Pink Floyd 1972 (Foto: picture-alliance/ dpa -)

Pink Floyd: "The Wall" (1979) Ein Künstler mauert sich ein

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Ein Meilenstein der Musikgeschichte

Ein Konzept-Album erobert Musikfans weltweit. Aber es ist weniger Pink Floyd, was man hier hört. Es ist eigentlich nur Roger Waters. Er ist zurecht stolz auf das, was er da geleistet hat. Aber Meisterwerk hin, Meisterwerk her: "The Wall" sorgt innerhalb der Band für viel Konfliktpotenzial.

Roger Waters spuckt aufs Publikum

Alles fängt wohl 1977 an. Pink Floyd sind wieder mal auf Tour. Aber Roger Waters hat keinen Spaß bei der Sache. Das viele Geld, die vielen Fans, die vielen Reisen. Das alles bringt ihm keine Freude mehr. Er entfremdet sich vom Business, von seinen Kollegen, vom Publikum. Absoluter Tiefpunkt ist ein Konzert im kanadischen Montreal. Die zahlenden Gäste sind an diesem Abend außergewöhnlich schlecht drauf. Oder genauer formuliert: Sie sind zwischen den Stücken ziemlich laut, grölen rum, geben der Band auf der Bühne gute Tipps, was sie denn bitte als nächstes zu spielen hätten. Besonders ein nerviger "Kunde" erweist sich dabei als so dermaßen penetrant, dass Roger Waters der Geduldsfaden reißt. Er spuckt ihn von der Bühne aus an. Auch Gitarrist David Gilmour ist an diesem Abend so genervt, dass er eine Zugabe verweigert. Eigentlich ist es so: Waters wünscht sich am liebsten eine Mauer zwischen sich und dem Publikum. Und diese Idee wird er für die Live-Shows zu "The Wall" dann später auch buchstäblich in die Tat umsetzen.

Das Finanzamt im Nacken sorgt für Familien-Stress

Wie kann ein Künstler solch einen Wahnsinn verarbeiten? Am besten natürlich mit Musik. So verrückt es klingt. Aber die Musiker von Pink Floyd, die zu den kommerziell erfolgreichsten Bands der damaligen Zeiten gehören – diese Musiker sind Ende der 70er Jahre dringend auf Geld angewiesen! Eine Berater-Firma hatte es tatsächlich geschafft, viele, viele Millionen der Truppe in merkwürdige Anlageprodukte zu stecken – selbstverständlich, um Steuern zu sparen – und selbstverständlich ist das Geld so gut wie futsch! Aber der Band droht noch aus einem anderen Grund die doppelte Pleite, denn das britische Finanzamt droht damit, das so merkwürdig investierte Geld zu besteuern - und zwar mit 83%! Konkret: Geld, das irgendwie suspekt angelegt war, soll mit neuem Geld in der fast selben Höhe von aller Steuerschuld "freigekauft" werden (umgerechnet auf heute ging es da um 19 Millionen Euro!). Eine teuflische Falle! Es gibt also nur einen Ausweg: neue Musik. Und um sich das Finanzamt vom Hals zu schaffen, müssen sowohl Produktion als auch Musiker für 12 Monate ins Ausland! Kein leichter Schritt, wenn man dann auch noch die Familien aus dem gewohnten Umfeld reißen muss. David Gilmour und Richard Wright ziehen nach Griechenland, Drummer Nick Mason zieht es nach Frankreich, Roger Waters geht in die Schweiz. Die Studio-Aufnahmen finden hauptsächlich in Frankreich und den USA statt.

David Gilmour (Foto: SWR)

Roger Waters schreibt über Roger Waters – und jemand anderen…

Man muss sich das mal bildlich vorstellen: Da ist man im Exil, nur weil irgendwelche Finanzjongleure mit dem Geld anderer Leute Schindluder betreiben. Die Pink-Floyd-Mitglieder sind gezwungen, ein Jahr im Ausland zu verbringen! Auch wenn man es natürlich härter treffen kann, als diese Zeit auf griechischen Urlaubsinseln zu verbringen: Exil ist Exil. Und der ein oder andere aus der Truppe wird sich über massive Eheprobleme beklagen. Und damit sind die Themen für das kommende Album gesetzt. Es soll eine Rock-Oper in Form eines Konzept-Albums werden. Es soll um Entfremdung gehen. Ein Künstler, der sich nicht mehr mit seinem Publikum versteht, nicht mehr mit seiner Ehefrau klarkommt – und überhaupt nicht mehr mit sich selber und der Welt klarkommt. Ein Mensch, der sich einmauert.

Roger Waters 1977 (Foto: picture alliance / Hans Dürrwald -)
picture alliance / Hans Dürrwald -

Fast das komplette Album ist ein Alleingang von Roger Waters. Er schreibt zu jedem der 26 Titel Text und Musik; und nur bei vier dieser 26 Songs sind noch andere Leute beteiligt - z. B. bei "Comfortably Numb" mit dem sehr prominenten Gitarren-Solo von David Gilmour. Aber wen beschreibt Waters da? Offenbar geht es um einen Musiker mit den Namen "Pink", der da in die seelische Isolation gerät. Ein junger Rockstar, der massive psychische Probleme hat, von Gewalt und Drogen geprägt ist und der von einer dominanten Mutter verkorkst wurde. Und dieser Pink ist auch noch jemand, der zu allem Überfluss vom Schmerz erfüllt ist, die die Lücke eines abwesenden Vaters erzeugen kann – eines Vaters, den das Kind durch Krieg verliert. Ein sadistischer Lehrer aus der Kindheit sorgt für einen weiteren Baustein in dieser Mauer (daher der Titel "Another Brick In The Wall"). Für alle Beobachter ist schon bald klar: Roger Waters erzählt von sich selber. UND er erzählt vom frühen Pink-Floyd-Musiker Syd Barrett, der wegen seiner psychischen Erkrankungen aus der Band raus musste.

Risse in der Band sind kaum zu kitten

Roger Waters ist nicht gerade bekannt dafür, ein umgänglicher Charakter zu sein. Dass er hier so einen derartigen Seelen-Striptease in Wort und Musik hinlegt – garniert vom erzwungenen Exil in der Schweiz – sorgt nicht gerade für heitere Stimmung in den Aufnahmesessions. Waters will die Gesamtkontrolle über das Werk haben. Das stößt auf Widerstand beim Rest der Band – auch bei einem der Produzenten. Bob Ezrin sorgt aber immerhin dafür, dass die Wogen einigermaßen geglättet werden. Er ist so eine Art Vermittler. Es ist gut, dass er dabei ist, aber der Riss in der Band ist kaum zu kitten. Ezrin sorgt für einen gewissen Hausfrieden während der Aufnahmen, er glättet das "Manuskript" zum Konzept-Album, und er sorgt für einen unfassbaren Klang, der "The Wall" auch zum Meilenstein für sämtliche Hifi-Freaks dieser Erde macht. Das Schlagzeug ist markerschütternd, der Hubschrauber relativ zu Beginn des Albums sorgt dafür, dass man Angst hat, die eigenen Vier Wände krachen zusammen – und kleine Spielereien wie etwa, dass man in der Musik das Echo einer Stimme VOR der eigentlichen Stimme hört – das sind Tricks, die noch heute staunenswert sind.

Endlich der ersehnte Geldregen

Den Rest erledigt die Musik von Roger Waters, die eine unfassbare Sog-Wirkung ausübt. "Another Brick In The Wall Part II" wird als Single ebenso wie das Doppelalbum zum Multi-Millionen-Seller. Die Konzert-Shows gehen wegen ihres Aufwands in die Geschichte der Live-Musik ein. Und die Musiker werden endlich wieder reich. Sehr reich sogar. Roger Waters, der die Autorenrechte zu jedem einzelnen der Songs hat, wird mit Album und späteren Solo-Auftritten mit "The Wall" laut "Forbes" zu einem der wohlhabendsten Musiker des Erdballs. Sein Vermögen wird im Jahr 2018 auf umgerechnet knapp eine Viertel Milliarde Euro geschätzt.

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