Carlos Santana (Foto: Imago, Busse)

Santana: "Supernatural" (1999) Wahnsinns-Comeback nach sieben Jahren Pause

Carlos Santana und seine Band müssen eineinhalb Jahrzehnte lang schlechte Plattenverkäufe erdulden. Aber Nomen est Omen: "Supernatural" glänzt im Jahr 1999 mit fast schon "übernatürlichen" Absatzzahlen. 

Vor dem Erfolg: Absturz in die Bedeutungslosigkeit 

Die Zeiten sind nicht lustig für Carlos Santana und seine Band. Denn wenn man über das Super-Album "Supernatural" aus dem Jahr 1999 spricht, muss man natürlich auch über die Zeit VOR diesem Riesen-Erfolg sprechen. Und die ist ziemlich mau. Zwar genießt der Gitarrist seit Ende der 60er Jahre Kult- und sogar Superstar-Status. Aber ab Mitte der 80er Jahre erfolgt ein bemerkenswerter Abstieg in die Bedeutungslosigkeit. Diese Art von Musik – die Fusion aus Rock und Latin – findet in den Synthesizer-80ern keine Käuferschicht mehr. Sie fällt komplett aus der Zeit. Die LP-Absätze werden immer schlimmer. Das Album "Shangó" aus dem Jahr 1982 war mit Gold in den USA noch ein Achtungs-Erfolg. Aber danach werden die Zeiten düster. Und zwar so düster, dass die Band ab 1992 ohne Plattenvertrag dasteht. Kultstatus hin oder her: Aber vier erfolglose LP´s nacheinander sorgen dafür, dass auch die stärkste Plattenfirma irgendwann sagt, dass es nicht mehr weitergeht. Die Gesetze des knallharten Musikmarkts – so sind sie nun mal. Und sie machen auch nicht Halt vor einer Truppe, die eigentlich eine ziemliche Nummer im Business ist. Ab 1992 heißt es: Touren ohne Plattenvertrag. Von irgendwas muss man ja leben. Es ist also kein Wunder, dass die ganze Musikwelt sieben Jahre später – also 1999 – von einem unfassbar erfolgreichen Comeback sprechen wird. 

Ein Plattenboss der Alten Garde soll es richten 

Haben Sie vielleicht neulich unseren Artikel über das Meilenstein-Debut von Whitney Houston gelesen? Da war ja die Rede von einem gewissen Plattenboss namens Clive Davis. Ein Mann mit ungeheurem Instinkt für Talent. Dieser Clive Davis war genau der Mann, der den allerersten Plattenvertrag mit Santana unterschrieben hatte – damals für das Album "Abraxas", das vom Start weg zum Kult geworden war. Per Zufall trifft Carlos Santana genau diesen Clive Davis jetzt – Jahrzehnte später – wieder. Die beiden kommen ins Gespräch. Santana gesteht, dass er gerne etwas Neues machen würde – etwas Radiotaugliches. Und beim Wort "radiotauglich" werden alle Musik-Bosse hellhörig, denn so etwas steht für kommerzielles Potenzial. Davis schlägt ein Misch-Album vor. Es soll einerseits einen Retro-Klang haben, der an die Anfangszeit von Santana erinnert. Andererseits sollen aber jede Menge Kollaborationen zu hören sein – mit Acts, die damals angesagt sind. Das ist der Grund, warum bei "Supernatural" so viele andere Stars der damaligen Zeit mitmachen: Rob Thomas (Sänger von "Matchbox 20"), Everlast, Dave Matthews (in Deutschland völlig unbekannt – in den USA aber ein Jahrzehnt lang der erfolgreichste Bühnenmusiker überhaupt), Lauryn Hill (von den "Fugees"), Eagle-Eye Cherry und Eric Clapton – um nur die bekanntesten Namen zu nennen. Carlos Santana hat später aber betont, dass "Supernatural" kein Star-Vehikel sein sollte. Die unterschiedlichen Songs hätten schlicht nach unterschiedlichen Künstlern verlangt. 

Carlos Santana (Foto: Imago, Sven Simon)
Imago Sven Simon

Sogar Johannes Brahms ist mit von der Partie 

Und wo wir gerade bei Musik-Stars sind: Es gibt da noch einen weiteren Namen, der eine prominente Rolle auf dem Album spielt – und zwar beim zweiten Song. Auch wenn der Hintergrund eher traurig ist. In einem Interview erinnert sich Carlos Santana: "Damals starb mein Vater. Wochenlang konnte ich keine Musik hören. Bis zu seinem Tod lebten meine Eltern 58 Jahre lang zusammen. Und sie waren immer verliebt. Im Radio hörte ich dann das 2. Klavierkonzert von Brahms. Das war Inspiration für die Melodie von Love of my Life". Wenn der Name Johannes Brahms fällt, werden natürlich viele Musikfreunde hellhörig. Aber möglicherweise wird Santana hier von seinem Gedächtnis im Stich gelassen. Zwar gibt es in diesem berühmten Klavierkonzert einen zauberhaften Satz, in dem ein Solo-Cello mit dem Klavier "redet" – aber die Melodie erinnert nicht an den Song, von dem der Künstler hier spricht. Vielmehr hatte er wohl die noch berühmtere dritte Symphonie von Brahms im Ohr. Dort gibt es den tod-traurigen dritten Satz – das "poco allegretto" – und hier hört man tatsächlich deutliche Anklänge an "Love of my Life" (Anspieltipp für Neugierige ist leicht zu merken: Brahms, 3. Symphonie, 3. Satz). 

Acht Grammys und millionenfacher Verkaufs-Erfolg 

Superstars der klassischen und der Rock-Musik – vereint im typischen Santana-Klang. Und das alles gepaart mit den so dringend herbeigesehnten radio-tauglichen Melodien. Wenn man ganz ehrlich ist: Hier wird nicht gerade das Rad neu erfunden. Das klingt immer noch alles genauso wie man es auch erwartet - aber die Melodien hauen einen dann eben doch um. Der Erfolg, der da kommt ist unglaublich: Nummer Eins in etlichen Ländern, Single-Auskopplungen, von denen eine erfolgreicher als die andere ist; Gold- und Platin-Auszeichnungen am laufenden Band. Bis heute verkauft sich "Supernatural" mehr als 30 Millionen Mal. Die LP ist damit eine der meistverkauften der Musik-Geschichte überhaupt. Und oben drauf gibt es ein Jahr später dann noch die Grammy-Verleihung und acht (!) Auszeichnungen. Das traditionelle Gießkannen-Prinzip dort sorgt allerdings für merkwürdige Mehrfachnennungen. Wer´s genau wissen will: Das hier waren die Preise: Album des Jahres, Bestes Rock-Album, Song des Jahres und Aufnahme des Jahres (für "Smooth"), Beste Pop-Performance eines Duos oder einer Gruppe (für "Maria Maria"), Beste Rock-Performance eines Duos oder einer Gruppe ( für "Put Your Lights On"), Bestes Rock-Instrumental (für "The Calling") und Bestes Pop-Instrumental (für "El Farol").