Mick Jagger rockt 1972 die Bühne in San Francisco (SWR1 Meilenstein: Sticky Fingers - Rolling Stones) (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)

The Rolling Stones: "Sticky Fingers" (1971) "Das war eine Phase, in der wir wirklich gut waren!"

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Ein Meilenstein der Musikgeschichte

Ein Rolling Stone gibt im Mai 2018 dem "Rolling Stone" ein Interview. Eine unvermeidliche Frage an Keith Richards: "Hast Du ein Lieblings-Stones-Album?". Richards hat eine Antwort. Eigentlich sind es sogar vier Antworten…

Die Frage nach dem persönlichen Lieblings-Stones-Album war für Keith Richards nicht ganz leicht zu beantworten. "Das sei so, als ob man sich bei den eigenen Kindern nur für eines entscheiden dürfe", so der Musiker. Also gibt er eine salomonische Antwort: Eigentlich sind es vier Antworten: Denn er nennt "Beggars Banquet", "Let it Bleed", "Sticky Fingers" und "Exile on Mainstreet".

Das sind vier Alben, die in den Jahren 1968 bis 1972 hintereinander entstehen. Und das sind Alben, wo jede Menge Klassiker drauf sind, wie z.B. "Sympathy for the Devil", "You can't always get what you want", "Brown Sugar" oder auch "Shine a light". Zitat Keith Richards: "Das war eine Phase, in der wir wirklich gut waren!". Okay, dann schauen wir uns den Meilenstein "Sticky Fingers" mal genauer an.

Ein Cover sorgt für Empörung

Allerdings: Bevor man reinhört, stolpert man schon über das äußere Erscheinungsbild – und das sowohl heute als auch im Jahr 1971. Wobei die Empörung damals deutlich größer war. Auch wenn es seit 1968 die vielgerühmte "sexuelle Befreiung" gibt: Das Cover ist schon ein starkes Stück. Man sieht nur einen Mann. Oder besser gesagt: Man sieht nur einen halben Mann; von der Gürtel-Linie an abwärts. Sein "bestes Stück" zeichnet sich in der ziemlich engen Hose naturgemäß ziemlich deutlich ab. Und ein echter Reißverschluss lädt dazu ein, beherzt zuzugreifen.

Die berühmte Zunge der Rolling Stones (SWR1 Meilenstein: Sticky Fingers der Rolling Stones) (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Nick Ansell)
Seit 1971 das Markenzeichen der Rolling Stones: Eine große rote Zunge! picture-alliance / dpa - Nick Ansell

Der Titel, der zu deutsch "klebrige Finger" heißt, ist ebenfalls alles andere als subtil. Holt man damals das Vinyl aus dem Cover heraus, wird man auch noch – erstmals in der Geschichte der Rolling Stones! – von einer überdimensional großen Zunge angesprungen; man kann auch sagen: "abgeleckt"! Für Spaniens Diktator Franco im Jahr 1971 ein allzu starkes Stück. Er lässt das Art-Work verbieten. Das Album erscheint dort folglich mit einem völlig anderen Cover. Das Kunst-Genie Andy Warhol ist für das Design verantwortlich. Er wird mit einem fürstlichen Honorar von 15.000 Pfund belohnt. Klingt wenig. Aber auf das Jahr 2018 umgerechnet entspricht das einer spektakulären Gage von 230.000 EUR!!! Übrigens: Original-Vinyl-Ausgaben mit dem echten Reißverschluss werden heute zu horrenden Preisen gehandelt.

Die Rolling Stones in Hamburg 1970 (SWR1 Meilenstein: Sticky Fingers - Rolling Stones) (Foto: Imago, Imago/Heiko Fedderson -)
Sehr freizügig ging es bei den Stones auch in Hamburg auf der Bühne 1970 zu. Imago Imago/Heiko Fedderson -

Der Blues weist die Richtung

Lässt man die offensichtlichen Provokationen mal beiseite, hat es natürlich einen Grund, warum Keith Richards speziell dieses Album auf die einsame Insel mitnehmen würde – und das ist seine musikalische Qualität. Dass die Band damals wirklich in einer "richtig guten Phase" war, wie Richards beteuert, hört man dem Album an – und zwar in jedem einzelnen Titel; vom ersten bis zum letzten. Alles wirkt organisch gewachsen. Kein Lückenfüller ist dabei. Man hat es hier ganz offensichtlich mit einem Album zu tun, das dafür gedacht war, dass man es an einem Stück hört.

Single-Auskopplungen sind rar (es sind nur zwei). Jedes Stück folgt einer erkennbaren Dramaturgie. Das Tempo des schnellen Openers bleibt fast eine Ausnahme; die Stones sind hier bemerkenswert konzentriert. Sie spielen sich nicht in einen Rausch; sie spielen um der Musik Willen. Das hört man dem Grundtempo der Stücke an, die fast alle eher etwas langsamer sind. Nur hier und da blitzt mal ein Up-Tempo durch. Rock´n´Roll ist das nicht. Das ist eher mal Country und viel häufiger noch Blues. Und das ist auch das Qualiätsmerkmal, auf das Keith Richards sehr stolz ist: "Es war schon immer der Blues, der uns musikalisch den Weg gezeigt hat".

Keiner kommt an Wim Thoelke vorbei – oder doch?

Sticky Fingers ist ein Meilenstein und Wendepunkt für die Rolling Stones. 1971 wird es zum bis dahin kommerziell erfolgreichsten Album für die Band. Sie lassen sich viel Zeit im Studio und sind erst nach über eineinhalb Jahren fertig. Sie trennen sich von ihrer bisherigen Plattenfirma DECCA und veröffentlichen zum ersten Mal bei ihrem eigenen Label "Rolling Stones Records". Es gibt ein neues Bandmitglied: Gitarrist Mick Taylor, der den Sound der Truppe für wenige Jahre mitbestimmt.

Und auch noch bemerkenswert: Die LP-Verkäufe waren und sind – gemessen am Ruf einer weltweit erfolgreichen Band – traditionell eher schlecht. Aber von "Sticky Fingers" gehen 3,2 Millionen Exemplare über den Ladentisch. Und das war für die britische Star-Truppe ein verdammt guter Wert. Sieht man mal vom Greatest Hits Album "Hot Rocks 1964 – 1971" ab, das sich im zweistelligen Millionenbereich verkauft, laufen später nur "Some Girls" (1978) und "Tattoo you" (1981) besser.

Auch bemerkenswert: Sowohl in England als auch in den USA werden die "Sticky Fingers" zur Nummer 1. Das allein ist schon außergewöhnlich. Viel außergewöhnlicher ist allerdings, dass die Truppe diesen Erfolg 1971 auch in den deutschen Alben-Charts schafft. Denn die sind in diesem Jahr durch und durch deutsch! Keiner kommt vorbei an James Last bzw. Wim Thoelke (mit dem Schlager-Sampler "3x9"). Keiner - außer Deep Purple und den Rolling Stones. Da hat sich offenbar die Rock-Fraktion durchgesetzt gegen eine allzu leichte - allzu seichte! - Schlager-Fraktion!

Die Rolling Stones auf dem Killesberg in Stuttgart im September 1970 (SWR1 Meilenstein: Sticky Fingers der Rolling Stones) (Foto: Imago, Imago/Kraufmann&Kraufmann -)
Die Rolling Stones rockten bereits im September 1970 die Messehalle 6 auf dem Killesberg in Stuttgart. Imago Imago/Kraufmann&Kraufmann -
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