Sting in der Deutschlandhalle Berlin (1991) (Foto: Imago, imago/BRIGANI-ART -)

Sting: "Ten Summoner's Tales" (1993) Das Lächeln am Ende der Platte

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Ein Meilenstein der Musikgeschichte

Nach dem düsteren Vorgänger "The Soul Cages" aus dem Jahr 1991 ist Sting wie befreit. Er fühlt sich "therapiert", wie er gesteht. Die Folge: "Ten Summoner's Tales" wird 1993 zum leichtherzigen Meilenstein für den Künstler.

Das Ess-Zimmer auf dem Landsitz wird zum Studio umfunktioniert

Sting und seine Frau Trudie Styler (1993) (Foto: dpa/picture-alliance -)
Sting und seine Frau Trudie Styler (1993) dpa/picture-alliance -

"Ich hasse Studio-Atmosphäre", erzählt Sting auf seiner Homepage. "Man kann kein Fenster aufmachen, es gibt keine frische Luft, immer ist es dunkel. Wenn man Pech hat, kann es sein, dass man die Sonne monatelang nicht sieht. Für mein nächstes Studio-Album nach 'The Soul Cages' (1991) wollte ich das im Jahr 1993 vermeiden. Ich habe mir ein mobiles Studio-Equipment gekauft und die LP zu Hause aufgenommen – auf meinem 400 Jahre alten Landsitz 'Lake House' in Wiltshire. Direkt im Ess-Zimmer. Die Küche war nebenan. Wir waren von leckerem Essensgeruch umweht, wenn wir mal Pause hatten. Die Fenster konnte man öffnen und natürlich auch mal im Freien spazieren gehen."

Wie spricht man das eigentlich aus?

Eine wunderbar leichte Atmosphäre also, in der Sting sein Kult-Album "Ten Summoner's Tales" aufnimmt – und sowohl Kritiker als auch Sting selber betonen, dass man diese Leichtigkeit dem Album auch anhören würde. Andererseits muss man auch wissen: Das Vorgänger-Album "The Soul Cages" war im Vergleich dazu ein düsteres Werk. Dort hatte der Sänger sich mit Themen wie Verlust und Tod auseinandergesetzt. Das sei für ihn wie eine Therapie gewesen – und diese Therapie habe Früchte getragen, wie er einmal dem amerikanischen Billboard-Magazin erzählt. Danach habe er sich wie befreit gefühlt. Er konnte im übertragenen Sinne einen Schritt nach vorne machen.

Sting auf der Waldbühne Berlin (1991) (Foto: Imago, imago/BRIGANI-ART -)
Sting auf der Waldbühne Berlin (1991) Imago imago/BRIGANI-ART -

"Ten Summoner's Tales" war auf gar keinen Fall als ähnlich schwere Kost gedacht; es hatte einzig und allein die Absicht, unterhalten zu wollen. Als Vorbild für seine Texte nimmt sich Gordon Sumner – so Stings bürgerlicher Name – einen Klassiker der englischen Literatur als Vorbild: die "Canterbury Tales" von Geoffrey Chaucer. Eine Textsammlung aus dem Mittelalter, in der es auch die Erzählung eines Boten gibt: "The Summoner's Tale".

Bei "Summoner" liegt die Betonung auf der ersten Silbe und das "o" ist stumm. Das Wort wird also fast wie der englische "Summer" ausgesprochen – und klingt exakt genauso wie der bürgerliche Nachname von Sting – also "Sumner". Eine kleine Doppeldeutigkeit, die sich der Künstler hier erlaubt.

Auch beim Titel ist er doppeldeutig. Auf dem Album sind zwölf Lieder drauf – und nicht etwa zehn. Seine künstlerische Freiheit: Song Nummer 1 und 12 bezeichnet er als "Prolog" bzw. "Epilog".

"Wenn die Platte zu Ende ist, soll man ein Lächeln auf den Lippen haben"

Wer in englischsprachiger Literatur einigermaßen zuhause ist, weiß also, was ihn bei diesem Album erwarten könnte: Ein Füllhorn an verschiedensten Geschichten – erzählt in den unterschiedlichsten Stimmungen.

Sting sagt über die Canterbury Tales: "Romantisch und unflätig. Lustig und traurig. Und meine Platte ist genau so! Hier gibt es die verschiedensten Charakter-Skizzen. Romantische Geschichten, rüde Geschichten. Mal ist es düster. Mal ist es lustig!". Aber alle Lieder spiegelten nur das wieder, was Sting damals persönlich widerfahren sei, so der Künstler.

Die Mühsal eines Lebens, das auch als Millionär nicht sorgenfrei ist. Man hat es hier also wieder mit einem sehr persönlichen Album zu tun. Allerdings mit einem, das, wie schon erwähnt, leichtherzig daher kommt. "Wenn die Platte zu Ende ist, soll man ein Lächeln auf den Lippen haben. Bei mir ist das jedenfalls so!", schreibt Sting stolz auf seiner Internet-Seite.

Film-Fans, Sting-Fans, Konto-Inhaber, Grammy-Jury: alle zufrieden!

Der Blick aufs Konto dürfte auch ein Lächeln auf sein Gesicht gezaubert haben. Das Album verkauft sich bis heute weltweit 10 Millionen Mal.

"It's Probably Me" geschrieben von Sting und Eric Clapton für "Lethal Weapon 3" mit Mel Gibson, Joe Pesci und Danny Glover (Foto: Imago, imago/United Archives -)
"It's Probably Me" geschrieben von Sting und Eric Clapton für "Lethal Weapon 3" mit Mel Gibson, Joe Pesci und Danny Glover Imago imago/United Archives -

Zwei der insgesamt sechs Single-Auskopplungen werden zu Klassikern ("Fields of Gold" und "Shape Of My Heart" werden immer wieder gecovert). "It's Probably Me" ist in einer knackigeren Version (zusammen mit Co-Autor Eric Clapton!) der Titelsong zum Kultfilm "Lethal Weapon 3" – und ein weiterer Kultfilm ("Leon – Der Profi") profitiert ebenfalls von Sting: Das traurige Ende des Films wird mit der traurigen Musik von "Shape Of My Heart" unterlegt. Für den Gesang zu "If I Ever Lose My Faith In You" gibt es einen Grammy – genauso wie für die brillante Aufnahmetechnik.

Man sieht also: Der Umzug von einem "echten" zu einem improvisierten Tonstudio, das eigentlich ein Ess-Zimmer war – dieser Umzug hat sich gelohnt!

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