Jim Kerr von den Simple Minds (1991) (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)

Simple Minds: "Street fighting years" (1989) Rock-Musik war schon immer politisch

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Ein Meilenstein der Musikgeschichte

Überfliegt man kurz die Titel-Liste dieses Simple-Minds-Klassikers, wird man stutzig: Bei Begriffen wie Biko, Mandela und Belfast Child – bei Song-Namen wie "Street Fighting Years", "This Is Your Land" und "Soul Crying Out" ist sofort eines klar: Das wird ein politischer Rundumschlag!

Pop und Politik? Ist ja wohl Ehrensache!

Jim Kerr von den Simple Minds auf der Waldbühne in Berlin (1989) (Foto: imago/BRIGANI-ART -)
Jim Kerr von den Simple Minds auf der Waldbühne in Berlin (Sommer 1989) imago/BRIGANI-ART -

Dass Rock- und Pop-Musik – ganz besonders auch die Folk-Musik – schon immer einen gewissen Hang zum politischen Protest hatten, gehört zu den Grundeigenschaften dieser Stil-Richtungen.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die schottische Band "Simple Minds" ebenfalls politisch wurde. Das hätte man ihr dem Band-Namen nach nicht unbedingt zugetraut. Denn der steht ja für Menschen, deren intellektueller Horizont nicht über den eigenen Tellerrand hinausgeht - die eben recht einfach gestrickt sind. (Tatsächlich ist der Name einem David-Bowie-Song entliehen.) Die Simple Minds formen sich Ende der 70er Jahre. Zunächst nur eine der üblichen Schüler-Punk-Bands, mausern sich die Schotten immer mehr zu britischen Stars.

Seit Mitte der 80er Jahre unterstützen sie offen "Amnesty International" – und die Anti-Apartheid-Bewegung, die damals ebenfalls spektakuläre Erfolge feiert. Denn Show-Stars weltweit sind Feuer und Flamme, wenn es darum geht, das Unrecht in Südafrika anzuprangern.

Konflikte wohin man sieht – und hört

Es sind besonders die Schicksale zweier Männer, die dem staatlichen und gewalttätigen System der Trennung von Schwarz und Weiß dort ein Gesicht geben: Steve Biko und Nelson Mandela.

Der Bürgerrechtler Biko war Jahre zuvor (1977) in Polizeigewahrsam so entsetzlich schwer misshandelt worden, dass er an den Folgen stirbt. Mandela sitzt seit einem Vierteljahrhundert im Gefängnis.

Dieses schreiende Unrecht sorgt dafür, dass Weltstars politisch werden. Die Simple Minds holen im Jahr 1989 mit ihrem Album "Street Fighting Years" zum Rundumschlag aus. Der Nord-Irland-Konflikt? "Belfast Child" ist die Folge. Das Unrecht in Südafrika? Wird mit gleich zwei Liedern prominent beleuchtet: in "Mandela" und in "Biko" (das eigentlich von Peter Gabriel stammt). Sänger und Texter Jim Kerr gesteht rückblickend, dass es bei dem Album in jedem Lied um irgendeinen Konflikt ging – und darum, wie man in den No-Future-80ern darum kämpfen musste, heil zu bleiben. Zeitgeist würde man heute sagen. Und irgendwann – vielleicht auch Dank der Unterstützung vieler Showstars – irgendwann ist dann auch Nelson Mandela frei. Zwei Jahre nach diesem Simple Minds Album.

Jim Kerr von den Simple Minds in Berlin Anfang 1989 (Foto: imago/BRIGANI-ART -)
Jim Kerr in Berlin (Anfang 1989) imago/BRIGANI-ART -

Die Kritik - ratlos

Und die Musik selber? Musikalisch ist hier alles auf "Größe" getrimmt; auf Stadion-Rock (was auch am Produzenten Trevor Horn liegt, der berühmt war für Bombast-Sound). Immer wieder ist der Einstieg zunächst mystisch verlangsamt. Dann E-Gitarren und – mit weit ausholenden Bewegungen – das Schlagzeug. Musik, die weiß, wie man das Ohr angelt. Die Fans wissen automatisch, an welchen Stellen sie die Arme hochreißen dürfen und wo sie die Feuerzeuge anzünden können.

Für viele Kritiker ist das damals aber buchstäblich zu viel des Guten. Sie können sich nicht einigen. Ist das jetzt alles großartig – oder vielleicht doch alles nur großartiger Kitsch – trotz der politischen Ambitionen? Das kommt drauf an, in welchem Land man sich befindet. Die Rezensionen in den USA fallen vernichtend aus. Diesseits des Atlantiks sind sie eher positiv. In Amerika floppt das Album (Höchstplatzierung dort: die 70), in Deutschland, England und anderen europäischen Ländern wird das Album aber die Nummer 1.

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