 Konzert 1984 (Foto: Imago, teutopress)
Imago teutopress

Cover-Foto bitte nur an Original-Schauplätzen 

Der überwältigende US-Erfolg hat natürlich auch mit dem Cover zu tun – denn der „Joshua Tree“ ist eine mannshohe Kaktee, bei der man Amerika durchaus so etwas wie Heimatgefühle bekommt. Mormonen benennen die Pflanze nach Josua aus dem Alten Testament. U2 wollen nicht unbedingt religiös auf dieser LP sein – aber sie zeigen sich spirituell mit dem Land und seiner Geschichte verbunden. Die Fotos werden tatsächlich auch in den USA gemacht – und nicht etwa vor einer Foto-Tapete im Studio. Musikalisch spürt man die Affinität zu den USA: „I Still Haven't Found What I'm Looking For“ ist stark an die Gospel-Musik angelehnt. Der ur-amerikanische Blues wird überdeutlich abgebildet – in der überdeutlich präsenten Mundharmonika von „Trip Through Your Wires“. 

U2 1987 (Foto: dpa Bildfunk, Foto: Anton Corbijn)
Foto: Anton Corbijn

Ein Klassiker landet beinahe im Mülleimer 

Die Aufnahmen in einem irischen Landhaus gestalten sich aber als schwierig. Das merkt man beim ersten Titel: Denn der Opener „Where The Streets Have No Name“ ist ein Opener, der es buchstäblich in sich hat. Das Intro beträgt sagenhafte 107 Sekunden. Heute – in Zeiten von Streaming-Diensten – völlig unvorstellbar. Die Hörgewohnheiten haben sich massiv verändert. Was sich nicht innerhalb weniger Sekunden als Ohrwurm erweist, wird sofort gnadenlos übergangen. Produzent Brian Eno hat später gestanden, dass es das Stück fast überhaupt nicht auf die LP geschafft hätte. Das knifflige Intro erweist sich im nicht-digitalen Zeitalter als komplexer als gedacht. Eno schätzt, dass 40% der gesamten Aufnahme-Sessions zu „The Joshua Tree“ allein für diesen Track benötigt wurden – also fast 5 von insgesamt 12 Monaten. – Der rätselhafte Titel bezieht sich auf die Straßen von Belfast. Belfast war eine tödliche Stadt. Im von Bomben und Attentaten geprägten Nordirland-Konflikt kann damals schon ein Straßenname tödlich sein für die Anwohner. Denn der Straßenname macht klar: Hier wohnt jemand, der Katholik ist, oder Protestant, oder jemand mit Geld. Bono wünscht sich in diesem Song also einfach eine Stadt, in der die Straßen keine Namen tragen, um Anschläge nur aufgrund eines Straßennamens zu verhindern. 

Die anschließende Tour ist der krönende Gipfel 

Bomben in Nord-Irland. Bomben in Nicaragua und El Salvador. Die USA als spirituelle Heimat. Das sind die musikalischen und textlichen Inspirations-Quellen für „The Joshua Tree“. Aber auch der Tod eines Freundes der Band wird hier verarbeitet. Dass ein Liebeslied wie „With Or Without You“ nicht fehlen darf, ist selbstverständlich. Es ist ein komplexes Album – und das kommt an bei Kritik und Publikum. U2 zementieren mit dem Werk und der anschließenden Tour ihren Ruf als Superstars. Sie bekommen den Grammy für das „Album des Jahres“ und die „beste Rock-Performance einer Gruppe“. Sie werden zu einem der größten Acts der Live-Musik überhaupt. 2 Millionen Menschen zahlen im Jahr 1987 Eintritt, um irgendwo auf der Welt ein Konzert von U2 zu besuchen. Rein finanziell könnten sich alle Band-Mitglieder für immer zur Ruhe setzen. Aber U2 hören bis heute nicht auf. Sie sind am Umsatz gemessen einer der wichtigsten Export-Artikel Irlands überhaupt. Ein Ende ist nicht abzusehen. Dafür macht ihnen das Musikmachen einfach viel zu viel Spaß.

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