Tracy Chapman (1988) (Foto: Warner Music Group - Janette Beckmann)

Tracy Chapman: "Tracy Chapman" (1988) Ein Mann im Gefängnis, eine junge Frau im Stadion und 600 Millionen Zuschauer

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Ein Meilenstein der Musikgeschichte

Manche Geschichten klingen wie aus einem Märchen. Die sind so märchenhaft, dass man sie eigentlich gar nicht glauben will. Die Erfolgs-Geschichte von Tracy Chapman ist so ein Märchen. Die Zutaten: Eine junge Frau, die nur in Cafés singt. Ein Kommilitone, dessen Papa bei einer Plattenfirma arbeitet. Ein Mann, der im Gefängnis sitzt. Und ein Publikum, das wohl so um die 600 Millionen Menschen umfasst. Und das Märchen geht so...

Sie singt nur in Cafés – oder auf der Straße

Tracy wächst in Cleveland, Ohio auf. In ärmlichen Verhältnissen. Cleveland ist keine reiche Stadt. Im Gegenteil. Ähnlich wie im deutschen Ruhrgebiet, spüren die Einwohner hier jahrzehntelang sehr deutlich den Niedergang der Stahl-Industrie. Cleveland ist nur für wenige Sachen berühmt: in kulturaffinen Kreisen gilt das Cleveland Orchestra als eines der besten der Welt. In Sport-Kreisen ist das Basketball-Team der Cleveland Cavaliers eines der besten der Welt. Die Hälfte der knapp 400.000 Einwohner der Stadt ist schwarz. Es ist die ärmere Hälfte. In diesem Umfeld wächst Tracy auf – und dieses Umfeld spiegelt sich später sehr deutlich in ihren Texten wider.

Als sie gerade mal drei Jahre jung ist, schenkt ihr ihre Mutter eine Ukulele. Ab ihrem 8. Lebensjahr schreibt sie eigene Texte und Melodien auf. Nach der Schule verlässt sie Cleveland und geht in Boston aufs College. Und dort – auf dem Campus-Gelände – singt sie ihre eigenen Songs. Mal im Freien. Mal im "Cappuccino-Café".

Tracy Chapman Bild (Foto: SWR)

Plattenvertrag? Das muss wohl ein Scherz sein!

Ein Kommilitone ist ganz begeistert von Tracys Können. Er spricht sie mehrmals an. Sagt ihr, wie toll das sei, was sie da mache. Er habe da einen Tipp – nämlich seinen eigenen Vater, der bei einer kleinen Plattenfirma arbeitet. Sie solle ihm doch bitte unbedingt ein Demo-Tape schicken – er könne da vielleicht was machen. Aber Tracy lehnt ab. Aus zwei Gründen. Erstens will sie gar keinen Plattenvertrag. Sie ist zufrieden damit, vor 20 bis 50 Leuten in einem Uni-Café zu singen. Zum anderen glaubt sie diesem jungen Kerl nicht, der eine Jahrgangsstufe unter ihr studiert. Sein Angebot kann sie irgendwie nicht ernst nehmen. Sein Name ist Brian Koppelman. Der lässt kein bisschen locker.

Beim Campus-Radio der Uni besorgt er eine Aufnahme, die Chapman dort gemacht hatte und schickt sie seinem Vater. Der kann kaum an sich halten, kommt mit dem Flieger von Hollywood nach Boston, bittet Tracy inständig darum, ihr Talent nicht zu vergeuden, sondern in Form eines Albums zu konservieren – und hat Erfolg! Tracy unterschreibt auf sein Bitten hin einen Plattenvertrag bei Elektra Records. Sie besteht aber darauf, dass ihre Musik gefälligst so zu klingen habe wie ihre Musik nun mal klinge – und nicht wie das, was im Jahr 1987 sonst so üblich ist. Sprich: Sie will als Singer/Songwriter rein akustische Musik aufnehmen – und keinen Synthie-Pop wie er damals sonst üblich ist. Koppelmans Vater findet einen Produzenten, der genau dieses Anliegen sehr ernst nimmt.

Einquartiert im "Hotel California"

Die 24 Jahre junge Frau aus Ohio wird nach Hollywood geflogen. Sie schläft im berühmten Chateau Marmont Hotel – das ist das, das jeder Musikfan vor Augen hat, wenn er an das Cover des Eagles-Albums "Hotel California" denkt. – Sie fühlt sich in dem ganzen Luxus nicht gerade wohl. Aber die Arbeit geht schnell voran. Es wird ihr erhofftes akustisches Album. Nur sie und sieben weitere Musiker sind dabei.

Innerhalb von nur 8 Wochen ist das Album im Kasten. Als es veröffentlicht wird, ist der Erfolg sofort da. Kritiker sind begeistert – und das Publikum auch. Innerhalb nur weniger Wochen verkauft es sich fast eine Million Mal. Das allein ist schon unglaublich. Aber das ist alles nichts im Vergleich zu dem, was da noch kommen soll!

Wembley, Mandela und die weite Welt

Tracy Chapman ist also eine Newcomerin, deren Ruf sich überraschend schnell rumgesprochen hat. Sie bekommt die Einladung zu einem denkwürdigen Konzert – dem "Free Nelson Mandela"-Konzert im Londoner Wembley-Stadion. Mandela – der im Jahr 1987 schon seit einem Vierteljahrhundert in Haft ist, feiert in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag. Die weltweit immer größere Anti-Apartheid-Bewegung macht auf das schreiende Unrecht in Südafrika aufmerksam – auch mit Musik-Groß-Ereignissen. Chapman nimmt die Einladung an – und begeistert im Juni 1987 70.000 Menschen mit ihrer Stimme, ihrer Gitarre, ihren Texten. – Als Stevie Wonder technische Probleme mit seinem Keyboard hat, darf sie ein zweites Mal auf die Bühne, was einen unglaublichen Welt-Erfolg nach sich zieht. Eigentlich kein Wunder: Angeblich verfolgen 600 Millionen Menschen das Mandela-Konzert am Fernseher.

Chapmans Debut-Album verkauft sich nach diesem Konzert weltweit noch 19 Millionen weitere Male! Und um kurz auf diese Zahlen zu sprechen zu kommen: Dieses Album ist interessanterweise auch in Deutschland eine der meistverkauften LPs überhaupt. 2,25 Millionen Mal geht es bei uns über den Laden-Tisch. Das sind mehr Exemplare als hierzulande von Pink Floyds "The Wall" oder Michael Jacksons "Thriller" bzw. "Bad" verkauft wurden. (Platz Eins übrigens: Herbert Grönemeyer mit "Mensch" – 3,15 Mio. Exemplare).

Tracy Chapman (Foto: Warner Music Germany -)
Warner Music Germany -

Und was macht dieser Erfolg - ein Erfolg, den man nicht wiederholen kann! - mit Tracy Chapman? Sie bleibt bescheiden und lebt zurückgezogen in San Francisco. Hin und wieder veröffentlicht sie ein bisschen Musik – aber kaum etwas Neues. Aber Menschenrechte – so wie damals beim Mandela-Konzert – die sind ihr bis heute wichtig. In den USA ist sie eine der wichtigsten Stimmen, wenn es gegen die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung geht...

Tracy Chapman 1988 beim "Free Nelson Mandela"-Konzert
(Quelle: Youtube)

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