Stevie Wonder 1975 (Foto: imago/ZUMA Press -)

Stevie Wonder: "Songs in The Key of Life" (1976) Songs in der Tonart des Lebens

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Ein Meilenstein der Musikgeschichte

Eigentlich hat Stevie Wonder die Nase voll vom Musik-Geschäft. Mitte der 70er Jahre ist er drauf und dran, nach Afrika auszuwandern. Aber eine unfassbare Geldsumme lockt ihn dann doch zurück ins Studio.

Eigentlich schon alles erreicht

Das muss man sich mal vorstellen. Im Jahr 1976 hat Stevie Wonder schon eine ausgewachsene Karriere hinter sich. Seit den Anfängen als musikalisches Wunderkind hat der jetzt erst gerade mal 26-Jährige schon zwei Greatest Hits-, mehre Live- und jede Menge Studio-Alben hinter sich. Wonder ist in jungen Jahren geprägt von einer unbändigen Schaffenswut.

Als "Songs in The Key of Life" rauskommt, ist das schon sein 18. Studio-Album! Ein musikalisch erfolgreicher Lebensweg wird jetzt – wie könnte es auch anders sein? – von einem Doppel-Album gekrönt. Ein Doppel-Album, das alle Maßen sprengt. Denn eigentlich ist es ein Triple-Album. Es heißt nur nicht so. Offiziell wird der Doppel-LP bei Verkaufs-Start eine "Bonus-EP" beigefügt. Damit sind insgesamt 21 Songs drauf. Die Laufzeit von fast 105 Minuten ist überbordend lang. Und die Liste der beteiligten Musiker ist sogar noch länger. 130 Personen sind beteiligt! Aber so verrückt das klingt: Fast alle Instrumente auf diesem Album werden von Stevie Wonder gespielt!!

Stevie Wonder 1974 in Hollywood (Foto: imago/ZUMA Press -)
Stevie Wonder mit gerade mal 24 Jahren (1974) auf dem Höhepunkt seiner Karriere imago/ZUMA Press -

Ein Angebot, das er nicht ablehnen kann. Beim besten Willen nicht!

Aber beinahe wären diese "Songs" gar nicht zustande gekommen. Wonder war auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt. Es hätte gar nicht besser werden können. Theoretisch. Die letzten beiden Studio-Alben waren unglaublicherweise beide jeweils mit dem Grammy für das "Album des Jahres" ausgezeichnet worden. Der Künstler hat genug Geld, Kritikerlob und Fan-Liebe eingeheimst, um sich für immer zur Ruhe zu setzen. Er ist gerade mal Mitte 20.

Tatsächlich spielt Wonder sogar mit dem Gedanken nach Afrika zu gehen, um dort mit behinderten Kindern zu arbeiten. Wonder war als Frühgeburt zur Welt gekommen. Im Brutkasten wird seine Netzhaut nicht durchblutet. Er ist damit von Geburt an blind. Daher sein Wunsch, mit Kindern in Afrika zu arbeiten. Aber der "Pate" würde sagen: "Wir machen ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann!". Dieses Angebot kommt von einer anderen Plattenfirma, als derjenigen, bei der er bis dahin unter Vertrag stand.

Das Kult-Label Motown bietet ihm einen Vertrag über sieben LPs an (kein Problem für den unfassbar kreativen Künstler) – garniert mit einer Garantie-Summe bei der kein Mensch nein sagen kann. Umgerechnet auf das Jahr 2018 muss man sich das ungefähr so vorstellen: Motown bestellt einen Schwertransporter, vollgestopft mit Dollar-Säcken. Und dieses Geld karren sie dann zu Stevie Wonders Wohnung. Inflationsbereinigt entspricht die damalige Summe heute einem Wert von unfassbaren 192 Millionen Euro! Da kann auch Stevie Wonder nicht nein sagen. Als kleines Sahnehäubchen garantiert Motown ihm oben drauf noch die volle künstlerische Freiheit.

Starke Konkurrenz im Jahr 1976 – Kein Problem für Stevie Wonder

Also nichts wie ran an die Arbeit. Stevie Wonder zieht sich komplett aus der Öffentlichkeit zurück. Er ist im Studio. Alles, was nach außen dringt, ist, dass er sich ein ganzes Jahr Auszeit nehmen wolle, um im Oktober 1975 ein Doppel-Album zu veröffentlichen. Da wird aber nix draus. Oktober 1975 ist zu knapp berechnet.

Peter Frampton 1976 (Foto: imago/ZUMA/Keystone -)
Peter Frampton "verstopft" 1976 die Nummer 1 der US-Alben-Charts monatelang. imago/ZUMA/Keystone -

Insgesamt braucht Stevie Wonder fast zwei Jahre. Die "Lieder in der Tonart des Lebens" (so würde der deutsche Titel lauten) kommen deutlich später heraus: im September 1976. Und die Konkurrenz hat in der Zwischenzeit nicht geschlafen. Denn das ist damals ein starker Jahrgang. Die US-Alben-Charts sind in diesem Jahr sehr britisch dominiert. Peter Frampton "verstopft" die Nummer1-Position monatelang. Ab und zu wird er mal von Paul McCartney und seinen "Wings" abgelöst, auch Led Zeppelin finden sich hin und wieder mal auf der Eins, ebenso wie die "Rolling Stones" und die britisch-amerikanische Co-Produktion "Fleetwood Mac".

Für Stevie Wonder alles kein Problem. Weil die Erwartungs-Haltung so groß ist, gelingt ihm als damals allerersten Künstler ein Rekord: Sein Album steigt von null auf Platz Eins ein. Das hatte es bis dahin nicht gegeben. Und er hält sich gefühlte Ewigkeiten lang dort. Erst die Eagles, die im Dezember 1976 ihr legendäres "Hotel California" veröffentlichen, werden ihn 1977 ablösen.

Ein Meilenstein – bis heute

Der Erfolg ist natürlich enorm. Er ist aber auch künstlerisch enorm. Denn Stevie Wonder wird mit Kritikerlob überhäuft. Das hat selbstverständlich mit den überdurchschnittlich intelligenten Texten zu tun, die ein ganzes Leben abbilden: Geburt ("Isn't She Lovely"), Religion ("Have A Talk With God"), Rassismus ("Village Ghetto Land" und "Black Man") und Liebe. Und das hat natürlich auch mit der mitreißenden Musik zu tun.

Wonder erfindet unsterbliche Melodien, die bis heute immer und immer wieder gecovert werden. Bis heute ist er stolz auf dieses Album – und bis heute gibt er ausgiebige Touren mit dem Namen "Songs in The Key of Life"; zuletzt im Jahr 2015. Und das zeigt auch: Dieses Album ist nicht nur zeitlos – irgendwie ist es sogar immer aktuell. So wie das Leben an sich.

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