George Harrison und Bob Dylan (1988) (Foto: Imago, imago/LFI -)

Traveling Wilburys: "Traveling Wilburys Vol.1" (1988) Kennen Sie Nelson, Otis, Lucky, Charly und Lefty?

Ein Meilenstein der Musikgeschichte

Wenn Sie diese fünf Wilbury-Familien-Mitglieder nicht kennen sollten, haben Sie was verpasst. Denn die bringen laut "Rolling Stone Magazine" eines der besten Alben der Musik-Geschichte heraus!

Geburtsstunde eines sehr familiären Projekts

Das mit den Vornamen ist natürlich Quatsch. Ein Gag. Nichts weiter. Aber tatsächlich deutet dieser Gag sehr konkret an, dass hier ein äußerst familiäres Musikmachen zustande gekommen war. (Die "Ramones" hatten auch deswegen Kultstatus erlangt, weil sie sich für die Öffentlichkeit falsche Namen zugelegt und dabei noch so getan hatten, als seien sie ein Haufen runtergekommener leiblicher Brüder).

Dieser familiäre Aspekt hat seinen Ursprung bei George Harrison. Er ist im Jahr 1988 einer der damals nur noch drei lebenden Ex-Beatles: schwer reich, hoch angesehen, heiß geliebt bei Musik-Fans weltweit. Er bringt damals ein Solo-Album heraus ("Cloud Nine") - und dieses Album soll natürlich von einer Single-Auskopplung beworben werden. "This Is Love" wird von der Plattenfirma "Warner Brothers" als Single akzeptiert, aber die Bosse stellen die übliche Forderung: Sie wollen eine B-Seite für die Single, die den Kaufanreiz erhöht. Es soll also neue Musik drauf, die nicht auf der LP zu finden sein würde. Harrison hat da einen Vorschlag – und die Plattenfirma ist platt!

Tom Petty und Bob Dylan (1986) (Foto: Imago, imago/MediaPunch -)
Tom Petty und Bob Dylan (1986) Imago imago/MediaPunch -

Als B-Seite zu gut. Viel zu gut!

Die Bosse sind ganz einfach deswegen platt, weil der immer noch geniale Ex-Beatle einen Song aus dem Hut zaubert, der schlicht und einfach viel zu gut ist, um als B-Seite zu fungieren. "Kann man da nicht irgendwie ein ganzes Album draus machen?", fragt der damalige Warner-Manager Mo Ostin.

Auf der Homepage der Traveling Wilburys schreibt er im Jahr 2007 rückblickend, wie sehr ihn diese neue Musik damals umgehauen hatte. Ostin schreibt auch, dass er ganz einfach deswegen platt war, weil Harrison eine Demo-Version aufgenommen hatte mit ein paar Kumpels, die gerade zufällig in der Nähe gewesen seien. Diese "Kumpels" hießen Bob Dylan (in dessen privatem Studio man aufgenommen hatte), Jeff Lynne von ELO (der Harrisons Solo-Album produziert hatte), Tom Petty und Roy Orbison. (Dieser "viel zu gute" Song ist übrigens der Welthit "Handle With Care"). So viel geballte Star-Power kann kein Zufall sein. Und selbst Mo Ostin ist sich rückblickend nicht mehr sicher, ob diese völlig unwahrscheinliche Zufalls-Begegnung wirklich so zufällig zustande gekommen war. Wie man so hübsch sagt: Es ranken sich einige Legenden um die Entstehung dieser Super-Band.

Und die Homepage macht fleißig mit bei der Legenden-Bildung. Denn gleichzeitig gibt es dort zwei pseudo-wissenschaftliche, brüllend komische Quatsch-Texte zu bestaunen, die Erklärungen über den Ursprung der "Traveling Wilburys" abgeben. Wer Sinn für Humor hat, bekommt bei diesen fulminanten englischen Texten gute Unterhaltung geboten!

Ein Radio-Interview sorgt für Staunen

Den ganzen Mythos kann man aber relativ leicht zerpflücken. Die Traveling Wilburys sind ein Projekt von George Harrison. Er hatte während seiner ganzen Post-Beatles-Phase nie ein Hehl daraus gemacht, sehr gerne mal wieder in einer Band zu spielen. Mit Freunden. So wie bei den Beatles.

Jeff Lynne und George Harrison (1990) (Foto: dpa Bildfunk, dpa / Photoshot -)
Jeff Lynne und George Harrison (1990) dpa / Photoshot -

Jeff Lynne hört von einer relativ konkreten Idee schon während der Produktion des Harrison-Albums "Cloud Nine" - also irgendwann Anfang 1987. Und ein knappes Jahr später – also noch BEVOR diese berühmt-berüchtigte "viel zu gute B-Seite" bei Warner vorgestellt wird – gibt George ein Radio-Interview in den USA. Dort gibt er freimütig zu, ein Band-Projekt im Kopf zu haben. Sogar den Namen "Traveling Wilburys" gibt er schon bekannt – nicht aber die Namen der Band-Mitglieder. Er sagt einfach nur "Kumpels"! Der Interviewer bleibt hartnäckig und fragt nochmal nach, ob er sich denn wirklich niemand Speziellen vorstellen würde. Harrison wird weich und rückt mit immerhin einem Namen raus: "Bob Dylan!".

Von wegen "Zufall"!

Das ist natürlich eine Sensation. Niemand fragt einfach so bei Bob Dylan nach, ob der nicht Lust hätte in einer sog. "Super-Group" mitzumachen. Es sei denn, man ist ein Ex-Beatle. Dylan war damals auf Tour – unterstützt von einem gewissen Tom Petty und seinen Heartbreakers. Lynne wiederum bringt schließlich und endlich noch Roy Orbison mit ins Boot. - Von wegen "zufällig ein paar Kumpels in der Nähe"!

Die Traveling Wilburys sind das fleischgewordene Resultat eines lang gehegten Wunschtraums von George Harrison. Er wollte eine Band zusammenstellen, die nicht nur musikalisch, sondern auch privat wunderbar harmonieren würde. Freunde. Kumpels. Leute, mit denen man nach einer Show gerne herumhängen würde, mit denen man auf einer Wellenlänge ist. Harrison ist z.B. restlos begeistert, als der US-Amerikaner Roy Orbison ganze Sketch-Folgen der Briten Monty Python auswendig rezitiert!

10 Tage reichen vollkommen

Dave Stewart (1987) (Foto: Imago, imago/teutopress -)
Dave Stewart (1987) Imago imago/teutopress -

Den Rest kann man nur als musikalischen Genie-Streich beschreiben. Denn was soll schon groß dabei rauskommen, wenn fünf Superstars – gestandene Musiker schon seit Jahrzehnten! - mal eben so in der Wohnung eines anderen Freundes (diesmal Dave Stewart von "Eurythmics") zum spontanen Musikmachen zusammenkommen? Logo: Da kommt ziemlich viel hochwertiges, verspieltes, altmodisches und trotzdem irgendwie zeitloses Zeug bei raus!

Angeblich sitzt die Truppe gerade mal nur 10 Tage zusammen. Jeder klampft ein paar Akkorde vor, aus denen dann ganze Songs werden. Von Mittags um zwölf bis Mitternacht sitzen die Musiker zusammen – und nach 10 Tagen ist Schluss. Dieses akustische Rohmaterial – getragen nur vom Sound der Akustik-Gitarren – bringt Harrison zurück in die englische Heimat, wo er ein perfekt abgestimmtes Album draus macht. Nur wenige Monate später staunt die Welt über die Traveling Wilburys – die selbstverständlich einen Millionen-Hit landen. Denn das Album "Traveling Wilburys Vol. 1" verkauft sich weltweit über fünf Millionen Mal.

Und danach?

Roy Orbison kann den Erfolg nicht genießen. Er stirbt schon kurz nach Veröffentlichung des Albums. Tom Petty bekniet Harrison, doch an das viele Geld zu denken – und an eine Tournee. Aber Geld interessiert ihn nicht. Er gilt als einer der wohlhabendsten Musiker des Erdballs.

Roy Orbison (1987) (Foto: dpa / Photoshot -)
Roy Orbison (1987) dpa / Photoshot -

Von Anfang an hatte er diese Truppe nur als Projekt angesehen. Als eine Herzensangelegenheit. Auch als es ein Jahr später den Grammy für das "beste Rockalbum einer Band" gibt, ist er nicht umzustimmen. Anstrengende Touren sind tabu, spaßige Studio-Sessions sind hingegen okay. Einmal – ein einziges Mal – trommelt er die Wilburys also dann doch nochmal zusammen; diesmal natürlich ohne den verstorbenen Roy Orbison. Die zweite LP nennt er 1990 dann "Traveling Wilburys Vol. 3"! Und das nennt man dann wohl britischen Sinn für Humor!

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