Die Band Chicago (2007) (Foto: Warner Music Europe -)

Chicago: "X" (1976) Ein Rausschmiss-Kandidat sorgt für den Jackpot

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Ein Meilenstein der Musikgeschichte

Seidenweiche Streicher-Klänge. Dazu das Metall von Blechbläsern. Garniert mit dem satten Sound einer 12-String-Gitarre. Eine merkwürdige Instrumentierung. Aber "If You Leave Me Now" wird mit genau dieser Instrumentierung zum Welthit – so wie das dazugehörige Album auch.

Im Jahr 1976 gibt es musikalisch massive Konkurrenz

Die Band Chicago Anfang der 70er (Foto: Imago, Imago/ZUMA Press -)
Die Band Chicago Anfang der 70er Imago Imago/ZUMA Press -

Chicago sind in Sachen Album-Titel nicht besonders einfallsreich. Traditionell wird jede Neuveröffentlichung einfach mit lateinischen Ziffern durchnummeriert. 1976 kommt die Band also bei Album Nummer zehn an. Zu Beginn des Jahres hatte die Truppe schon mit Nummer neun ("IX") eine Nummer Eins in den US-LP-Charts gelandet – das war allerdings ein "Greatest Hits"-Album, was die Sache zum Selbstläufer gemacht hatte. Keiner kann ahnen, wie gut der neue Longplayer beim Publikum ankommen wird. Denn die Konkurrenz ist stark! 1976 ist das Jahr, in dem z.B. "Hotel California" von den Eagles erscheint. Peter Frampton sorgt mit "Frampton Comes Alive" für Furore. Stevie Wonder legt seinen Klassiker "Songs In The Key Of Life" hin. Und ABBA, Queen und Led Zeppelin feiern in diesem Jahr ebenfalls weltweit riesige Chart-Erfolge mit Alben, die allesamt zu Klassikern werden. Für Chicago alles kein Konkurrenz. Zugegeben: Eine Nummer eins wird es nicht – aber zahlenmäßig verkauft sich die LP öfter als jede andere Chicago-LP bis dahin.

Peter Cetera (1986) (Foto: Imago, Imago/eutopress -)
Peter Cetera (1986) Imago Imago/eutopress -

Ist das jetzt "Chicago" oder doch eher "Earth, Wind & Fire"?

Einen Großteil dieses Erfolges darf die Band aber wohl ihrem Mitglied Peter Cetera zuschreiben. Denn seine Mid-Tempo-Ballade "If You Leave Me Now" wird zum Aushängeschild des Albums. Der Song fällt komplett aus dem restlichen Rahmen der LP (und zwar so sehr, dass die Band überlegt hatte, den Song ganz wegzulassen!). Die Orchestrierung mit Horn, 12-String-Gitarre und Streichern ist so ungewöhnlich, dass es ein Jahr später für genau dieses Arrangement einen Grammy gibt. Außerdem wird der Gesang von Cetera in genau diesem Lied mit einem Grammy geehrt. Bassist Peter Cetera ist auf dem Album nur relativ selten zu hören. Die damals achtköpfige Band ist sehr demokratisch organisiert. Auf fast jedem der Tracks ist ein anderer Leadsänger im Vordergrund zu hören – meistens der, der auch den jeweiligen Song komponiert hat.

Schriftzug der Band Chicago (Foto: Warner Music Europe -)
Warner Music Europe -

Musikalisch ist die Nummer "X" sehr vielfältig. Die Band, die sich ursprünglich als "Rockband mit Horn" bezeichnet, ist eigentlich wegen ihrer Blechblas-Instrumente der Funk-Musik zuzuordnen. An manchen Stellen klingt das alles mehr nach "Earth, Wind & Fire" als nach Chicago. Funk ist das dominierende Element des Albums; Blues ist aber auch dabei. Und manchmal stolpert man noch über einen Reggae- oder sogar Samba-Titel! Übergeordnet würde man sagen: "schwarze" Musik. Das Cover deutet das auf buchstäblich sehr süße Art und Weise an: Denn hier sieht man eine Tafel Schokolade mit Chicago-Logo. Die Leckerei wird gerade aus ihrer Alufolie herausgepellt. Das Cover ist ebenfalls zu Grammy-Ehren gekommen. Es ist sogar in die Champions-League der Kunstwelt aufgestiegen! Das Original Art-Work hängt schon seit Jahren im Museum – im New Yorker "Museum of Modern Art"; dem MoMa!

Wo, bitte, geht's denn hier zu den Karibus?

Ein Karibu (Rentier in den USA) (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - P. Frischknecht)
Ein Karibu/Caribou picture-alliance / dpa - P. Frischknecht

Kurze Anmerkung noch zu dem Aufnahmestudio. Chicago nehmen viele Ihrer Alben nicht in Chicago auf (wo die Band auch tatsächlich herkommt!), sondern im verschneiten Colorado – auf der "Caribou Ranch". Karibus bitte nicht mit Marabus verwechseln. Die Karibus sind die nordamerikanischen Vertreter der Ren-Tiere. In Colorado sind sie sehr verbreitet. Silber-Schürfer hinterlassen hier so um 1910 herum eine Geisterstadt namens "Caribou". Musik-Produzent James Wiliam Guercio hat hier – mitten im Nirgendwo – sein berühmtes Aufnahmestudio etabliert: die "Caribou Ranch". Dutzende Weltstars nehmen hier oft und gerne ihre Alben auf. Die landschaftlich sehr reizvolle Umgebung sieht man auf dem berühmten Cover des Supertramp-Albums "Even In The Quietest Moments". Das Cover zeigt einen zugeschneiten Konzert-Flügel auf einem frostigen Berg-Gipfel. Das Cover ist deswegen so berühmt, weil es keine Foto-Montage ist! Der Flügel wurde tatsächlich dorthin geschleppt!

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