Die Beatles 1969 (Foto: Imago, imago/ZUMA/Keystone -)

Beatles: "The White Album" (1968) Meisterwerk – und Anfang vom Ende

Ein Meilenstein der Musikgeschichte

Eigentlich haben sich alle lieb. 1968 sind die Beatles auf spiritueller Reise nach Indien. Aber statt viel Liebe und Abgeklärtheit bringen sie einen Haufen Zwistigkeiten mit zurück nach England – und überraschend viel Songmaterial! Das sogenannte "White Album" wird – wie könnte es auch anders sein – zum weiteren Meilenstein der Musikgeschichte.

Reise ins Innere – Reise nach Indien

Wie so viele andere Menschen auch, sind die Beatles Ende der 60er Jahre auf der Suche nach "Erleuchtung". Der Begriff klingt heute so abgedroschen wie nur irgendwas – ist damals aber völlig etabliert in den westlichen Kulturen. Bewusstseinserweiternde Drogen erweisen sich damals zunächst als ein Versprechen; dann aber als Sackgasse – das äußerst populäre LSD hat massive Nebenwirkungen. Und so begeben sich viele Intellektuelle auf eine andere Form der "Reise ins Innere": sie meditieren. Die Beatles besuchen 1967 einen Meditations-Lehrgang nicht weit von zu Hause: in Wales. Dort gibt der Inder Maharashi Mahesh Yogi ein Seminar.

George Harrison, John Lennon und Maharashi Mahesh (Foto: SWR)

Die berühmten Gäste müssen aber überstürzt abreisen, weil sie vom tragischen Suizid ihres Managers Brian Epstein erfahren. Maharashi lädt die Beatles nach Indien ein. Die "Fab Four" nehmen die Einladung an. Hippies durch und durch und weit entfernt vom einstigen Image der braven Pilzkopf- und Anzug-Träger reisen sie wenige Monate später mit ihren Frauen und weiteren Promis ins ferne Indien. Mike Love von den Beach Boys ist dabei, ebenso wie die Schauspielerin Mia Farrow und Sänger Donovan.

Neue Umgebung – neue Ideen

Diese Vorgeschichte ist wichtig, denn sie ist der Ursprung des legendären "White Album". Es knirscht schon seit einiger Zeit bei den Beatles. Die Reise nach Indien darf man rückblickend auch als Versuch verstehen, eine Beziehung, die Risse bekommen hat, wieder zu kitten. Dass sich die vier Freunde nicht mehr gut verstehen, sieht man auch daran, dass sie getrennt und zu unterschiedlichen Zeiten anreisen – und getrennt und zu unterschiedlichen Zeiten wieder abreisen. Ringo ist schon nach wenigen Tagen "durch"; er leidet unter Durchfall, weil er das Essen nicht verträgt (ist aber bis heute großer Anhänger der "Transzendentalen Meditation"). Lennon und Harrison bleiben am längsten – wobei Harrison nicht nur die Liebe zur indischen Musik mit zurück in die Heimat bringt, sondern auch die Liebe zum indischen Essen. Er ist von da an Vegetarier.

Paul McCartney und Ringo Starr 1968 (Foto: Imago, Imago -)
Paul McCartney und Ringo Starr machten sich im Februar 1968 gemeinsam mit ihren Partnerinnen auf den Weg nach Indien. Imago Imago -

Die vier sollen eigentlich zur Ruhe kommen und meditieren. In der neuen Umgebung sprühen sie aber nur so über vor neuen Ideen. Lennon und McCartney wollen die anderen Kurs-Teilnehmer nicht stören und treffen sich abends immer wieder heimlich, um sich gegenseitig neues Material vorzuspielen. Weil nur Gitarren greifbar sind, ist das auch der Grund, warum viele Stücke auf dem "White Album" vom Klang der Akustischen Gitarre geprägt sind.
Mit dabei in Indien ist Alexis Mardas von Apple Records – Lennon nennt ihn auch "Magic Alex". Mardas ist eifersüchtig auf den Einfluss, den der Maharashi auf die Beatles – und besonders Lennon! – hat – und so setzt er den Beatles einen Floh ins Ohr. Dieser Maharashi habe sich an Mia Farrow rangemacht, behauptet er. Farrow sagt, das sei Quatsch, aber das Gift ist eingeträufelt. Die Beatles brechen das Indien-Abenteuer ab und gehen in Unfrieden. – Wohlgemerkt: getrennt voneinander.

Eine neue Liebe bringt Unfrieden ins Studio

Erst jetzt – zurück in der Heimat – beginnt die Arbeit am neuen Album. Aber wie George Harrison später einmal betont: "Jeder von uns hatte ein riesiges Ego" – und dieses Ego sorgt dafür, dass man es beim "White Album" eher mit einem Lennon-McCartney-Harrison-Opus zu tun hat – und weniger mit einem Beatles-Werk. 30 Titel sind drauf – aber auf nur 14 Titeln sind die vier gleichzeitig zu hören! Jeder will etwas beitragen, weswegen die Dimensionen immer größer werden. Es ist das einzige Doppel-Album der Beatles. Jeder nörgelt beim anderen rum. McCartney ist unzufrieden mit Ringos Schlagzeugspiel auf "Back in the USSR". Ringo schmeißt buchstäblich hin – er verlässt das Studio und inoffiziell auch die Beatles.

Yoko Ono und John Lennon (Foto: Imago, imago/Leemage -)
John Lennon mit mit seiner großen Liebe Yoko Ono. Imago imago/Leemage -

Die anderen drei beknien ihn mit Postkarten, doch bitte wieder zurückzukommen. Nach 10 langen Tagen lässt er sich breitschlagen und wird mit einem von Blumen geschmückten Drum-Set begrüßt. Das Schlagzeug auf "Back in the USSR" wird übrigens von Paul gespielt – und es gibt böse Zungen, die behaupten, Paul sei der bessere Beatles-Schlagzeuger gewesen.
Der Ärger wird aber noch größer: Lennons Ehe mit Cynthia ist so gut wie gescheitert. Da trifft es sich, dass er neu und bis über beide Ohren verliebt ist. Die Beatles haben allerdings ein ungeschriebenes Gesetz: "Keine Ehefrauen oder Lebensabschnittsgefährtinnen bei unseren Aufnahme-Sessions!". Lennon interessiert diese Regel nicht mehr. Yoko Ono heißt seine neue Liebe. Lennon bringt sie ständig mit ins Studio. Die beiden kichern und giggeln ununterbrochen. Der Rest der Truppe ist kurz davor zu explodieren.

Engeln kann man nie böse sein

Der Ärger ist nicht mehr wegzureden. Stellenweise ist es so stressig, dass die Beatles zeitgleich in völlig unterschiedlichen Studios zugange sind. Jeder kocht sein eigenes Süppchen. Harrison bittet Eric Clapton, die E-Gitarre auf "While My Guitar Gently Weeps" zu spielen. Der zögert zunächst – und stimmt dann doch zu, weil Harrison betont: "Das ist MEIN Song!". Produzent George Martin ist genervt von den langen Studio-Arbeiten – sie dauern insgesamt vier Monate – und fährt völlig untypisch für ihn "mir nichts dir nichts" in den Urlaub. Er gibt den Egomanen noch den Rat, nicht unbedingt jedes Lied mit auf das Album draufnehmen zu wollen. Vergeblich. Ein Tontechniker ist ebenfalls genervt von den ständigen Spannungen innerhalb der Band und wirft frustriert hin.

Die Beatles 1969 (Foto: Imago, imago/ZUMA/Keystone -)
Die Beatles seien von Maharashi Mahesh Yogi als Engel bezeichnet worden. Imago imago/ZUMA/Keystone -

All diese Streitigkeiten merkt man dem monumentalen Album kein bisschen an. Es ist ein Doppel-Album, das bewusst musikalischer gehalten ist als "Sgt. Pepper" – schon allein das weiße Cover war ein klarer Gegenentwurf zum überbordenden "Sgt.-Pepper"-Cover. Es ist eine Art "Lieblingsalbum" für Generationen von Beatles- und Musik-Liebhabern – eines, das man nicht aus dem CD-Regal aussortiert. Denn es ist zeitlos.

Und der so zu Unrecht gescholtene Maharashi Mahesh Yogi? Er stirbt im Jahr 2008 im hohen Alter von 90 Jahren in einem kleinen Dorf in den Niederlanden – nur ein paar Autominuten von Mönchengladbach entfernt; kurz hinter der deutsch-niederländischen Grenze. Es ist für seine Bewegung eine Art europäisches Hauptquartier, wo er die letzten Jahre seines Lebens verbringt. Auf die Frage, ob er den Beatles böse sei, weil sie ihn damals aufgrund falscher Verdächtigungen in Unfrieden verlassen hatten, soll er geantwortet haben: "Nein. Engeln kann man nie böse sein!".

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