Alan Parsons Live Project (Foto: Provinztour -)

Alan Parsons Project: "Tales of Mystery and Imagination" (1976) Willkommen in der Gruselwelt des Edgar Allan Poe!

Ein Meilenstein der Musikgeschichte

Ein sprechender Rabe, ein schwatzhaftes Herz, ein Fass Amontillado. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Schauergeschichten von Poe in Musik umgesetzt wurden. Alan Parsons Project machen das 1976 mit ungeahnter Wucht.

"Nimmermehr", sprach der Rabe. "Nimmermehr!"

Eric Woolfson – einer der beiden musikalischen Köpfe hinter dem Alan Parsons Project – genießt in den 60er Jahren ein wohliges Gänsehautgefühl. Auf dem Weg zur Schule drückt er sich an den Auslagefenstern der Kinos die Nase platt. Denn da gibt es gruselige Filmposter zu bestaunen – Poster, die offenbar Verfilmungen von Edgar-Allen-Poe-Geschichten darstellen: "The Raven", "The House of Usher" und "The Pit and The Pendulum" heißen diese Streifen. Aber Woolfson darf die Filme mit den klingenden Namen nicht sehen. Er ist als Teenager damals zu jung für die B-Horror-Streifen. – Es sind tatsächlich B-Filme. Sie alle stammen vom Regisseur Roger Corman, der bis heute unter Filmfans einen beträchtlichen Kult-Status erfährt. Vincent Price wird mit den Filmen ebenfalls zum Kultstar.

Alan Parsons (Foto: SWR)

Einige Jahre später besucht der nun erwachsene Eric Woolfson ein Marketing-Seminar. Der Dozent lässt einen staunenswerten Satz fallen, der auf der Homepage von Alan Parsons Project zitiert wird. Demnach sagt der Dozent damals: "Keine Edgar-Allan-Poe-Verfilmung hat jemals Verlust gemacht!". Woher der Dozent diese Einsicht hat, bleibt unklar. Aber plötzlich ist da wieder dieser Name des berühmten amerikanischen Grusel-Dichters im Kopf des Komponisten. Und wenn Poe grundsätzlich für finanziellen Gewinn steht – jedenfalls bei Filmen – warum dann nicht auch bei Musik? Das ist die Geburtsstunde des Debütalbums "Tales of Mystery and Imagination" von Alan Parsons Project.

Schicksalhafte Begegnung in der Beatles-Kantine

Woolfson ist Anfang der 70er Jahre fertiger Komponist, Texter, Arrangeur und Studio-Musiker. Weil in Glasgow nicht gerade das Herz der Musikwelt schlägt, zieht er nach London. Dort baut er eine einigermaßen erfolgreiche Karriere auf – wobei er aber stets der Unbekannte im Hintergrund bleibt. In den legendären Abbey Road Studios stolpert er in der Kantine über einen gewissen Alan Parsons. Der arbeitet dort als Tontechniker und wird von der Hifi-Gemeinde des Erdballs abgöttisch verehrt. Denn er ist derjenige, der dafür gesorgt hatte, dass die letzten beiden Beatles-LP´s ("Abbey Road" und "Let It Be") endlich auch mal klanglich toll geworden waren. Und bei Pink Floyds "Dark Side of The Moon" hat er sich 1973 quasi unsterblich gemacht, weil er (als Assistent!) einen Sound eingefangen hatte, der noch heute unglaublich ist. Woolfson und Parsons treffen sich also in der Kantine, beide verstehen sich auf Anhieb, und schon sind sie eine Band. Woolfson hat das Songmaterial seiner Edgar-Allan-Poe-Ideen immer noch im Kopf – und auch Parsons ist ein versierter Komponist. Er kommt nur nicht dazu, seine Ideen umzusetzen. Da ist die neugegründete Partnerschaft die klassische Win-Win-Situation!

Die U-Bahn sorgt für Probleme

Also nichts wie ran an die Arbeit. Da Parsons eh schon in den Abbey Road Studios arbeitet, ist klar, wo die Aufnahmen stattfinden werden. Da beide auch große Freunde des Konzepts der Gastmusiker sind, wird das Debüt auch personell ziemlich umfassend. 34 Einzelmusiker plus Orchester. Der Progressive-Rock der 70er Jahre steht grundsätzlich für Bombast – auch personell. Auf der A-Seite gibt es einzelne Songs – frei nach Geschichten von Edgar Allan Poe. Garniert von einem Intro, das Orson Welles spricht. Den hört man in den 70er Jahren nur auf Promo-Versionen. Erst 1987 – anlässlich der CD-Veröffentlichung – ist seine Stimme dann auch für das komplette Publikum vernehmbar.

Alan Parsons Live Project in Stuttgart (Foto: SWR, SWR1 - Foto: Willi Kuper)
Foto: Willi Kuper SWR1 - Foto: Willi Kuper

Die B-Seite besteht fast komplett aus einer Orchester-Komposition, die in mehrere Abschnitte unterteilt ist. Hier wird "Der Untergang des Hauses Usher" in Musik dargestellt – Musik, die ein bisschen an den Impressionismus von Claude Debussy erinnern soll. Sowohl Alan Parsons als auch Eric Woolfson wollen zusätzlich einen prächtigen Donner-Klang aufnehmen. Sie haben ein Mikrofon, das in Sourround-Klang aufnimmt. Aber sie haben kein Unwetter. Es ist Hochsommer in London. Als es endlich mal ordentlich kracht, laufen sie mit dem Mikrofon nach draußen – in den Garten der Abbey Road Studios. Die Regentropfen klatschen aber so laut auf das Mikro, dass der Donner nicht zu hören ist. Erst als sie eine Abdeckung besorgen, gelingt die Aufnahme. Die Orchester-Aufnahmen finden in der Londoner Kingsway Hall statt. Bei Klassik-Fans ein berüchtigter Ort. Denn das weltberühmte London Symphony Orchestra nimmt hier über die Jahrzehnte hinweg insgesamt 421 Schallplatten auf – und auf vielen dieser Aufnahmen hört man sehr deutlich das Rumpeln der Londoner U-Bahn! Woolfson und Parsons sind zwar begeistert von der Akustik der Kingsway Hall – nicht aber von der benachbarten U-Bahn. Die Aufnahmen müssen ständig unterbrochen werden!

Edgar Allan Poe steht immer für Gewinn!

Was den Marketing-Dozenten und sein skurriles Poe-Zitat angeht: Er hatte wohl Recht! Denn das Alan Parson Project macht tatsächlich keinen Verlust mit dem Album. Im Gegenteil! Die Debüt-LP verkauft sich außerordentlich prächtig für ein Debüt – und ganz besonders gut laufen die Geschäfte in Deutschland. Von da an haben die Briten ihr wichtigstes Standbein hierzulande. Denn nirgendwo sonst ist die Fanbasis so groß wie in Deutschland.

Und heute? Eric Woolfson stirbt 2009 an den Folgen von Nierenkrebs. Er ist gerade mal 64 Jahre alt. Da hatte sich die Band schon längst getrennt. Alan Parsons hingegen hat seit den 90er Jahren immer wieder Lust gehabt, das Projekt, das seinen Namen trägt, neu zu beleben. Bis heute ist er immer wieder auf den Bühnen der Welt zu Gast – dann mit dem "Alan Parsons Live Project".

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